Zwei Schläge und fünf Kontrahenten

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Prost! Ministerpräsident Horst Seehofer, seine Frau Karin, Oberbürgermeister Christian Ude und seine Gattin Edith Welser-Ude (v.l.n.r.) stoßen im Schottenhamelzelt auf eine friedliche Wiesn 2012 an.

München - Mit zwei Schlägen hat Christian Ude routiniert das erste Fass angezapft und die Wiesn eröffnet. Obwohl alle Beteiligten betonten, die Wiesn sei unpolitisch, blieben kleine Sticheleien nicht aus.

Vor allem gegen einen, der sich nicht an die Kleiderordnung hielt.

Josef Schmid sitzt schon eine Stunde vor dem Anzapfen in der Stadtratsbox im Schottenhamelzelt und geht gleich in die Offensive. Er mache heuer zwei Dinge anders, erzählt er: Er werde kein Hendl essen und sei zum ersten Mal nicht in Lederhose gekommen – sondern in Jeans. „Als ich heute morgen in Allach losgegangen bin, hat es so geschüttet, da hatte ich keine Lust auf eine meiner kurzen Lederhosen“, sagt der CSU-Stadtrat.

2014 will Schmid nicht mehr oben auf der Galerie des Zeltes sitzen, sondern als Oberbürgermeister unten anzapfen. Doch eine solche Steilvorlage, wie Schmids Beinkleid lässt sich der Amtsinhaber nicht entgehen. „Mir würden noch gewichtigere Gründe einfallen, warum er nicht Oberbürgermeister werden kann“, sagt Christian Ude oben auf der Galerie, nachdem er das erste Fass routiniert mit zwei Schlägen angezapft hat. „Ich glaube, dass Jeans nicht so schädlich sind wie eine CSU-Mitgliedschaft“, sagt der SPD-Mann.

Es ist eine der wenigen politischen Spitzen während der Eröffnung des Oktoberfestes. Wie im vergangenen Jahr geben sich die beiden Protagonisten Ude und Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) Mühe, den Eindruck zu vermeiden, einer würde die Wiesn-Bühne für den Wahlkampf missbrauchen wollen. „Wir machen keinen Firlefanz, keine Sticheleien, die die Leute eh nicht hören wollen“, sagt Ude. Doch als von unten einige Besucher seinen Namen rufen, steht der OB kurz auf und prostet hinunter. Seehofer bleibt sitzen. Er ist ohnehin sehr einsilbig an diesem Samstag, antwortet auf die Fragen des Moderators immer nur mit „Ja“ oder „Nein“. „Der Ministerpräsident hat das mit der unpolitischen Wiesn wohl sehr ernst genommen“, stichelt Wirtschaftsreferent und Wiesn-Chef Dieter Reiter (SPD). Seehofers Stellvertreter Martin Zeil (FDP) hat eine andere Erklärung: „Vielleicht hat er sich bei der Eröffnung des Zentral-Landwirtschaftsfests verausgabt.“ Schon nach einer Dreiviertelstunde brechen Seehofer und seine Frau Karin auf und überlassen die Bühne Oktoberfest den anderen.

Doch nicht jeder wird auf dieser Bühne gefeiert. Als sich Claudia Roth, die Bundesvorsitzende der Grünen, im gewohnt schrillen türkisen Dirndl erhebt und den Feiernden im Zelt zuwinkt, wird sie ausgepfiffen. Ihre Parteifreundin Sabine Nallinger, die 2014 gegen Reiter und Schmid bei der Oberbürgermeisterwahl antritt, gibt sich zurückhaltender, aber nicht weniger selbstbewusst. „Beim Anzapfen habe ich gedacht, dass wir Frauen das genauso gut können“, sagt sie. „Ich habe letztes Jahr auf der ,Oiden Wiesn‘ drei Schläge gebraucht.“

Das Anzapfen beschäftigt auch Kandidat Reiter schon jetzt. „Ich glaube, als OB ist man wirklich nervös“, sagt er. „Wenn es bei mir mal soweit ist, muss ich Beruhigungstabletten nehmen.“ Überhaupt präsentiert sich Reiter siegessicher, posiert für die Fotografen mit einem Schild, auf dem steht: „Reserviert Oberbürgermeister“.

Doch nächstes Jahr wird keiner der drei Kandidaten anzapfen, sondern noch einmal Ude. „Die CSU hat die Landtagswahl extra so früh gelegt, um zu verhindern, dass ich noch einmal anzapfe“, sagt er. Doch das will sich der OB nicht nehmen lassen. Er werde nächstes Jahr auf jeden Fall ein letztes Mal die Wiesn eröffnen, auch wenn die Landtagswahl, bei der sich Ude um das Amt des Ministerpräsidenten bewirbt, schon eine Woche vor dem Wiesnstart stattfindet. Würde er gewinnen, wäre Ude beim Anstich noch nicht im Amt, könnte noch einmal als Oberbürgermeister auftreten. „Der Abschiedsschmerz wird kommen, aber ich hebe ihn mir für nächstes Jahr auf“, sagt er. Doch er sieht auch Positives: „Ich freue mich schon, nicht mehr als Einziger arbeiten zu müssen in der Anzapfboxe.“

Philipp Vetter/Ann-Kathrin Gerke

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