Zwei Chefinnen für die Ochsenbraterei

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Die zwei Chefinnen der Ochsenbraterei: Anneliese Haberl (re.) und ihre Tochter Antje Schneider

München - Seit 130 Jahren gibt's die Ochsenbraterei auf der Wiesn: Nach dem Tod von Festwirt Hermann Haberl im Februar dieses Jahres führen nun erstmals nur Frauen das Zelt.

Das Poster zeigt eine Collage, in deren Mitte herausstechend Hermann Haberl in die Kamera lacht. An einer anderen Wand hängen Fotos, die Stationen zeigen im Leben eines Mannes, der sich hochgearbeitet hat vom Bauchladenverkäufer zum angesehenen Wiesn-Wirt. „Hier im Zelt ist er total gegenwärtig“, sagt Antje Schneider. „Er hat diese Wiesnfamilie aufgebaut – und darauf sind wir stolz.“ Antje Schneider blickt auf die Bilder ihres Vaters. Hier in der Ochsenbraterei, meint sie, sei es für sie am leichtesten mit dem Tod ihres Vaters umzugehen. „Wir können das weiterführen, was er wollte, das ist tröstlich“, sagt sie und schaut zu ihrer Mutter, die ihr aufmunternd zulächelt. Gemeinsam führen sie nun  die Ochsenbraterei.

Die beiden Frauen sitzen am Tisch in ihrem gemütlichen, holzgetäfelten Wiesnbüro in der Ochsenbraterei. Hierher ziehen sie sich zurück, wenn sie in Ruhe arbeiten wollen oder ihnen der Trubel im Zelt zu viel wird. Wenn sie mit den Tränen kämpfen, wenn mal wieder ein Stammgast bemerkt hat: „Das hätte dem Hermann gefallen.“ Anneliese Haberl schluckt kurz, dann lächelt sie wieder. „Die Gäste wollen eine fröhliche Wirtin sehen“, glaubt sie. „Inzwischen geht das, aber die ersten Tage auf der Wiesn waren schwer.“

Niemals ohne Dirndl

Seit 1980 führt die Familie Haberl die Ochsenbraterei, die seit 130 Jahren auf dem Oktoberfest steht. Tochter Antje – inzwischen verheiratet, Mutter von vier Kindern und Wirtin vieler Restaurants wie der Kugler Alm und dem Biergarten am Chinesischen Turm – ist auch in dem Zelt aufgewachsen. Sie kann sich noch gut erinnern, wie sie früher, als sie noch zur Schule ging, am Nachmittag in die Ochsenbraterei kam, um ihren Eltern zu helfen. „Meine Mutter stand dann immer mit einem Dirndl da und wollte, dass ich das anziehe“, erzählt sie. „Ich habe immer gesagt: Das kannst du nicht machen, wenn mich jemand aus der Schule sieht, die machen sich über mich lustig.“ Heute betritt Antje Schneider das Zelt nicht ohne Dirndl. Immerhin hat sie wichtige Aufgaben von ihrem Vater übernommen, unter anderem die Gästebetreuung. „Früher ist mein Mann durchs Zelt gelaufen und hat die Gäste begrüßt“, berichte Anneliese Haberl. „Jetzt macht das meine Tochter.“

Zwar zeigt sich auch Anneliese Haberl regelmäßig im Zelt. Doch sie muss sich erst daran gewöhnen, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen. „Ich habe immer hinter den Kulissen gearbeitet, das liegt mir mehr.“ Allerdings, gesteht sie und lächelt vielsagend, „macht es mir inzwischen schon Spaß, draußen zu sein – die Leute sind so nett“. Das findet auch Antje Schneider.

Gemeinsam strahl das Frauenteam Stärke aus

Die Juniorwirtin genießt es, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Und sie verfolgt ein klares Ziel: den zufriedenen Gast. Ein Ziel, das auch ihr Vater stets vor Augen hatte. Sein Tod, erklärt sie, habe die Familie noch enger zusammengeschweißt. Anneliese Haberl nickt. Sie lässt ihren Blick durchs Büro schweifen und bleibt bei dem Poster hängen, von dem ihr Mann lacht. „Ich danke dem Herrgott, dass er ihn hat aufrecht gehen lassen“, sagt sie. „Für ihn wäre es die größte Strafe gewesen, wenn er nicht mehr hätte teilhaben können.“ Und heuer, meint Anneliese Haberl, hätte er die Wiesn gesundheitlich nicht mehr geschafft. Schon letztes Jahr sei ihr Mann nicht mehr dauernd auf der Wiesn gewesen. Und zum ersten Mal sei er da nicht beim Einzug der Wiesnwirte auf dem Wagen mitgefahren. „Das war schrecklich“, erinnert sich Anneliese Haberl. Und Antje Schneider fügt hinzu: „Noch schlimmer als heuer.“ Mutter und Tochter – jeder wirkt besorgt um den anderen, doch gemeinsam strahlen sie die Stärke aus, die sie brauchen, um als Frauenteam ein Wiesnzelt zu führen.

Die Wiesn-Plakate seit 1952

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Wer das Sagen hat? Antje Schneider antwortet: „Mein Vater und meine Mutter haben das alles aufgebaut – klar, wer das Sagen hat.“ Doch davon will Anneliese Haberl nichts wissen. „Ich überlass das meiner Tochter und halte mich lieber hinter den Kulissen.“ Na gut, gibt die Tochter zu. „Aber es ist gut, im Notfall jemanden zum Fragen zu haben.“ Das lässt die Mutter gelten, mehr aber nicht. Ihre Tochter, meint sie, sei „der Vater in Grün – von der Dynamik her“. Antje Schneider gefällt das Kompliment, sie drückt ihrer Mutter dankbar die Hand. Hermann Haberl, sagen beide, sei sehr beliebt gewesen. Nicht nur die Gäste, auch die Mitarbeiter hätten ihn über die Maßen geschätzt. Seit Jahren arbeite in der Ochsenbraterei das gleiche Team. So will die Tochter es beibehalten und fortführen, was ihr Vater aufgebaut hat. Dazu hält sie sich an etwas, was ihr Hermann Haberl stets gepredigt hat: Wer zu ihm kommt, der soll den Alltag vergessen und in eine andere Welt eintauchen. Eine Welt, die jetzt fest in Frauenhand ist.

Von Bettina Link

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