Wirbel um Blut-Tests an Wiesn-Besuchern!

Tausende Sanitäter kümmern sich jährlich um betrunkene Wiesn-Besucher. Doch jetzt gibt es Wirbel um die BRK-Wache: Dort haben Ärzte nach Recherchen der tz hunderten Oktoberfest-Besuchern Blut abgezapft - zunächst ohne Zustimmung!

Rund sechs Millionen Menschen kommen jährlich zur Wiesn – 3000 feiern, bis der Arzt kommen muss. Dann kümmern sich 1500 Sanitäter und 200 Mediziner des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) in der Wiesn-Wache um die Betrunkenen. Sie helfen und retten ehrenamtlich von Früh bis Spät – ohne einen Cent Lohn. Doch jetzt gibt es Wirbel um die BRK-Wache: Dort haben Ärzte nach Recherchen der tz hunderten Oktoberfest-Besuchern Blut abgezapft und auf mehrere Werte und sogar Drogen getestet – zunächst ohne Zustimmung!

Bei den Betroffenen handelte es sich um Besucher im Bier-Delirium, die das Rote Kreuz zur Behandlung in die Wache gebracht hatte. Einige waren noch minderjährig. Die Tests waren nach Meinung von Experten für die Patienten nutzlos. Mittlerweile interessiert sich auch die Staatsanwaltschaft für den Fall. Körperverletzung durch Ärzte, begangen auf dem Oktoberfest, hundertfach? Das BRK widerspricht in allen Punkten vehement!

Fest steht: So richtig profitiert haben nur die Universitäten Leipzig und Dortmund. Mehr als ein Dutzend Wissenschaftler verfassten zusammen eine Studie in der renommierten Fachzeitschrift Archives of Toxicology im Dezember 2008 – der übersetzte Titel: „Oktoberfest-Erfahrung in München: Die beachtliche Bedeutung von Geschlecht und Alter bei der Alkoholvergiftung.“

Darin beschreiben die Forscher das Vorgehen auf der Wiesn-Wache im Namen der Wissenschaft im Jahr 2004. Getestet wurden 405 Gäste aus aller Welt im Alter von 14 bis 82 Jahren. Ein Viertel, also um die 100, war jünger als 20. Demnach müssen etliche Minderjährige und sogar Kinder Studienteilnehmer gewesen sein.

Die meisten Patienten hatten viel zu viel Alkohol intus und schwebten in anderen Sphären: Sie waren kaum ansprechbar, manche sogar komatös. Diesen Menschen haben die Ärzte erstmal Blut abgenommen. Um Erlaubnis fragen konnten sie die Patienten kaum. Wie sich später zeigte, hatten die meisten nämlich einen Alkoholpegel von rund 1,3 bis 2,1 Promille – ein Viertel der Bierleichen sogar noch mehr!

Natürlich überwachten die Helfer auch Atmung, Kreislauf, Blutdruck, Puls, und Temperatur. Ihr Interesse aber galt neben Promille und Blutzucker einem halben Dutzend Blutdaten wie Leberenzyme und Nierenwerte. Aus einer weiteren Veröffentlichung der Uni Dortmund geht hervor, dass Forscher die Proben sogar auf alle möglichen auch illegalen Rauschmittel untersuchten. Die „In-Drogen des Oktoberfestes“, beschreibt das Hausblatt IfaDo-News im Oktober 2007.

Im Schnitt entließen die Ärzte die Patienten nach gut zweieinhalb Stunden wieder – und hätten dann, schreiben die Wissenschaftler in ihrem Artikel, noch schriftliche Einwilligungen bekommen. Nach zweieinhalb Stunden! Ein Körper baut aber nur etwa 0,1 Promille pro Stunde ab …

Die Studie stößt in ihrer gesamten Anlage auf Widerspruch – von Prof. Wolfgang Eisenmenger. Deutschlands bekanntester Rechtsmediziner und langjähriger Chef der Münchner Rechtsmedizin sagt der tz: „Ich kann mir nicht vorstellen, wie man jemanden mit zwei Promille vernünftig über eine Studie aufklären kann.“ Im Einzelfall und bei ganz wichtigen Vorhaben könnten Forscher davon befreit werden. „Vor unserer Ethik-Kommission wäre die Studie nicht durchgegangen“, sagt Eisenmenger. Die Leipziger Kommission hat das Vorhaben dagegen genehmigt.

Inhaltlich hält der Münchner Professor Teile der Untersuchung für „dubios“. Die Blut-Tests seien „kein Standard“ bei einer akuten Alkoholvergiftung. Ein Notarzt würde die Atmung sicherstellen, den Kreislauf stützen und den Patienten beim Erbrechen vor dem Ersticken bewahren.

„Blut müsste überhaupt nicht abgenommen werden“, betont der Rechtsmediziner. Selbst der Promille-Wert sei für einen Arzt gar nicht von Interesse. „Der spielt keine Rolle. Es gibt ja kein Medikament gegen Alkohol. Also kann der Arzt den Wert nicht verändern.“ Die abgetesteten Leberenzyme und Nierenwerte seien höchstens geeignet, langfristigen Alkoholmissbrauch aufzudecken und darum im Notfall sinnlos.

Allenfalls würden Mediziner den Blutzucker bestimmen, um einen Zuckerschock vom Bier-Delirium unterscheiden zu können. Selbst eine Infusion sei nicht immer notwendig – wird aber fast immer gelegt. Eisenmengers Fazit:: „Ich sehe die Studie sehr kritisch!“

Nach der Expertise des Professors hält auch die Münchner Fachanwältin für Medizinrecht, Beate Steldinger, den Vorgang für „unmöglich“. Sie sagt grundsätzlich: „Ein Patient muss in einen ärztlichen Eingriff, auch einer Blutentnahme, grundsätzlich vorher einwilligen. Ohne Einwilligung ist es eine Körperverletzung.“ Und bei einer Studie müsse der Patient besonders umfassend und sorgfältig aufgeklärt werden.

Tatsächlich kümmert sich seit dieser Woche der Münchner Staatsanwalt Wolfgang Beckstein um den Fall. Es habe eine anonyme Anzeige gegeben, Die Ermittlungen laufen, ein Zeuge sei bereits vernommen worden. Der Verdacht: Körperverletzung und unsachgemäße Behandlung.

Die Studie hat der Welt der Wissenschaften übrigens auch eine Erkenntnis beschert, über die Eisenmenger sagt: „Das hätte man auch ohne Studie vorhersagen können!“ Das Ergebnis lautet nämlich: Besonders anfällig für Alkoholmissbrauch und die Einlieferung ins Krankenhaus sind Männer im Alter von 20 bis 29 Jahren. David Costanzo.

So verteidigt sich das BRK

Die BRK-Wiesn-Wache betreibt der Kreisverband München – und der widerspricht den Vorwürfen der Anzeige bei der Staatsanwaltschaft und dem anerkannten Rechtsmediziner Prof. Wolfgang Eisenmenger energisch! Der Kernpunkt: Das BRK sieht in den Blutentnahmen anders als der Rechtsmediziner einen Sinn. Die Rettungs-Teams mit den gelben Tragen legten bei den Alkohol­leichen bereits vor Ort einen so genannten Zugang, durch den eine Infusion fließen kann. Aus dieser Nadel werde dann auch in der Wache Blut abgenommen und auf Leberenzyme und Nierenwerte untersucht.

„Wir finden das durchaus hilfreich“, sagt die BRK-Chefärztin in München und Wiesn-Wachen-Leiterin Dr. Monika Mirlach der tz. Schließlich könnten so auch Herzinfarkte und Schlaganfälle erkannt werden. Wobei die sich meist auch anders bemerkbar machen. Und die Studie ja gerade zeigt, dass Blut-Tests keinen Beitrag zur Prognose für Alkoholleichen-Behandlung liefert – sondern vor allem das Geschlecht und Alter der Patienten.

Beim BRK sieht man das anders: Weil das Vorgehen „dringend erforderlich“ gewesen sei, hätten die Patienten auch nicht zuvor ihre Einwilligung abgeben müssen. Damit stelle sich der Vorwurf der Körperverletzung nicht. Dieser sei „absurd“. Zur nachfolgenden Studie hätten alle Teilnehmer eine Einwilligung abgegeben. Die besonders stark Betrunkenen seien sogar eigens nachträglich im Krankenhaus besucht worden, sagt die BRK-Ärztin. Bei den 13 unter 16-jährigen Betroffenen sei sogar das Jugendamt verständigt worden.

Studienleiter sei der Leipziger Kollege B. ein sehr erfahrener Mediziner – ohne Doktortitel. B. sei im Urlaub, hieß es gestern an der Leipziger Uni, und für die tz nicht zu sprechen. An der ebenfalls beteiligten Uni Dortmund berufen sich die Professoren darauf, dass sie nur die nackten Daten ausgewertet hätten.

Auf ihre Kollegen sind die Münchner BRK-ler übrigens stocksauer: Die Daten seien nun ohne Zustimmung publiziert worden. Manche Passage entspreche nicht dem Qualitätsanspruch des BRK. Die Chefärztin Mirlach sagt: „Das ist nicht unsere Studie!“

DAC

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