Wiesn-Fundstücke: Was vom Rausch übrig blieb

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Der Plüschteddy ist ein Fund-Klassiker, die Tuba ist neu: „Es gibt nichts, was es nicht gibt“, sagt Charles Reinbold.

München - Brillen, Handys und bündelweise Kreditkarten sind ihren Besitzern auf der Wiesn 2010 verloren gegangen. Tausende Gegenstände landeten im Fundbüro - nur jedes fünfte Stück wurde abgeholt. Jetzt ist die Frist verstrichen, das große Aufräumen beginnt.

Das häufigste Stück ist das unauffälligste: die dunkle Jacke. Ob groß, klein, aus Leder oder Wolle, für Männer oder Frauen - reihenweise hängen sie auf langen Ständern. Der Raum der Wiesn-Fundstücke im Fundbüro an der Ötztalerstraße 19 ist eine Galerie der Vergesslichkeit. Über 1000 Jacken sind es vier Monate, nachdem die letzte Maß ausgeschenkt wurde, noch. Bis zum Montag konnten die Fundstücke abgeholt werden, jetzt beginnt das Ramadama für die Zeugnisse des jüngsten Wiesnrausches: Fotoapparate, Unterwäsche, Autoschlüssel, Terminkalender, Kabel, Maßkrüge gehören ebenso dazu wie Hüte oder Sonnenbrillen.

Was von der Wiesn übrigblieb

Was von der Wiesn übrigblieb

Für Charles Reinbold, seit 18 Jahren für Wiesnfunde zuständig, bedeutet das vor allem Organisationsarbeit. Ausweise werden an die Gemeinden geschickt, Bankkarten an die Banken, intakte Kleidung und Taschen werden versteigert. Andere Gegenstände wie etwa Brillen werden gespendet - oder gehen an den ehrlichen Finder, wenn er das beantragt hat. So wie der Mann, der eine herrenlose Tuba beim Fundbüro abgab. Deren alter Besitzer ist nicht aufgetaucht. Was mit dem Gebiss geschehen soll, das fürs Wiesnhendl seinen letzten Einsatz fand, weiß Reinbold noch nicht. Den Hund und das Kaninchen, ebenfalls Wiesnfundstücke, hat Reinbold lieber gleich ins Tierheim gebracht.

Im Fundbüro spielen sich emotionale Szenen ab. Tränen der Trauer fließen, dann wieder Tränen der Freude. „Da standen Mädchen mit Zittern vor mir, die ihr Handy verloren hatten“, erzählt Reinbold. Und Ehemänner, die erleichtert den im Bier-Rausch abgelegten Goldring entgegennahmen. Reinbolds Faustregel: Je wertvoller ein Gegenstand ist, materiell wie ideell, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Eigentümer sucht. Kostspielige Charivaris würden immer abgeholt, iPhones häufiger als andere Telefone.

Am sichersten sei es, selbst vorbeizuschauen, „schließlich erkennen die Leute ihre eigenen Sachen am besten“, sagt Reinbold. „Die häufige E-Mail mit dem Text ,Ich habe meine Jacke verloren‘ hilft gar nichts bei den Mengen.“

Viele Fundstücke können freilich gar nicht mehr zum Eigentümer gelangen, weil der aus Neuseeland, Japan oder Sizilien stammt. Auch in der Vergesslichkeit „vereint der Rausch uns alle“, sinniert Reinbold. Eines sei jedoch auffällig: Frauen verlieren weniger Sachen als Männer, das betrifft nicht nur Jacken. Männer seien vergesslicher, glaubt Reinbold. „Und durstiger“, fügt er zwinkernd hinzu. Und doch, sagt er scherzhaft, seien es häufiger Frauen, die kommen und fragen, ob ihre Männer abgegeben worden seien. „Bei uns gibt es nichts, was es nicht gibt.“

von Lea Hampel

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