Oktoberfest-Chef im Merkur-Interview

"Niemand will eine Schampus-Wiesn"

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Der neue Oktoberfest-Chef und Zweite Bürgermeister der Stadt München, Josef Schmid (CSU), schließt nicht aus, die Wiesn in Zukunft auch für kleinere Münchner Brauereien zu öffnen.

München - Der neue Oktoberfest-Chef Josef Schmid (CSU) schließt nicht aus, die Wiesn in Zukunft auch für kleinere Münchner Brauereien zu öffnen. Eine "Schampus-Wiesn" kann er sich hingegen so gar nicht vorstellen.

Münchens Zweiter Bürgermeister Josef Schmid (CSU) ist der neue Wiesn-Chef. Mit seiner Ankündigung, die Reservierungspreise bei 35 Euro deckeln zu wollen (wir berichteten), hatte er jüngst für Aufregung gesorgt. Nun macht er Münchens Klein-Brauereien Hoffnung, irgendwann doch auf der Wiesn ausschenken zu dürfen. Ein Gespräch über Tradition und Schicki-Micki – und die Frage, ob die Stadt an der Wiesn mitverdienen sollte.

Ganz spontan: Hendl oder Wiesn-Herz?

Hendl.

Olympia-Looping oder Krinoline?

Krinoline.

Oide oder neue Wiesn?

Beides.

Spaten oder Löwenbräu?

Da fehlen einige. Hauptsache, ein gutes Festbier. Ich mag alle.

Jeans oder Lederhose?

Beides. Als Trachtler besitze ich vier Lederhosen, darunter eine komplette Werdenfelser Festtracht. Deswegen kann ich es mir als waschechter Münchner auch mal erlauben, in der Jeans auf die Wiesn zu gehen, wenn es regnet.

Gehen Sie privat auch noch auf die Wiesn?

Ja. Ich habe zwei kleine Kinder, und es gibt nichts Schöneres als eine Familienwiesn am Sonntagnachmittag. Wir werden versuchen, diese Tradition auch dieses Jahr aufrecht zu erhalten.

Sie kriegen als Zweiter Bürgermeister ja auch immer einen Wiesn-Tisch. . .

Stimmt gar nicht. Der Zweite Bürgermeister hat beim Anstich einen Tisch, für den ihm von der Protokollabteilung Ehrengäste zugewiesen werden. Danach gibt es für ihn keine festen Tische mehr.

Auf der Oiden Wiesn gibt es erstmals spezielle Reservierungen für Münchner. Auf der neuen Wiesn bekommen vor allem große Firmen Reservierungen.

Viele dieser Firmen kommen aber aus München und Umgebung und bringen ihre Mitarbeiter mit. So bekommen viele Münchner die Chance, auf die Wiesn zu gehen. Das sind ganz normale Leute. Niemand will die Champagner-Schicki-Micki-Wiesn nur für die oberen 10 000. Aber es ist zu kurz gegriffen, die Firmenreservierungen insgesamt zu verteufeln.

Viele Unternehmen verkaufen Reservierungen teuer weiter.

Wir überlegen intensiv, was wir dagegen tun können. Das ist eine grobe Unsitte, die sich nur schwer bekämpfen lässt. Aber man muss alles tun, was man tun kann.

Schon vor Jahren hat die CSU einen reservierungsfreien Zusatzmontag vorgeschlagen. Den könnten Sie doch nun umsetzen?

Ich bin immer noch der Meinung, dass ein komplett reservierungsfreier Zusatztag ein Tag für die Münchner wäre. Das wäre eine tolle Sache und hat den Feldversuch anlässlich der Jubliäumswiesn schon bestanden. Allerdings braucht man dafür eine Mehrheit im Stadtrat, die es leider nicht gibt. Aber ich bleibe dran.

Apropos Schampus-Wiesn. Heuer gibt es das neue Zelt „Marstall“, das offensiv auch für Champagner wirbt. Wie finden Sie das?

Da muss man gerechterweise sagen, dass es auch schon im Vorgängerzelt, dem Hippodrom, Champagner gab.

Das hätte man jetzt ändern können.

Die Vergabe dieses Zeltes lag vor meiner Zeit. Das war nicht meine Entscheidung.

Klingt so, als wären Sie nicht besonders glücklich mit der Entscheidung.

Nein, ich sage das völlig wertfrei. Die zuständige Abteilung hat mir berichtet, wie die Vergabe gelaufen ist. Mir geht es jetzt darum, in Zukunft für größtmögliche Transparenz mit einem neuen Bewertungssystem zu sorgen.

Wie soll das aussehen?

Ich habe von einigen Wiesn-Wirten gehört, sie hätten die Kriterien bislang nicht gekannt. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Ich habe jetzt das neue Bewertungssystem allen Betroffenen zuschicken lassen, so dass sie nun die Möglichkeit haben, Stellung zu nehmen. Im Oktober wird der Vorschlag im Stadtrat behandelt. Die Kriterien sollen öffentlich gemacht werden. Jeder, der sich neu bewerben möchte, sieht dann, wie man Punkte sammeln kann. Es gibt 13 Bewertungskriterien mit 0 bis 11 Punkten. Da geht es zum Beispiel um die Zuverlässigkeit als Wirt, das Konzept, Tradition und die Frage, ob ein Bewerber aus München kommt.

Die Kriterien sind bisher schwammig. Wird auch öffentlich, wie zum Beispiel „Tradition“ definiert ist?

Natürlich werden diese Begriffe konkret definiert. Für eine bestimmte Zahl von Jahren auf der Wiesn gibt es einen Punkt mehr, weil man dann weiß, dass derjenige die Leistung bringen kann und verwurzelt ist. Es gibt auch noch Unterkriterien, das ist ein sehr verästeltes System.

Werden dann auch die Ergebnisse der erfolgreichen Bewerber öffentlich sein, so dass man nachvollziehen kann, wie das System angewendet wurde?

Da gibt es Argumente dafür und dagegen. An diesem Punkt sind wir noch nicht. Erst einmal geht es darum, welche Kriterien angelegt werden.

Im Prozess gegen Sepp Krätz wurde bekannt, dass ein Wiesn-Wirt drei Millionen Euro Gewinn macht. Kann man da noch rechtfertigen, dass die Stadt nichts an der Wiesn verdient?

Ich glaube, würde die Stadt direkt Geld mit der Wiesn verdienen, wäre sie auch ganz anderen Diskussionen ausgesetzt. Wir veranstalten ein Traditionsfest, das so vielen Menschen wie möglich offenstehen soll. Es geht nicht darum, der Stadt eine neue Einnahmequelle zu erschließen.

Sind angesichts dieser Gewinne nicht aber die Bierpreise zu hoch?

Das ist eine akademische Diskussion. Man kann den Bierpreis aus rechtlichen Gründen nicht begrenzen. Die Stadt kann nur prüfen, ob es Missbrauch oder Wucher gibt. Das tun wir. Mir ist wichtig, dass es auch eine Familienwiesn gibt und die Wirte auch kostenlos Senioren verköstigen.

Trotzdem verdient der Wirt drei Millionen Euro. 

Wie viel am Schluss bei den Wirten hängenbleibt, kann ich nicht beurteilen. Man muss da sicherlich auch die Anfangsinvestitionen berücksichtigen. Aber dass die Wiesn finanziell interessant für jeden Wirt ist, kann man an der Bewerberlage ablesen. Wenn sich die Stadt dafür entscheiden würde, Gewinn zu machen, müsste man die Debatte führen: Wie viel eigentlich?

Beim Tollwood zahlen die Betreiber zwei Prozent vom Umsatz. Warum geht das bei der Wiesn nicht?

Die Frage ist durchaus berechtigt, aber ich sehe gute Gründe, dass man es so lässt und die Stadt nur ihre Kosten deckt. Die Stadt hat ein riesiges Interesse an der Wiesn, weil sie indirekt über den Tourismus verdient. Das Oktoberfest ist durch seinen weltweiten Bekanntheitsgrad ein touristischer Magnet par excellence. Ich halte es für fraglich, ob man zusätzlich noch Millionen-Gewinne durch höhere Standgebühren machen darf. Zudem befürchte ich, dass höhere Gebühren von Wirten und Schaustellern sofort auf die Preise umgelegt würden – die Leidtragenden wären dann die Wiesn-Besucher.

Sechs große Münchner Brauereien haben Wiesn-Zelte. Warum dürfen die vielen kleinen Münchner Brauereien nicht auf die Wiesn?

Ich trinke selbst gern eine Ayinger Urweiße oder eines der vielen anderen guten Biere aus München, zum Beispiel vom Giesinger Bräu. Auch Prinz Luitpold von Bayern, der Nachfahre des Königs, auf den die Wiesn zurückgeht, hat durchaus Argumente, zugelassen zu werden. Man muss aber auch sehen: Öffnet man die Wiesn für andere Biere, müsste man vermutlich eine europaweite Ausschreibung durchführen. Hätten wir dann belgische und französische Biere auf der Wiesn, wäre wieder ein Stück Tradition verloren.

Die Biere auf der Wiesn kommen teilweise ja jetzt schon von internationalen Brauereikonzernen. 

Aber es wird immer noch hier in München nach dem bayerischen Reinheitsgebot gebraut. Das ist auch einer der Gründe, warum manche Brauerei darauf geachtet hat, im Münchner Stadtgebiet zu bleiben. Das halte ich schon für ein Qualitätsmerkmal und hat auch etwas mit Tradition zu tun.

Neue Aufbau-Fotos: Der Wiesn-Countdown läuft

Neue Aufbau-Fotos: Der Wiesn-Countdown 2014 läuft

Eine Begrenzung auf Münchner oder bayerische Biere wäre nicht möglich?

Ich glaube nicht, dass das möglich wäre. Wenn man die Tradition aufweicht, kann man nicht einfach den Zirkel etwas weiter ziehen.

Die kleinen Münchner Brauereien wären ja schon mit einem kleinen Stand auf der Wiesn zufrieden.

Bislang wurde vor allem argumentiert, dass die kleinen Brauereien nicht die Mengen für ein Zelt liefern können. Aber über so eine kleine Lösung für die kleinen Brauereien kann man sicher nachdenken. Man sollte den kleinen Brauereien nicht für alle Zeit die Hoffnung nehmen

Das Gespräch führten: B. Stuhlweißenburg, M. Homann, Ph. Vetter

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