Video: Streetworker im Wiesn-Einsatz

Notaufnahme: Alle zehn Minuten ein neuer Patient

München - Alkoholvergiftungen, Schlägereien, Vergewaltigungen: Auch das ist Alltag auf der Wiesn. Notaufnahmen in München bekommen Patienten im Minutentakt, Streetworker sind im Dauereinsatz.

Die Streetworker versuchen tagtäglich auf dem Oktoberfest das Schlimmste zu verhindern. Sie kümmern sich um Betrunkene, helfen Frauen, die offenbar alleine unterwegs sind. Doch manchmal bleibt auch den Streetworkern nur eines übrig: den Notarzt rufen. Die Notaufnahmen in den Münchner Kliniken bekommen zur Wiesn-Zeit Patienten im Zehn-Minuten-Takt.

Ausnahmezustand in der Notaufnahme

Sein Bein ist gebrochen, doch den alten Mann scheint nur eins zu interessieren: Alkohol. „Gibt's hier noch irgendwo Weißbier?“, fragt er, als seine Liege in die chirurgische Notaufnahme geschoben wird. Bier gibt es nicht in der Universitätsklinik, aber eine Girlande mit Brezn und Bierkrügen aus Papier. Die Ärzte haben sich eingestellt auf die Patienten von der Wiesn - die Klinik ist nur einen Kilometer von der Festwiese entfernt.

Wenn auf dem Oktoberfest die Menschenmassen feiern, haben die Münchner Kliniken alle Hände voll zu tun: Platzwunden, Brüche, blutende Nasen - alle 10 bis 20 Minuten bringt der Sanitätsdienst einen neuen Patienten. Der Mann nach der Wiesn-Schlägerei - das ist in der Nacht der häufigste Fall in der Chirurgischen Klinik an der Nußbaumstraße. Ein paar Meter weiter in der internistischen Notaufnahme sind es die Besoffenen: Etwa das rothaarige Mädchen Mitte 20, das nach drei Maß wie ein Sack Mehl auf die Liege gehievt werden muss. Neben dem Bett steht eine Plastiktüte. Inhalt: eine Handtasche, die streng nach Erbrochenem riecht. Oder der 19-Jährige, der zwar mit wenig Promille, aber dafür mit heftigen Bauchschmerzen auf einer Liege Platz genommen hat.

Sogar auf dem Boden liegen Matratzen

Vier Betten hat die internistische Notaufnahme, sechsmal pro Tag wechseln die Patienten. Wenn viel los ist, werden die Betrunkenen auf zwei Ausweichräume verlegt. In anderen Kliniken, etwa im Rotkreuz-Klinikum, sind diese ständig belegt. Dort liegen die Matratzen sogar direkt auf dem Boden - damit die Betrunkenen nicht vom Bett fallen und sich verletzen.

Das Erstversorgungszelt auf der Festwiese fängt viel ab. In die Klinik kommen nur die drastischen Fälle. Mit Alkohol allein bringt sich kaum ein Patient in Lebensgefahr. Sich mit Bier lebensgefährlich zu betrinken sei schwierig, sagt der Leiter der Notaufnahme, Markus Wörnle. Er muss eher aufpassen, dass bei den Patienten im Suff keine schwerere Erkrankung, wie etwa ein Herzinfarkt, übersehen wird.

Betrunkene urinieren gerne mal in Schränke

Am Empfang hängt eine handgeschriebene Liste mit den Promille-Werten der Wiesn-Patienten. Die meisten liegen um die 2,5 - weniger als die Spitzenwerte zu Nicht-Oktoberfest-Zeiten. „Der normale Wiesn-Besucher ist mit zwei Promille ziemlich platt“, sagt Wörnle. Alkoholiker hätten meist deutlich über drei, wenn sie in die Klinik kommen.

Betrunkene sind nicht gern gesehen bei der Belegschaft. Nicht nur, weil sie sich oft übergeben und gerne mal in Schränke urinieren. Sondern weil sie Betten blockieren, die dann für echte Notfälle fehlen. Kochsalz, Glukose und eine Spritze gegen die Übelkeit ist zur Wiesn-Saison die Standardversorgung. Zwei Ärzte und vier Pfleger kümmern sich darum - doppelt so viele wie zu normalen Zeiten. Dazu kommen sechs Sicherheitsleute, die die Pflegekräfte vor ungemütlichen Patienten schützen. Vor allem auf der chirurgischen Station sei das ein Problem sagt Flo, der seit drei Jahren für den Sicherheitsdienst des Klinikums arbeitet und seinen Nachnamen nicht nennen will: „Die Leute sind dort aggressiver, weil sie schon einen auf den Deckel gekriegt haben.“

Der Wiesn-Gast - Eine Typologie

Der Australier - Er reist etwa eine Woche vor der Wiesn an - und trinkt sich schon mal ein. Auf dem „Kiwi-Tag“ in Andechs gewöhnt er sich an das bayerische Bier. Es ist stärker als der in Australien übliche Gerstensaft, dafür billiger. Die Kombination aus höherem Alkoholgehalt und niedrigerem Preis ist für manche fatal. Für junge Besucher aus Australien, Großbritannien und anderen Ländern ist das Volksfest ein sportliches Ereignis - das Ziel: jeden Tag möglichst viel trinken. © dpa
Bub /Madel - Zuckerwatte, süße Limo, Pommes, dazu Geisterbahn, Karussell und Schiffschaukel - die Wiesn scheint ein Eldorado für Kinder. Aber das ist nur die halbe Wahrheit: Der Krach, die vielen Menschen und die langen Wege sind für manchen kleinen Besucher zu viel. Der Wiesntag kann zum Nervenkrieg für Eltern werden. Alternative ist das ruhigere Familienplatzl. Immer wieder gehen Kinder im Gedränge verloren - eine eigene Kinderfundstelle sammelt sie und gibt sie den Eltern zurück. © dpa
Der Norddeutsche - Er kommt gern als Gruppe, Stammtisch oder Verein und trägt teils trachtenähnliches Outfit, etwa kariertes Hemd. Das ist eher Holzfällerstil, wird von ihm aber als bayerisch eingeordnet - hält er den Bayern doch für einen Hinterwäldler. Nüchtern macht er sich über ihn lustig. Je mehr er sich an dem bayerischen Bier versucht, desto mehr gleicht er aber dem Bild. Für den Norddeutschen ist die Reise auch eine Safari, bei der er seltene Einheimische erleben möchte. © dpa
Der Münchner - Er kommt in Jeans, höchstens im Janker - das Trachtengesumse ist ihm ein Gräuel. Der Münchner der gehobenen Mittelschicht und gehobenen mittleren Alters isst im Biergarten zu Mittag sein Hendl. Oder frühstückt mit Kaffee und Ausgezogenen, einem süßen Fettgebäck. Gut zwei Drittel der Gäste sind Bayern. Manche unken aber, Münchner seien eine bedrohte Wiesn-Spezies, weil es ihnen zu voll ist. © picture alliance / dpa
Der Vegetarier - Veggieday! Früher hätten Vegetarier das größte Volksfest hungrig verlassen müssen. Heute bieten die Wirte natürlich vegetarische und sogar vegane Gerichte an: Käsespätzle. Oder Crêpes mit Schokocreme. Und natürlich Salate. © dpa
Der Italiener - Er kommt im Wohnmobil. Über den Brenner. Mit Zehntausenden anderen. Er will Bier und Spaß. Das zweite Wochenende gehört den Italienern. Dirndl und Lederhose tragen sie längst. Obwohl verboten, stellt mancher sein Wohnmobil an der Theresienwiese ab und sucht nach dem Bierzeltbesuch vergeblich seinen Schlafplatz - abgeschleppt. Den meisten gefällt es so gut, dass sie jedes Jahr wieder kommen. Zur besseren Verständigung werden Südtiroler Polizisten eingesetzt. © picture alliance / dpa
Der Taschendieb - Der Taschendieb reist ebenso wie die Besucher teils von weither an, um an dem Großereignis teilzuhaben. Die Polizei beklagt vor allem organisierte Banden, die mit Tricks angetrunkene Besucher um Geldbörse, Handy oder Kamera bringen. Es gibt aber auch den Gelegenheitsdieb - mancher macht es ihm allzu einfach. Gemeinsam legen Taschendiebfahnder aus Österreich, der Schweiz, Belgien, Ungarn und Spanien den Dieben das Handwerk. 2012 nahmen sie 57 Langfinger fest. © dpa
Der einheimische Partygänger - Um die 20 Jahre alt, aus Bayern. Er steht an Samstagen frühmorgens vor dem Zelt, um einen Platz zu bekommen. Auf dem sitzt er bis zum Schankschluss um 22.30 Uhr. Manchmal hat er dann 2 Promille und landet in der Sanitätsstation. Sonst feiert er auf After-Wiesn-Partys weiter. Er fährt er mit der Bahn heim - so sehen die Züge auch aus. © dpa
Der Trachtler - Echte Trachtler sind am ersten Sonntag zu sehen. Sie laufen in einem der größten Trachtenzüge weltweit zur Wiesn. Frauen brauchen oft Stunden, bis sie ihre historischen Gewänder angelegt und die Haare gerichtet haben. Trachten können mehrere Tausend Euro kosten. Auf dem Fest findet man Trachtler auf der besonders traditionellen „Oidn Wiesn“. Auf Träger von Mini-Dirndl und Billig-Lederhosen blicken sie mit Kopfschütteln - aber in Bayern gilt: „Leben und leben lassen“. © dpa
Der Verweigerer - Es gibt Menschen, die mögen die Wiesn nicht. Sie verabscheuen Lärm. Sie trinken kein Bier. Beim Karussellfahren wird ihnen schlecht. Sie hassen es, auf dem Heimweg durch Exkremente zu tappen. Sie finden Dirndl und Lederhosen blöd. Es gibt Gründe, die Wiesn nicht zu mögen. © mm
Maßkrugschläger und Maßkrugdieb - Beide geraten wegen des traditionellen Trinkgefäßes mit dem Gesetz in Konflikt. Wer mit dem Krug zuschlägt, hat diesen zuvor oft mehrfach geleert. Er will sich wehren - weil der Nachbar gerempelt oder die Freundin angeschaut hat. Oft ist der Anlass vor Gericht kaum zu klären. 69 Fälle gab es 2012. Der Maßkrugdieb hingegen möchte meist einfach ein Souvenir. Wirte klagen, der Diebstahl von Krügen habe sich regelrecht zum Volkssport entwickelt. © dpa

In der internistischen Notaufnahme ist es vergleichsweise friedlich. Inzwischen ist es Mitternacht, die Patienten haben gewechselt. Auf Bett eins schnarcht ein braun gebrannter Schnurrbartträger im Trachtenjanker. Zwei Betten weiter lamentiert eine Diabetes-Patientin im rosa Dirndl. Ihr Mann redet ihr zu: „Geh Hasi, jetzt stell di ned so an. Mir san hier ja ned im Kasperltheater.“ In der Tat haben die Schwestern wenig zu lachen. Ihre Nacht ist noch lang: Die letzte Wiesn-Patientin kommt erst um 6.30 Uhr in der Früh.

dpa

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