MVG-Streik: Ausstand bis Montag?

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Am Wochenende könnten tausende Besucher möglicherweise umsonst auf eine U-Bahn warten

München - Jetzt ist es so gekommen, ein Tabu wird gebrochen: Eine Gewerkschaft streikt zur Wiesn. Die GdL hat angekündigt, ihren Protest am Wochenende fortzusetzen. Jetzt droht das Chaos!

Die Gewerkschaft deutscher Lokführer (GdL) hat ihre Mitglieder am Freitag aufgerufen, die Arbeit in Tram, Bus und U-Bahn niederzulegen. Zumindest bis zum Freitagabend hielten sich die Auswirkungen noch in Grenzen. Doch wenn in der Nacht zehntausende Wiesn-Gäste mit der U-Bahn Heim wollen, droht ein Chaos! Und die GdL droht mit einem Ausstand auch übers Wochenende!

Gewerkschafts-Chef: "Arbeitgeber selbst schuld"

So einen Streik gab es noch nie – und dann auch noch zum 200. Jubiläum des Oktoberfests. Da hagelt es Kritik – nicht nur von den Arbeitgebern und den Wiesn-Wirten, sogar von anderen Gewerkschaften! Verantwortlich für den Arbeitskampf zeichnet die dbb Tarifunion, das ist eine Gliederung des Beamtenbundes, der wiederum die GdL angehört. Sie gibt den Arbeitgebern die Schuld. „Es lag in ihrer Hand, einen Streik während des Oktoberfestes in München abzuwenden. Aber sie haben diese Möglichkeit nicht genutzt“, so der zweite Vorsitzende und Verhandlungsführer Willi Russ.

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Der gelernte Toningenieur und Ex-Postler sagt: „Die Kolleginnen und Kollegen lassen keinen Zweifel daran, dass sie mit ihrer Geduld am Ende sind.“ Die Tarifunion stelle sich auf eine längere Auseinandersetzung ein. Da platzt MVG-Chef Herbert König der Kragen: „Kein Streik zur Wiesn – das war bisher immer Usus. Die GdL bricht nun mit diesem ungeschriebenen Gesetz: Eine der kleinsten Gewerkschaften bestreikt das größte Volksfest der Welt.“ Tausende Münchner und Gäste aus aller Welt würden so zum Spielball einer Gewerkschaftspolitik.

Verdi und Wiesn-Wirte empört über GdL-Streik

Auch die Kollegen von der größeren Gewerkschaft Verdi kritisieren den Streik scharf. „Hier wird von Seiten der GdL die Verhältnismäßigkeit der Mittel wirklich heftig überschritten“, sagte der Verdi-Verhandlungsführer Frank Riegler der tz. „Die GdL muss sich auch fragen, ob sie damit nicht rechtlich erhebliche Probleme kriegen kann!“ Kein Wunder: Verdi hat bereits 3,5 Prozent mehr Gehalt und einmalig 240 Euro für die Beschäftigten im Nahverkehr erkämpft.

Wirte-Sprecher Toni Roiderer ist ebenfalls entsetzt: „Eine miese Nummer. Es gehört sich nicht, unser Volksfest so kaputtzumachen, um seine Ziele zu erreichen.“ Noch deutlicher wird Fest-Chefin Gabriele Weishäupl: „Eine ausgesprochene Sauerei! Ich hätte gedacht, dass die Gewerkschaft dem Fest gegenüber mehr Solidarität zeigt.“

Die tz erklärt den beispiellosen Streik

Wie hart hat der Streik die Stadt getroffen? Darüber gehen die Darstellungen auseinander: Laut MVG seien alle Linien der U-Bahn bedient worden, nur vereinzelt seien Züge ausgefallen oder verspätet gewesen – 85 Prozent Leistung. In einer Mitteilung gegen 19 Uhr hieß es im Hinblick auf den Wiesn-Verkehr: "Während des inzwischen fast abgeschlossenen Antransports kam es zwar zu einigen Fahrtausfällen, die Wartezeiten für die Fahrgäste blieben aber im Wiesn-üblichen Rahmen. Viele Oktoberfest-Besucher nutzten auch die Tram- und Busverbindungen zur Theresienwiese. U-Bahn und Tram fuhren heute Nachmittag etwa 85 Prozent ihrer regulären Fahrplanleistung; beim Bus lag die Quote über 90 Prozent. Die MVG ist zuversichtlich, dass auch der Abtransport, der üblicherweise gegen 21.30 Uhr beginnt, trotz des GDL-Streiks gut zu schultern sein wird."
Der Münchner GDL-Chef und U-Bahnfahrer Ricardo Uhlmann sagte der tz dagegen: „Die Hälfte aller U-Bahnen fährt nicht.“ Bis Freitagmittag sei nämlich nicht alle fünf, sondern etwa nur alle zehn Minuten ein Zug gekommen. Bei der Tram fielen die so genannten Verstärkerlinien 16 und 21 komplett aus. Da sie größtenteils auf den Strecken der Linien 17 beziehungsweise 20 unterwegs sind, waren diese Trams entsprechend voll mit Kunden, die sonst die 16 oder 21 nutzen. Auf der Linie 12 gab es Ersatzbusse zwischen Romanplatz und Rotkreuzplatz sowie zwischen Scheidplatz und Kurfürstenplatz. Zwischen Kurfürstenplatz und Rotkreuzplatz konnten Fahrgäste den MetroBus 53 nutzen. Auch bei den Bussen gab es einzelne Ausfälle und Verspätungen.

Wie lange soll der Ausstand noch dauern? Das ließ die GDL offen! Eine Sprecherin sagte, der Streik werde erst beendet, wenn die Arbeitgeber wieder Tarifgespräche aufnähmen. Nach Angaben der Verkehrsbetriebe verdichteten sich die Zeichen, dass der Arbeitskampf auch übers Wochenende andauern soll. In der Stadt könnte es sogar am Montagvormittag noch zu Streiks kommen.

Was passiert am Samstag, wenn zusätzlich der FC Bayern in der Allianz Arena spielt? Das mag sich derzeit noch niemand vorstellen. Die MVG erklärt: „Wer kann, sollte möglichst früh aufbrechen oder außerhalb der Hauptverkehrszeiten fahren.“ Normalerweise stößt die U-Bahn zu Spielen immer an die Kapazitätsgrenze – erst recht, wenn nach dem Match noch viele der 69 000 Fans direkt zur Wiesn wollen.

Warum streikt die GDL überhaupt? Die Gewerkschaft fordert eine bessere Anrechnung der Arbeitszeiten. Konkret geht es um die „Wegezeiten“: Die entstehen, wenn die erste Schicht eines U-Bahnfahrers etwa an einer Endstation endet und er mit seinem Kollegen zur zweiten Schicht an eine andere Station fahren muss. Diese Zeit gilt laut GDL-Chef Ricardo Uhlmann nicht als Arbeitszeit – das will die GDL ändern: „Unrecht muss nicht Unrecht bleiben.“ Allerdings gehen die Kollegen nicht ganz leer aus: Sie erhalten eine kleine Pauschale im einstelligen Euro-Bereich für die zehn Minuten vor und nach der Schicht. Eine konkrete Lohnforderung hat die GDL jüngst nicht mehr erhoben – zuletzt war von fünf Prozent die Rede.

Gab es nicht schon einen Abschluss für die Beschäftigten im Nahverkehr? Allerdings. Verdi hat 3,5 Prozent mehr Gehalt und eine Sonderzahlung von 240 Euro rausgeholt. Das bekommen die GDL-Mitglieder aber noch nicht. Die MVG hat nämlich Anfang September die Zugehörigkeit zur Gewerkschaft abgefragt.

Was sagt Verdi zu den GDL-Verhandlungen? Verdi-Verhandlungsführer Frank Riegler empört sich: „Das ist Dilettantismus hoch zehn. Dafür kann man nicht während der Wiesn einen Streik anzetteln!“ Das sei nicht Verdi-Stil. Im Gegenteil seien einige Verdi-Kollegen derzeit besonders motiviert, sagte der Funktionär der tz. „Die Wiesn ist in München immer auch ein Beweis, dass man einen guten Nahverkehr braucht. Das wollen die Beschäftigten zeigen.“

So kommen Sie auch ohne U-Bahn zum Oktoberfest

Am stärksten vom Streik betroffen war am Freitag noch die U-Bahn. Das ist aber nicht der einzige Weg zum Oktoberfest, erklärt die MVG: Von den S-Bahnhöfen Hackerbrücke und Hauptbahnhof sind es jeweils nur wenige Minuten zu Fuß zur Theresienwiese. Wem der Weg zu weit ist, kann vom Hauptbahnhof auch die Tram-Linien 18 und 19 bis zu den Haltestellen Hermann-Lingg- oder Holzapfelstraße nehmen. Zudem steht die 17er bis zur Station Hackerbrücke zur Verfügung. Zur Schwanthalerhöhe fahren die Busse 53 und 134, die Linie 58 steuert Georg-Hirth- und Goetheplatz an, und die Busse 131 und 152 halten an der Hans-Fischer-Straße. Die Stationen liegen alle nahe der Wiesn. Wer doch die U-Bahn nehmen will, muss nicht zum Halt Theresienwiese, sondern kann auch zum Goetheplatz in die U3/U6 einsteigen.

David Costanzo

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