Halbzeit geschafft

Midwiesn: Sonnenwende im Wiesn-Jahr

+
Zählen die Tage jetzt wieder rückwärts: Gert Jäger, Leonhard Brader und Julian Rautenberg (von links) feiern am Samstag mit ihrem Wiesnstammtisch „Midwiesn“ – den wiesnfernsten Tag im Jahr.

München - Endlich: Am Samstag ist der Zenit erreicht – dann ist München dem kommenden Oktoberfest wieder näher als dem vergangenen. „Midwiesn“ nennen drei Männer diesen Wendetag.

Es sind diese Momente – „der Geschmack der ersten Mass im Augustiner-Biergarten, der Einmarsch der Musikkapellen nach dem Trachtenumzug und das Grande Finale am letzten Sonntag“. Dann ist für Julian Rautenberg, Leonhard Brader und Gert Jäger Oktoberfest – das Fest der Geselligkeit. Weil es im Jahr aber auch rund 350 Tage gibt, an denen auf der Theresienwiese eben kein Bierzelt steht, haben sie die Midwiesn eingeführt.

Midwiesn? „Ja, wenn man sich das Jahr als Kreis vorstellt, dann liegt die Midwiesn genau gegenüber dem mittleren Wiesnwochenende“, erklärt Jäger. „Es ist also das wiesn-fernste Wochenende.“ Quasi die Sonnenwende im Oktoberfest-Jahr. Heuer ergibt die Rechnung des Neuhausers den 29. März. „Da halten wir inne und gedenken der Wiesn“, meint Rautenberg. Und dieses Innenhalten zelebrieren sie: „Individuelle Menschen ziehen dann ihr gutes Gwand an und treffen sich standesunabhängig mit Bekannten und Unbekannten zum Biertrinken, Brotzeit machen, Spaß haben. Für uns ist die Midwiesn sozusagen der Auftakt der Lederhosen-Saison“, sagt Brader.

Die Idee geht auf ihren Wiesnstammtisch zurück. Denn seit mehreren Jahren treffen sich die drei Freunde am ersten Wiesnsamstag zum Anstich. Im Augustiner-Biergarten. Um neun Uhr. Jedes Jahr. „Bei unserer ersten gemeinsamen Wiesn waren wir rund 20 Personen, letztes Mal waren wir schon zu fünfzigst“, erzählt Rautenberg. „Dazu dürfen sich auch Preißn, Japaner, Italiener und sonstige freundliche, offene Menschen gesellen – sie sollen sich halt nur nicht verkleiden“, meint der 30-Jährige. Denn auf eines legen sie Wert: „Wir sind keine Folklore-Affen.“

Die Wiesn ist ihnen heilig. Es geht ihnen um Gemütlichkeit, das Ursprüngliche, um Tradition. „Tradition ist, wenn deine Bedienung dich beim Namen kennt“, sagen sie. Sie kennen ihre Bedienungen auf jeden Fall – am ersten Wiesntag sitzen sie immer bei Christiane und Marion.

Weil sie irgendwann feststellten, „dass man tatsächlich Freunde hat, die man sonst nur einmal im Jahr sehen würde, haben wir den Wiesnstammtisch gegründet“, erklärt Brader, der als Fischbachauer der einzige Nicht-Münchner in der Runde ist. „Und wir sind das Präsidium“, sagen die drei Männer mit einem Schmunzeln auf dem Gesicht. In dieser Funktion treffen sie sich zu so genannten Präsidiumssitzungen – selbstverständlich in Tracht. Bei den tagesfüllenden Versammlungen lassen sie sich treiben, planen das nächste Treffen des Stammtischs, beispielsweise beim Kocherlball am Fuße des Chinesischen Turms im Englischen Garten. „Dabei kamen wir auf die Idee, dass wir gern so etwas wie ein Bergfest hätten“, berichtet Brader. So war die Midwiesn geboren.

Die Vermutung, die drei könnten vom Oktoberfest nicht genug bekommen, ist nicht von der Hand zu weisen. Die Midwiesn hat aber nichts mit Ballermannhits, Sturzsaufen oder ähnlichem zu tun. Die Feierlichkeiten am wiesn-fernsten Samstag beginnen um 10 Uhr im Mariannenhof, Mariannenstraße 1. Als Präsident hat Jäger das Privileg, das Augustinerfassl anzuzapfen. „Normalerweise brauch ich zwei Schläge“, sagt der 45-Jährige. „Nur letztes Jahr ist was schief gelaufen, da waren’s 17.“ Auf eines besteht er aber: „Ich war besser als Thomas Wimmer mit seinen 50 Schlägen 1950.“ Und darauf ist der Präsident stolz. Heuer will er sich wieder an der Zweier-Marke von Christian Ude orientieren.

Der Rest des Tages steht dann ganz im Zeichen der Geselligkeit – mit Weißwurstfrühstück und Musik. „Es ist uns wichtig, dass es eine Wirtshausmusi ist“, sagt Brader. Vergangenes Jahr waren es zwei Bands und ein Alphornbläser. Wer heuer aufspielen wird, verraten sie noch nicht. „Da wird es auf jeden Fall eine Überraschung geben“, sagt Rautenberg. Denn mit der fünften Ausgabe feiere man heuer ja auch ein kleines Jubiläum.

Die Midwiesn kommt gut an: „Schönes Fest, schöne Musik, schöne Leute“, würden die Rückmeldungen lauten, die sie erhalten. „Dass es jedes Jahr mehr Teilnehmer werden, spricht für sich“, sagt Rautenberg. Denn aus den 20 Personen beim ersten Mal sind im vergangenen Jahr 50 geworden. „Wichtig ist uns, dass es gesellig und griabig ist“, sagt der Schwabinger. Und Jäger fügt hinzu: „Das ist der Unterschied zwischen Fasching und wahrem Lebensgefühl.“ Das Lebensgefühl, das München dann auch in 175 Tagen nach ihrem Bergfest wieder durchfluten wird.

Von Andrea Steiler

Midwiesn

Einblicke und weitere Informationen gibt es im Internet unter www.midwiesn.de.

Auch interessant:

Lesen Sie auch:

Wiesnwirte rechnen vor: So viel nehmen wir wirklich ein

Wiesnwirte rechnen vor: So viel nehmen wir wirklich ein

Bierpreis-Zoff: Schmid hü, Reiter hott! Wer hat Zügel in der Hand? 

Bierpreis-Zoff: Schmid hü, Reiter hott! Wer hat Zügel in der Hand? 

Bierpreis-Streit eskaliert: Schmid sagt Gespräch mit Wirten ab

Bierpreis-Streit eskaliert: Schmid sagt Gespräch mit Wirten ab

Immer teurer? Die Wahrheit über Bier, Brezn, Streifenkarte und Co.

Immer teurer? Die Wahrheit über Bier, Brezn, Streifenkarte und Co.

Kommentare