Wirt zu Bewährungsstrafe verurteilt

Wirtedämmerung für Sepp Krätz

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Sepp Krätz muss sich von der Wiesn verabschieden.

München - 22 Monate Haft auf Bewährung und 570 000 Euro Geldstrafe: Nach diesem Urteil wegen Steuerhinterziehung hat die Stadt Hippodrom-Wirt Sepp Krätz am Freitag sofort von der Wiesn geworfen. Nun verliert er wohl auch seine Wirtshäuser – Krätz steht vor dem Aus.

19 Minuten. Länger braucht Wiesn-Chef Dieter Reiter (SPD) nicht, um auf das Strafurteil gegen Hippodrom-Wirt Sepp Krätz zu reagieren: „Ich werde dem Stadtrat aufgrund dieses Urteils Herrn Krätz nicht mehr als Wiesnwirt vorschlagen.“ Im Klartext: Sepp Krätz fliegt als verurteilter Steuersünder von der Wiesn. Das kommt nicht unerwartet, aber unerwartet schnell.

Während das Wirtschaftsreferat die E-Mail verschickt, sitzt Sepp Krätz noch im Saal B 177 des Landgerichts. Die Kammer hat Krätz soeben der Steuerhinterziehung in 36 Fällen schuldig gesprochen. Er wird deshalb zu 22 Monaten Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe von 300 Tagessätzen á 1900 Euro verurteilt – macht 570 000 Euro. „Wir sind mit dem Urteil zufrieden“, sagt Verteidiger Peter Gauweiler später. „Ich nehme das Urteil an“, sagt Krätz selbst.

Tatsächlich kann er mit der Strafe zufrieden sein – Staatsanwältin Andrea Wagner hatte 1,26 Millionen Euro gefordert. Dass Krätz mit einer Bewährungsstrafe davon kommt, war bereits am ersten Prozesstag abgesprochen worden (wir berichteten). Im Gegenzug hatte Krätz gestanden, im „Andechser am Dom“ und im Hippodrom mit schwarzen Büchern insgesamt 1,1 Millionen Euro Steuern hinterzogen zu haben. Dieses Geständnis rechnete ihm die Kammer hoch an: „Es zeigt die Schuldeinsicht.“ Zudem habe Krätz alle Unterlagen offengelegt, die Steuern zurückgezahlt und in seinen Betrieben alles in Ordnung gebracht. Und dann sagt Jutta Zeilinger einen Satz, der noch von Bedeutung sein könnte: „Er ist als Wirt lange gefestigt, von der Persönlichkeit her gibt es kein Problem.“ Auch die Staatsanwältin hatte erklärt, dass Krätz’ Verhalten nach Entdeckung der Tat seine „Zuverlässigkeit“ steigere.

Kreisverwaltungsreferent Wilfried Blume-Beyerle bleibt trotzdem hart und will Krätz die Konzession nicht nur für die Wiesn, sondern auch für seine Gaststätte „Andechser am Dom“ entziehen. Natürlich habe das Gericht auch positive Aspekte in seiner Urteilsbegründung genannt. Die negativen Einschätzungen würden aber offensichtlich überwiegen, sonst wäre kein Urteil mit einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten herausgekommen. „Wir stellen wie das Gericht eine Gesamtwürdigung an“, sagt Blume-Beyerle. Doch wenn Krätz nicht noch völlig überraschende Gründe liefert, warum er auch weiterhin als zuverlässig gelten müsse, werde man ihm die Konzession entziehen.

Schon in der vergangenen Woche habe man dem Wirt mitgeteilt, dass er die Genehmigung für den Betrieb seines Hippodroms auf dem Frühlingsfest nicht bekommen werde. Krätz könne sich zu dieser Entscheidung noch äußern oder vor das Verwaltungsgericht ziehen. Ein zweites Verfahren läuft, um Krätz seine Konzession für den Andechser zu entziehen. Zwar habe der Wirt auch in diesem Fall noch bis zum 3. April Zeit, sich zu äußern. Aber der KVR-Chef sagt auch: „Ich werde ihm die Konzession nach jetzigem Stand wohl entziehen.“ Dafür gebe es Präzedenzfälle.

Grundsätzlich könne Krätz zwar Eigentümer eines Gastronomiebetriebs bleiben, er dürfe dort aber nicht mehr die Geschäfte führen. Es sei zwar denkbar, dass Verwandte als neue Wirte einspringen, man werde aber über Auflagen sicherstellen, dass Krätz nicht im Hintergrund weiter die Fäden in der Hand behalte. „Einen Strohmann wird es nicht geben“, sagt Blume-Beyerle. „Wir sind ja nicht dumm.“ Man könne dem neuen Wirt zum Beispiel auferlegen, dass Krätz nicht in dem Betrieb beschäftigt werden dürfe – oder sogar, dass er die Gaststätte nicht betreten darf. Dann dürfte Krätz in seinen Ex-Lokalen nicht einmal mehr zu Gast sein.

Ein drittes Verfahren ist nötig, um Krätz auch die Konzession für die Waldwirtschaft zu entziehen. Hier entscheidet nicht die Stadt, sondern das Landratsamt. Man sei mit der Behörde aber im Gespräch und werde die Akten austauschen. Eine Entscheidung sei für beide Betriebe in den nächsten Wochen zu erwarten.

Krätz ist in beiden Gaststätten Geschäftsführer, hat die Lokale von Brauereien gepachtet. Somit liegt es auch bei ihnen, was passiert, wenn Krätz die Konzession verliert. „Heute können wir uns dazu noch nicht äußern“, sagt Andechser-Sprecher Martin Glaab. Man wolle die KVR-Entscheidung und die schriftliche Urteilsbegründung abwarten: „Dann betrachten wir das Gesamtpaket.“

Auch Günter Kador, Chef von Spaten und Löwenbräu, will sich das Urteil erst anschauen, bevor er die Entscheidung trifft, wer die Waldwirtschaft künftig führen wird. Die gehört der Brauerei, Spaten beliefert das Hippodrom mit seinem Oktoberfestbier. „Wir sind auf alle Eventualitäten vorbereitet“, sagt Kador. „Es gibt sehr viele Bewerber für die Waldwirtschaft, wir werden aber erst einmal mit Sepp Krätz und der Stadt das Gespräch suchen.“ Grundsätzlich sei auch denkbar, dass ein Mitglied von Sepp Krätz’ Familie übernehme. Das hänge aber davon ab, wie die Stadt genau entscheidet und welche Auflagen sie ausspricht. „Alles ist möglich“, sagt Kador. Der Brauereichef betont: „Sepp Krätz hat die Waldwirtschaft und das Hippodrom zu dem gemacht, was sie heute sind.“

Fest steht: Ein Entzug der Konzession hätte für Krätz weitreichendere Folgen als das Strafurteil. Anwalt Peter Gauweiler betonte in seinem Plädoyer: „Verliert Herr Krätz seine Gaststättenkonzession, dann muss er sein Lebenswerk aufgeben.“ Krätz werde heuer 60 Jahre alt, „da ist ein beruflicher Neuanfang kaum noch zu realisieren.“

Der drohende Verlust des Hippodroms hatte auch Einfluss auf die Geldstrafe. Mit dem Hippodrom machte Sepp Krätz im Jahr 2013 rund 3,1 Millionen Euro Gewinn vor Steuern – noch eine Million mehr, als er zuvor angegeben hatte. Abgezogen wurden die Kosten für Auf- und Abbau des Zelts: etwa 830 000 Euro. In den Gaststätten verdiente Krätz als Geschäftsführer jährlich etwa 96 000 Euro. Anders als die Staatsanwältin rechnete die Richterin aber nur mit der Hälfte des 3,1-Millionen-Euro Hippodrom-Gewinns: „Es ist nicht klar, wie es weitergeht.“ So kam sie am Ende auf einen Monatsverdienst von 57 000 Euro netto.

Am Ende aller Zahlenspiele ringt sich Sepp Krätz vor der Tür zu einem Lächeln durch, schüttelt Hände. Zu seiner Zukunft: kein Kommentar. Der kam allerdings postwendend vom Wiesn-Chef.

von Ann-Kathrin Gerke und Philipp Vetter

Prozess gegen Wiesn-Wirt Krätz: Bilder aus dem Gerichtssaal

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