Von Schichtl zu Schichtl: Wiesn-Urgestein Schauer blickt zurück

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Manfred Schauer auf der Wiesn. Vor 26 Jahren hat er den Schichtl übernommen. Gründer des Zaubertheaters war Michael August Schichtl.

München - Zum 100. Todestag erinnert sich Manfred Schauer, Besitzer des traditionellen "Schichtl" auf der Wiesn an seinen Vorgänger und Gründer des berühmten Theaters, Michael August Schichtl.

Mein lieber Michael August Schichtl, Gründer meines berühmten Theaters „Auf geht’s beim Schichtl“, was wäre ich, der Münchner Schichtl, Manfred Schauer, ohne dich?

Jedenfalls nicht das, was ich bin. Heute ist dein 100. Todestag. Wer warst du, mein berühmter Vorgänger? Du bist 1851 in München geboren, dein Startkapital waren 58 Pfennige und das Theater deiner Eltern. In deinem „Variete Zauber Geister Theater“ traten 25 verschiedene Künstler auf. Mit deinen legendären Paraden präsentiertest du deine Nummern selber mit Witz und hundsgemeinen Anreden an das staunende Publikum und hast es damals schon geschafft, die Leute für dich und dein Theater zu gewinnen. Damit bist du richtig berühmt geworden und geblieben, bis heute. Im Unterschied zu mir warst du mit deinem internationalen Provinztheater ja noch richtig auf Achse. Auch zu deiner Zeit war der Höhepunkt deiner Vorstellung die Illusion, einen Menschen mittels Guillotine enthaupten zu lassen – eine Einmaligkeit, die auch ich jetzt noch im Programm habe.

Vor 26 Jahren habe ich dein Theater übernommen, wusste von der Schichtl-Tradition ein bisserl was, vom Schichtl-Theater wenig und vom Rekommandieren schon gleich gar nix!

Bilder aus 200 Jahren Wiesn-Geschichte

Bilder aus 200 Jahren Wiesn-Geschichte

Ich hatte zwar keine Ahnung aber ich bewunderte das Problem. Sprüche hatte ich schon drauf, allerdings konnte ich mit denen keine alte Sau von der Couch holen, geschweige denn das Publikum ins Theater. Irgendwie hab ich die ersten Tage der Wiesn 1985 dann überlebt – und der Schichtl mich. Aber dann ist irgendetwas in und mit mir passiert was mich heute noch vor- und antreibt. Die Freude und Begeisterung, dieses einmalige Theater zu führen und die Menschen zu erreichen. Es ist mir eine große Ehre und macht viel Freude, von den Leuten als „der Schichtl“ akzeptiert zu werden und dieses uralte Traditionsvehikel auf dem Oktoberfest vertreten zu dürfen. Lange schon definiere ich „unser“ Theater als „Brutstätte bayerischer Vor- für Restdeutsche Nachdenker“. Wir sind neben wenigen anderen Traditionsbetrieben Oasen der Nostalgie auf dem Bierfürstentum Theresienwiese.

Andererseits habe ich auch Veränderungen vornehmen müssen, denen wahrscheinlich auch Du Dich nicht verweigern hättest können. Du weißt ja, wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit. Ihr hattet am Tag zwei bis drei Vorstellungen von je ca. zwei Stunden Dauer. Seit meinem Amtsantritt absolvieren wir am Tag so um 25 Vorstellungen, natürlich kürzer und inklusive der Dir wohlbekannten Paraden. Das macht rund 400 Vorstellungen in 16 Tagen. Mein lieber Freund, da tun einem Körperteile weh, von denen wusste ich vorher gar nicht, dass es die gibt. Schuld bin ich aber selber. Was mir aber gewaltig auf den Nerv geht, ist, dass ungefähr ein jeder glaubt, auf der Wiesn wird einem das Geld nachgeschmissen! Ich habe mit dem „Schichtl“ mein Lebenselixier schlechthin gefunden. Vollgasmusik, zig-tausende lachende Gesichter, ein prima Kabinett (das sind meine zehn Mittäter) und das Bewusstsein, nix zu tun, was der Mensch braucht, aber alles was Freude macht. Das ist auch der Leitsatz meiner Veranstaltungsagentur, die ich seit 16 Jahren, animiert durch eben unser Theater, betreibe.

Die Wiesn-Plakate seit 1952

Die Wiesn-Plakate seit 1952

Der Schichtl, mein Lieber, ist ein Ereignis. Es lebt von denen, die es mit Herzblut betreiben, sich ganz und gar dafür her- und hingeben. Für Menschen und Preißn, die sich an charmanten Frechheiten erfreuen oder auch orientieren können. Wie lange das noch so bleibt weiß ich nicht. Aber wenn es nach mir geht, so soll dieses großartige Etablissement noch viel Vergangenheit vor sich haben. Und aus tiefstem Herzen rufe ich Dir zu: Der Schichtl ist eine Sensation! Vielen Dank, Michael August, ich denk an Dich, heute und die nächsten 100 Jahre. Mindestens.

Seit 1872 wird beim Schichtl geköpft

Das „Zaubertheater“ der Künstlerfamilie Schichtl stand im Jahr 1869 zum ersten Mal auf dem Oktoberfest. Zunächst führt Michael August Schichtl (1856 – 1911) das Unternehmen mit seinen Brüdern Franz August und Julius, ab 1879 dann allein. Die Münchner nannten den Theatergründer liebevoll „Papa Schichtl“, weil er seinen Artisten in der Winterpause nicht wie andere Schaubudenbesitzer kündigte, sondern sie in seinem Sendlinger Winterquartier durchfütterte. Die ersten Attraktionen beim Schichtl waren Automaten und Marionetten, seit 1872 gibt’s den bis heute weltbekannten Höhepunkt: das Köpfen auf der Bühne.

Als Michael August Schichtl 1911 starb, übernahm sein Ziehsohn Johann Eichelsdörfer das Theater. Im Jahr 1954 verstarb Eichelsdörfer und übergab alles seiner Tochter Franziska. Diese führte das Varieté weiter – unser Bild links zeigt Franziska Eichelsdörfer, als sie 1973 den Komiker Marty Feldman köpft. Sie verkaufte den Schichtl 1985 an den Quereinsteiger aus der Großmarkthalle, Manfred Schauer. Die Guillotine lagert er übrigens daheim im Keller. Schauer versichert: „Aber verpackt!“

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