Schausteller-Familien berichten

„Heimat ist da, wo der Wohnwagen steht“

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Klaus Renoldi und Swantje Strauß führen auf der Wiesn den "Höllenblitz". Am Donnerstag wird ihr Sohn Bo Valentin beim Schausteller-Gottesdienst getauft.

München - Sie reisen von Jahrmarkt zu Jahrmarkt und amüsieren die Besucher: Seit Generationen sind die Familien Kaiser und Renoldi Schausteller. Ihr Nachwuchs wird am Donnerstag im Hippodrom getauft.

Eine anstrengende Nacht liegt hinter den Kaisers – Elly kriegt gerade Zähne. „Die kleine Dame ist frühreif“, erzählt Ellys Oma Jasmin Kaiser. „Sie schlief schon mit vier Wochen durch, und mit zehn Wochen konnte sie sich rumdrehen.“ Ob sie das von der erst 42 Jahre alten Großmutter hat? „Schaustellerkinder werden früh erwachsen. Weil sie von Anfang an in den Arbeitsalltag integriert werden“, sagt Kaiser.

Die Chefin des Fahrgeschäfts „High Energy“ stammt aus einer 200 Jahre alten Münchner Schaustellerfamilie. Einst zog diese mit einem Zirkus durch Europa – die Kaisers waren Gaukler, Komödianten, Akrobaten. Dann kam das Fernsehen auf und das Interesse an derlei Attraktionen erlosch. Die Kaisers sattelten um – und waren seit 1956 mit einer Reitbahn auf dem Oktoberfest präsent. Heute betreibt die weitverzweigte Familie vier Fahrgeschäfte auf der Wiesn.

Ob Elly in Omas Fußstapfen treten wird? „Die Zeiten sind nicht rosig. Wenn Elly stattdessen einen Beruf erlernen will, stehen wir ihr nicht im Weg“, sagt Kaiser. Sie kennt das Leben im Wohnwagen von Kindesbeinen an. Zog mit ihrer Familie durch Deutschland, Holland, die Schweiz und Luxemburg. Nur im Winter war sie in ihrer Heimatstadt München. „Ich habe oft die Schule gewechselt. Den Schmetterling hab’ ich im Bio-Unterricht mehrmals durchgenommen.“ Ihre Kinder Willy (22), das ist Ellys Papa, und Joanna steckte sie deshalb ins Internat. Aber nur für kurze Zeit: „Die Sehnsucht war einfach zu groß.“

Heimat – für die Renoldis ist das der Ort, „an dem der Wohnwagen steht. Denn dort ist die Familie“, sagt Trudi Renoldi, Wirtin der Wildstuben auf der Wiesn. Ihr Enkel Bo Valentin wird wie Elly Kaiser beim Schaustellergottesdienst am Donnerstag, 10 Uhr, im Hippodrom getauft. Schon Bo Valentins Tante und seine große Schwester Lola (3) empfingen dort das Sakrament.

Die Familie Renoldi hat sich bewusst entschieden, mit der Taufe bis zum Oktoberfest zu warten: „Die Wiesn ist was Besonderes. Nirgendwo sonst gibt’s so viele traditionelle Fahrgeschäfte“, sagt Bo Valentins Papa Klaus Renoldi. Der 38-Jährige führt gleich gegenüber der Wildstuben das Fahrgeschäft „Höllenblitz“, er ist Schausteller in sechster Generation.

Als Kind hatte ihn vor allem das Teufelsrad begeistert: „Alle Schaustellerkinder waren meistens dort anzutreffen“, erzählt er. Seiner Frau Swantje Strauß (37), die aus einer alten Bremer Schaustellerfamilie stammt, begegnete er auf dem Bremer Freimarkt, wo Swantjes Vater eine Erlebnis-Gastronomie hatte. „Sie hat mir sofort gefallen. Da hab ich meine Schwester gebeten, Swantje einzuladen, mit uns auszugehen“, erzählt er.

Swantje Strauß hatte dem Schausteller-Leben eigentlich den Rücken gekehrt. Bis sie Klaus Renoldi kennenlernte, arbeitete die gelernte Schifffahrtskauffrau zehn Jahre lang für eine Bremer Reederei. Ob ihre Kinder den Schaustellerbetrieb eines Tages weiterführen werden? „Lola will derzeit Kosmetikerin werden. Oder Meerjungfrau“, erzählt Swantje Strauß lachend. „Aber im Ernst: wenn sie es machen wollen, stehen wir ihnen nicht im Weg. Orientieren sie sich anders, ist es auch okay.“

Glaubt man Elly Kaisers Mama Wilma, werden die beiden Täuflinge in die Fußstapfen ihrer Eltern treten. Die 22-Jährige die aus einer Bonner Schausteller-Familie stammt, sitzt im Kassenhäusl des Fahrgeschäfts „High Energy“ und sagt: „95 Prozent der Schaustellerkinder bleiben im Metier. Man wächst einfach hinein.“

Von Bettina Stuhlweissenburg

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