Stadt will keinen Gewinn mit Wiesn machen

Prüfer fordern höhere Wiesn-Pacht

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Keine Goldgrube: Die Stadt macht mit der Vermietung der Theresienwiese keinen direkten Gewinn.

München - Vor der Wiesn wird heuer vor allem über ein Thema diskutiert: die Pacht der Wirte. Prüfer der Stadt fordern Standgelder, die sich an den Umsätzen orientieren. Doch die Stadt will auch weiterhin keinen Gewinn mit der Wiesn machen.

Helmut Schmid ist sauer, als er Dienstagabend bei der Feier zum siebenjährigen Bestehen des Bier- und Oktoberfestmuseums das Wort ergreift. Auf die „kleinliche Rechnerei“ schimpft der Wiesn-Stadtrat von der SPD, auf den „einseitigen Bericht“ und auf das angeblich fehlende „wirtschaftliche Denken“ beim städtischen Revisionsamt. Grund für den Ausbruch ist ein Prüfbericht des Revisionsamtes über die Wiesn, der seit Tagen bei den Wirten und Verantwortlichen der Stadt für Wirbel sorgt.

Denn die Revisoren kritisieren, dass sich das Standgeld ausschließlich an der Größe der Betriebe orientiert. Die Wirte der 14 großen Zelte zahlten vergangenes Jahr 32,95 Euro pro Quadratmeter – für die gesamte Wiesnzeit. Insgesamt nahm die Stadt so 2,4 Millionen Euro ein und deckte damit im Schnitt knapp ihre Kosten. Diese Erkenntnis ist nicht neu, schon seit den 1970er Jahren herrscht im Stadtrat Konsens, dass man keinen direkten Gewinn mit dem Oktoberfest erzielen möchte. Denn München profitiert indirekt von der Wiesn, der insgesamt ein positiver wirtschaftlicher Effekt von bis zu 950 Millionen Euro jährlich zugerechnet wird.

Doch die Prüfer der Stadt, die nur dem Oberbürgermeister unterstellt sind, stoßen sich daran, dass insbesondere in den letzten Jahren auch Verluste erwirtschaftet wurden. Im Jahr 2008 lag das Minus der Verwaltung bei 212 890 Euro. Weil im Jahr zuvor aber noch ein Plus von mehr als 632 000 Euro ausgewiesen wurde, halten sich Gewinn und Verlust zwischen 2006 und 2010 annähernd die Waage. Die Kosten waren durchschnittlich zu 106 Prozent gedeckt.

Doch das Revisionsamt ist damit nicht zufrieden. „Die derzeitigen Entgelte für die Festzelte stehen in keinem angemessenen Verhältnis zu den erzielbaren Umsätzen“, schreiben die Prüfer. Darum soll es künftig nicht mehr nur nach der Größe der Zelte gehen: „Die Einführung einer Umsatzpacht für die Festzelte ist vom Tourismusamt zu prüfen“, heißt es in dem Papier, das das Revisionsamt im Juli dem Rechnungsprüfungsausschuss im Stadtrat vorlegte.

Auch wenn Wirtschaftsreferent Dieter Reiter (SPD) betont: „Kein einziger Steuer-Euro muss für die Finanzierung der Wiesn herhalten.“ Die Diskussion reißt nicht ab. Noch während der Wiesn 2012 soll deshalb im Wirtschaftsausschuss des Stadtrat über den Bericht diskutiert werden, kündigt Reiter am Dienstag an.

„Eine Umsatzpacht würde ich nur dann vorschlagen, wenn die Stadt Gewinn mit der Wiesn erzielen will. Sonst lohnt sich der Verwaltungs-Aufwand sicher nicht“, sagt Reiter, der 2014 für die Sozialdemokraten bei der Oberbürgermeisterwahl antritt. Der Aufwand wäre groß, denn derzeit vermietet die Stadt zwar die Theresienwiese für das Oktoberfest, kennt aber weder die genauen Umsätze, noch die Gewinne, die die Wiesn-Wirte erzielen, wie Reiter unserer Zeitung bestätigt. Deshalb berufen sich die Prüfer des Revisionsamts auf eine Schätzung des Tourismusamts, dass pro Sitzplatz im Zelt und Tag 100 Euro umgesetzt werden auf der Wiesn – insgesamt 168 Millionen Euro. Laut Wirte-Sprecher Toni Roiderer ist diese Zahl jedoch viel zu hoch gegriffen, den tatsächlichen Wert will er aber nicht preisgeben. Für ihn ist die Diskussion ohnehin eine „unnötige Neiddebatte“. Das bisherige System funktioniere „wunderbar“, es gebe keinen Anlass, es zu ändern. Sollte die Pacht deutlich steigen, „wäre das für die Preisentwicklung nicht günstig“. Sprich: Das Bier würde wohl teurer.

Zwar räumt das Revisionsamt ein, dass die Standgelder in den vergangenen zehn Jahren um 78 Prozent erhöht wurden, das sei aber stets mit Kostensteigerungen bei der Stadt einher gegangen. Durch steigenden Bierabsatz und höhere Preise sei auch der Umsatz mit Bier um 42 Prozent gestiegen. Das Tourismusamt hatte in einem Konzept aus dem Jahr 2009, das unserer Zeitung vorliegt, schon einmal eine reine Bier-Umsatzpacht durchgerechnet und war zu dem Ergebnis gekommen, dass sich so die Einnahmen der Stadt auf 4,4 Millionen Euro steigern ließen. Das Konzept wurde jedoch nicht weiterverfolgt. Die Revisoren rechnen nun vor, dass selbst bei einer Umsatzpacht von nur fünf Prozent 8,4 statt derzeit 2,4 Millionen eingenommen werden könnten.

Vorausgesetzt, die gemeldeten Umsatzzahlen stimmen. Denn nachprüfen kann die Stadt nicht, ob die gemeldeten Zahlen korrekt sind. Dass Skepsis angebracht ist, zeigt die Vergangenheit. Die Wirte berichten stets am letzten Wiesnsonntag, wie viel Mass Bier sie verkauft haben, diese Zahl verkündete die Stadt dann in ihrer offiziellen Bilanz. Ein paar Wochen später meldeten die Brauereien noch einmal die offiziellen Zahlen – sie lag nach Informationen unserer Zeitung bis vor wenigen Jahren stets deutlich darüber.

Philipp Vetter und Ann-Kathrin Gerke

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