Phänomen Alkohol

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In einem Liter Wiesn-Bier mit rund sechs Prozent Alkoholgehalt sind 60 Gramm reiner Alkohol.

München - Zur Wiesn trinkt man schon mal das eine oder andere Bier mehr. Doch wie wirkt Alkohol eigentlich, warum reagiert jeder Mensch anders darauf und was ist an den Mythen und Weisheiten dran?

Auf geht’s in den Wiesn-Endspurt: Viele Münchner werden die vergangenen drei Tage noch einmal in vollen Zügen genießen – im wahrsten Sinne des Wortes: Die ein oder andere Mass Bier (zu viel), Hendl, Haxn und haufenweise Süßigkeiten gehören einfach dazu. Wer Diät halten möchte, ist auf der Wiesn falsch. Alkohol und Schmankerl haben viele Kalorien – und sind übermäßig genossen ungesund. Aber halt: Wir wollen Ihnen den Spaß am letzten Wiesn-Wochenende nicht verderben. Lassen Sie es ruhig noch mal krachen – aber vergessen Sie nicht, Ihrem Körper nach der Wiesn etwas Gutes zu tun. Entgiften und entschlacken lautet die Devise! In einer kleinen Serie geben Ihnen renommierte Münchner Ärzte Tipps, wie Sie geistig und körperlich nach der Wiesn wieder richtig fit werden.

Der große Wiesn-Kalorien-Check

Der große Wiesn-Kalorien-Check

In Teil 1 erklärt Internist und Gastroenterologe (Magen-Darm-Spezialist) Dr. Christoph Struppler, wie Alkohol wirkt, warum jeder Mensch anders darauf reagiert und was an den Mythen und Weisheiten rund ums Thema Alkohol dran ist:

Was ist Alkohol?

Alkohol ist eine farblose, brennende, leicht entzündliche Flüssigkeit und wird gewöhnlich durch Gärung von Zucker­arten (Weintrauben beim Wein, Malz und Hopfen bei Bier) gewonnen. Der Zucker wird bei der Gärung in Alkohol und Kohlendioxid (Kohlensäure) gespalten. Nach Fett (9 kcal pro Gramm) enthält Alkohol die meisten Kalorien – jedes Gramm Alkohol hat 7 kcal.

Wie wird Alkohol vom Körper aufgenommen?

Etwa 2 Prozent werden direkt durch die Mundschleimhaut aufgenommen. Etwa 20 Prozent gelangen über die Magenschleimhaut ins Blut. Der große Rest wird erst im Dünndarm resorbiert – so nennen Experten die Aufnahme von Stoffen aus dem Nahrungsbrei im Darm während der Verdauung. Darum dauert es bis zu zwei Stunden, bis man die Wirkung von Alkohol vollständig spürt.

Die Wiesn-Bierpreise seit 1810

Die Wiesn-Bierpreise seit 1810

Wie wirkt Alkohol?

„Alkohol ist ein Nervengift, das die Impulsübertragung zwischen den Nervenzellen verändert. Bei übermäßigem Konsum wirkt Alkohol im Prinzip auf alle Organe toxisch, also giftig“, erklärt Dr. Christoph Struppler. Alkohol greift zudem direkt in die Biochemie des Gehirns ein: Experten sprechen von dämpfenden und aktivierenden Regulationssystemen im Gehirn. Alkohol wirkt dämpfend und verzerrt das natürliche Gleichgewicht.

Warum werden wir betrunken?

„Alkohol wirkt auf das Belohnungssystem unseres Körpers, indem er Botenstoffe wie Dopamin, Serotonin und Endorphine freisetzt“, sagt Struppler. Zunächst führt das zu einem Glücksgefühl, gesteigerter Redseligkeit und Enthemmung. Je mehr Alkohol wir trinken, desto stärker tritt aber die dämpfende Wirkung in den Vordergrund: Die Aktivität im Gehirn wird gebremst, die Nervenimpulse nehmen kontinuierlich ab.

Warum reagieren wir unterschiedlich?

Manche Menschen werden lustig und euphorisch, wenn sie betrunken sind. Andere neigen zu Müdigkeit oder Aggressivität. „Das ist individuell verschieden und hängt von der psychischen Grundstruktur eines Menschen ab“, so Struppler. „Auch die Stimmung, in der wir beim Trinken gerade sind, ist ausschlaggebend.“ Sind wir gut gelaunt, verstärkt Alkohol dieses Hochgefühl zunächst. Wenn wir schon vor dem ersten Glas traurig sind, werden wir auch durch Alkohol nicht unbedingt lustig. Grundsätzlich gilt: Bei kleineren Mengen überwiegt die als positiv empfundene Wirkung. Je mehr ein Mensch trinkt, desto stärker treten die negativen Wirkungen in den Vordergrund.

Warum vertragen manche mehr als andere?

„Fakt ist: Frauen vertragen weniger als Männer und Menschen asiatischer Herkunft sind weniger trinkfest als Europäer“, sagt Experte Struppler. Das hängt zum einen von Körpergewicht und Muskelmasse ab, zum anderen von einem Enzym, das für den Alkoholabbau im menschlichen Körper zuständig ist: der Alkoholdehydrogenase (ADH). „Asiaten haben genetisch bedingt weniger ADH, auch Kinder und Jugendliche können dieses Enzym noch nicht bilden, daher ist ein Rausch bei Jugendlichen besonders schwer und folgenreich.“

Haben „Trinkfeste“ wirklich weniger Alkohol im Blut?

Das ist Quatsch! Der Promille-Wert hängt einzig von der getrunkenen Menge ab. Ein geübter Trinker hat nach zwei Mass Bier genauso viel Alkohol im Blut wie jemand, der das Trinken nicht gewohnt ist. Allerdings wirkt der Trinkfeste bei gleicher Menge weniger betrunken. Das ändert aber nichts an seinem Promille-Wert, etwa bei einer Fahrzeugkontrolle.

Ab welchem Pegel lallen und torkeln Betrunkene?

Bereits ab 0,3 Promille nimmt die Aufmerksamkeit ab und das Sehfeld wird eingeschränkt. Ab 0,8 Promille kommt es zu Gleichgewichtsstörungen, bei 1,0 bis 1,5 Promille zu Sprachstörungen, erhöhter Risikobereitschaft und Aggressivität.

Wird man mit einer guten Grundlage wirklich nicht so schnell betrunken?

 Es stimmt, dass fettes Essen die Alkohol­aufnahme des Körpers verlangsamt – nicht jedoch verhindert! Wenn man vorher etwas gegessen hat, der Verdauungsapparat also bereits auf Hochtouren arbeitet, muss die Alkoholaufnahme „warten“. Der Alkohol bleibt länger im Magen. Das führt zu einem langsameren Ansteigen des Pegels.

Macht zwischendurch Wasser trinken weniger betrunken?

Man hört so manches: Wer Wasser trinkt, verdünnt den Alkohol im Körper – Unsinn! Wasser trinken senkt den Promille-Wert nicht. Wahr ist hingegen: „Wer zwischendurch zu Anti-Alkoholischem greift, trinkt in der Summe meist weniger. Und er beugt der dehydrierenden Wirkung von Alkohol vor“, sagt Spezialist Struppler.

Warum bekommt man einen Kater?

Kopfweh, Übelkeit, Erbrechen: Wissenschaftler gehen davon aus, dass ein Kater bis zu drei Tage nach dem Rausch die Leistungsfähigkeit einschränken kann. Die Kopfschmerzen rühren von der Dehydrierung – Alkohol lässt den Körper mehr Flüssigkeit ausscheiden, als getrunken wird. Dem Blutkreislauf wird Wasser entzogen, was zu Kopfschmerzen führen kann. Die giftigen Abbauprodukte der Fuselalkohole, die vor allem in billigem Bier, Wein oder Schnaps vorkommen, führen zu einer verminderten Herzleistung und verhindern, dass unser Gehirn ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird. „Erbrechen rührt häufig von einer alkoholbedingten Gastritis – also einer Magenschleimhautentzündung“, erklärt Dr. Struppler.

Was hilft wirklich gegen einen Kater?

„Nicht so viel trinken ist die beste Medizin“, sagt Dr. Struppler. Sinnvoll ist außerdem, zwischendurch auf Anti-Alkoholisches umzusteigen oder spätestens vor dem Schlafengehen möglichst viel Mineralwasser zu trinken. Das beugt der Dehydrierung vor. Ein erhöhter Blutzuckerspiegel, z.B. durch den Verzehr von süßen Früchten oder Honig, soll den Alkoholabbau außerdem unterstützen. Auch was getrunken wird, spielt eine Rolle. Minderwertige Alkoholika enthalten oft hohe Mengen Fuselalkohole.

Was ist ein Filmriss?

Für einen echten Filmriss sind recht hohe Werte von 1,4 Promille und mehr nötig. Wenn der Blutalkoholspiegel sehr schnell ansteigt, ist die Gefahr einen Filmriss zu bekommen, besonders hoch – Hochprozentiges führt schneller zum Blackout als Bier! Bei einem Filmriss wird die Arbeit in zentralen Hirnregionen gestört, so dass die Informationen vom Kurzzeitgedächtnis nicht oder nur lückenhaft ins Langzeitgedächtnis übertragen werden.

Wie schnell wird man wieder nüchtern?

Bis zu 5 Prozent des Alkohols werden als „Fahne“ abgeatmet . Etwa 2 Prozent werden unverändert mit dem Urin ausgeschieden, weitere 1 bis 2 Prozent ausgeschwitzt. Die restlichen über 90 Prozent werden über die Leber durch Oxidation abgebaut. Die Leber kann pro Stunde 0,1 bis 0,2 Promille abbauen. Dies kann durch Bewegung, Essen oder Getränke nicht beschleunigt werden.

Haben zweieinhalb Wochen Wiesn schon messbare Auswirkungen?

Natürlich! Wer es während der Wiesn dauernd bzw. mehrfach in der Woche übertrieben hat, muss mit Folgen rechnen. Dr. Struppler: „Die Leberwerte steigen signifikant an. Bei Patienten, die vorher bereits eine Fettleber hatten, kann eine ausgiebig begossene Wiesn zu einer schweren Entzündung der Leber oder Bauchspeicheldrüse führen. Auch Herzrhythmusstörungen und Schäden am Nervensystem können auftreten. Diese Schäden lassen sich aber durch Abstinenz und einen gesunden Lebenswandel meist wieder völlig beheben.“

Welche Auswirkungen hat Alkohol auf die Potenz?

Alkohol verringert den Testosteron-Spiegel beim Mann – das wirkt sich negativ auf Erektion und Orgasmusfähigkeit aus. Die Erklärung dafür, warum betrunkene Männer länger „können“.

Bier auf Wein, das lass sein?

Diese Weisheit ist historisch bedingt. Wein galt als das bessere Getränk, Bier war was für arme Leute. Bier auf Wein zu trinken kam also einem sozialen Abstieg gleich. Durcheinander trinken macht den Rausch oder Kater aber nicht schlimmer.

Hilft Alkohol beim Einschlafen?

Ja und Nein. Alkohol wirkt dämpfend und macht daher müde. Allerdings schlafen wir unter Alkoholeinfluss schlechter.

Sagen Kinder und Betrunkene die Wahrheit?

Alkohol enthemmt, daher sagen Betrunkene schneller etwas, was ihnen nüchtern nicht über die Lippen käme. Ob das immer wahr sein muss, sei dahingestellt.

Stimmt es, dass Alkohol wärmt?

Alkohol führt zu einer Erweiterung der Blutgefäße. Das Blut fließt vom Körperkern vermehrt in Arme und Beine, daraus ergibt sich ein angenehmes Wärmegefühl. Aber Vorsicht! Alkohol setzt die natürliche Regulierung des Wärmehaushaltes außer Kraft – wir merken nicht mehr, wenn uns kalt wird. Außerdem gibt der Körper unter Alkohol­einfluss mehr Wärme nach außen ab. Man kann ungefähr sagen, dass pro 50 Gramm Alkohol (also einer knappen Mass Wiesn-Bier), die Körpertemperatur um ein halbes Grad sinkt.

Simone Herzner

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