Wiesn: Polizei will Kampftrinker jagen

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München - Der Wiesn-Start rückt näher, das merkt man nicht nur an den verstärkten Dirndl- und Lederhosenauslagen in den Geschäften und der Trachtenwerbung.

Weniger volkstümlich, sondern wirklich ernst und gesellschaftskritisch ist das Thema, das Robert Kopp, Vizepräsident der Münchner Polizei, jetzt anschlägt. 2009, so kündigt er in einem Interview mit dem Focus an, werden seine Kollegen auf dem Oktoberfest verstärkt „Kampftrinker“ ins Visier nehmen.

Trinken bis zum Umfallen, das ist bei jungen Leuten groß in Mode gekommen – zu jeder Jahreszeit. Auf der Wiesn haben Robert Kopp und seine Leute erschreckende Erfahrungen gemacht, die er nicht wiederholen will: „Es geht zu weit, wenn am Wochenende bereits stark alkoholisierte Jugendliche, die bis in der Früh in Clubs getrunken haben, morgens um sechs zu den Zelten ziehen, sich auf dem Weg dorthin an der Tankstelle einen Bierträger mitnehmen und dann pöbeln.“ Der Polizei-Vize erfindet einen neuen Ausdruck: „Das nenne ich nicht mehr vorglühen, sondern durchglühen.“

Oktoberfest 2009 - Getränkepreise aus allen Zelten

Oktoberfest 2009 -Getränkepreise aus allen Zelten 

Die Frage, wie solche Szenen in Zukunft zu verhindern seien, stellen sich Polizei, Feuerwehr und Stadtrat spätestens seit der „Ballermann-Wiesn“ 2004 (siehe unten). Heuer sollen nach einem neuen Sicherheitskonzept die Haupttore der Zelte dicht bleiben und Ordner die Gäste durch Seiteneingänge hereinlotsen.

Wirte-Sprecher Toni Roiderer, Chef des Hacker-Zelts, bestätigt die Strategie: „Es kann gar kein Betrunkener reinkommen, wenn wir die Besucher einzeln reinlassen.“ Notfalls gebe es auch Taschenkontrollen nach mitgebrachten Alkoholika. ­Roiderer beschwichtigt allerdings die Sorge der Polizei wegen der Kampftrinker: „Man soll das mit den Besoffenen nicht überbewerten. Wichtig ist uns Wirten, dass die Leute an Samstagen nicht vor 8 Uhr kommen, das stört den Lieferverkehr.“

Wiesn-Stadtrat Helmut Schmid verschiebt die Wunsch-Ankunftszeit auf 9 Uhr: „Da machen die Zelte erst auf.“ Die Menschenansammlungen vor den Zelten hätten in den letzten Jahren immer mehr zur Behinderung für Lieferanten, aber auch zu einem Sicherheitsrisiko für die Mitarbeiter geführt, die schon seit frühmorgens im Inneren werkeln. „Sämtliche Fluchtwege sind versperrt, so dramatisch ist die Situation den ganzen Tag nicht mehr.“ Leider könne man das Warten vor dem Zelt nicht verbieten, eine entsprechende Verordnung mit Bußgeldandrohung habe der Stadtrat vor einigen Jahren zurückgezogen, weil sie von der Polizei nicht durchgesetzt werden kann. „Die jungen Leute machen sich aus den frühen Versammlungen vor dem Zelt eine Gaudi. Das ist halt in.“ Weniger schlimm findet Schmid, dass „unter tausend Wartenden vielleicht 50 Betrunkene sind“. Die kämen heuer nicht mehr ins Zelt.

BW.

Die Ballermann-Wiesn 2004

Vier Tage nach der zuweilen chaotischen Sicherheitslage auf der berühmt-berüchtigten „Ballermann-Wiesn“ 2004 platzte dem damaligen Wiesnwachen-Chef Gerhard Bayer in der Abschluss-Pressekonferenz der Kragen: „Unsere psychische und physische Belastungsgrenze war mehr als ausgereizt“, zürnte der Polizeioberrat. Schon damals campierten Kids im Schlafsack hinter den Zelten. Bayer: „Die Wiesn hat sich gewandelt zu einer Mischung aus Ballermann, Fasching und Après-Ski, in der sich die Leute total ausleben wollen. Bis die Stimmung plötzlich in Aggression und Panik umschlägt und sich die Leute gegenseitig an die Gurgel fahren.“ Das war nach Bayers Einschätzung schon damals ein „massenpsychologisches Phänomen, das mir brennender erscheint als eine abstrakte Anschlagsgefahr.“ Der Mann hat recht behalten.

dop

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