Zehn Fahrgeschäfte im Test

Rücken-Alarm: So gefährlich sind die Karussells

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Zu rasant für kaputte Rücken: Der Skater ist eine Herausforderung für die Wirbelsäule.

München - In den Fahrgeschäften auf der Wiesn geht’s rasant zu. Eine Gaudi, die nicht immer ungefährlich ist. Ein Münchner Orthopäde hat den Test gemacht: Welche Fahrgeschäfte belasten den Rücken besonders?

Der „Skater“ hebt ab. „Völlig losgelöst von der Erde“ schallt aus dem Lautsprecher, dazu die Stimme des Rekommandeurs: „Schneller, schneller, lang lebe der Propeller!“ Der Propeller hängt am Arm des Skaters. Sechs sternförmig angeordnete Sitzreihen wirbeln durch die Luft. Der Propeller dreht sich, die Achse dreht sich, die Sitzreihen drehen sich. Unten vor dem Wiesn-Fahrgeschäft steht Orthopäde Reinhard Schneiderhan. „Das ist brutal für die Hals- und Lendenwirbelsäule“, sagt er. „Der Körper wird mit hoher Geschwindigkeit um alle drei Achsen gedreht.“

Nach Angaben von Schneiderhan, der eine Praxis in Taufkirchen führt und Präsident des Vereins Wirbelsäulenliga ist, steigt in den Münchner Kliniken während der Wiesn die Zahl der Patienten mit akuten Rückenschmerzen um zehn bis 20 Prozent. Schneiderhan selbst ist ein Fan vom Oktoberfest und seinen Fahrgeschäften – „das gehört dazu, ich will das niemandem vermiesen“, sagt er. „Aber jeder kann während der Fahrt etwas tun, um den Rücken zu schützen.“ Gefährdet seien nicht alle Wiesn-Besucher, sondern vor allem Menschen, die bereits Rückenprobleme haben.

Hier schreit der Rücken: Die zehn gefährlichsten Karussells

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Der Orthopäde hat 20 Fahrgeschäfte auf dem Oktoberfest getestet und Risikopunkte für Rückenpatienten vergeben. Je höher der Wert, desto höher das Risiko. Der Skater kassiert zehn von zehn Punkten. „Das Ranking beruht auf eigenen Erfahrungen, Beobachtungen und Befragungen meiner Patienten“, sagt Schneiderhan. Sieben Fahrgeschäfte hat er sogar auf Video aufgezeichnet, um sie zu analysieren.

80 Prozent der oktoberfestbedingten Rückenschmerzen machen sich laut dem Experten an der Halswirbelsäule bermerkbar – „oft erst ein oder zwei Tage später.“ Das wissen auch die Schausteller: Schilder warnen Menschen mit Wirbelsäulen- und Bandscheibenschäden, wenn das Fahrgeschäft zu rasant ist. Häufig spielt laut Schneiderhan auch der Alkohol eine Rolle: „Schon eine Mass setzt die Reaktionsfähigkeit signifikant herab.“ Die Folge: Man spannt die Muskeln nicht mehr kräftig genug an.

Unter den getesteten Fahrgeschäften sind auch Wiesn-Klassiker wie die „Wilde Maus“ (Faktor 5), der „Olympia-Looping“ (Faktor 6) und der Autoscooter (Faktor zwei bis 4). „Die Loopings an sich sind harmlos“, erklärt Schneiderhan. „Lediglich in der ersten Steilkurve wird die Wirbelsäule belastet.“ Dennoch wirkten Kräfte bis zum Fünffachen des Körpergewichtes auf die Wirbelsäule. „Patienten mit Vorschäden sollten verzichten.“ Bei der „Wilden Maus“ gibt es keine Kopfstützen, das macht sich bei den plötzlichen Richtungswechseln bemerkbar. Beim Autoscooter kommt es auf die Fahrweise an. Heftige Unfälle können, wie im echten Straßenverkehr, Schleudertraumata verursachen.

Ingesamt gilt auch für gesunde Menschen: Die richtige Sitzhaltung stabilisiert den Rücken. „Das Gesäß ganz nach hinten, Schultern und Rücken sollten anliegen“, empfiehlt Schneiderhan. Die modernen Fahrgeschäfte seien sicher ausgestattet – „es gibt fast überall Kopfstützen und Bügel, die das Becken nach hinten drücken“.

Mit dem Alter hat das Risiko nicht unbedingt etwas zu tun: „Es gibt rüstige 70-Jährige, denen jedes Fahrgeschäft Spaß macht“, sagt Schneiderhan. Aufpassen sollten Eltern von kleinen Kindern – auch, wenn sie die Altersvorgabe des Schaustellers einhalten. „Die Muskulatur muss ausreichend stabil sein“, sagt Schneiderhan. Wer nach dem Fahrspaß Schmerzen hat, sollte es mit Wärme probieren – und wenn das nicht hilft, zum Arzt gehen.

Von Ann-Kathrin Gerke

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