Heuer treffen sich Gewinner und Verlierer

Das Oktoberfest ist polititkfreie Zone

+
Die erste Mass, gezapft vom Oberbürgermeister Christian Ude (SPD), geht an den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU).

München - Wenn der Wahlkampf rundum tobt, bleibt das Oktoberfest eine Insel der Ruhe - politisch zumindest, denn Politik ist dort traditionell tabu. Dabei wirkt sie bis tief in die Keimzelle der Wiesn: Wahlen bestimmen die Besetzung in der Anzapfboxe.

Das Bierzelt ist in Bayern der Ort für politische Mobilisierung schlechthin. Aber es gibt einen parteiübergreifenden Konsens: Das Oktoberfest als größtes Bierzeltereignis der Welt ist politikfreie Zone. Kein Wahlkampfgetöse soll Missklang in die Blasmusik bringen - und kein Politiker soll die Mega-Bierzelte für Wahlwerbung nutzen. Vom 21. September bis 6. Oktober werden bei dem Volksfest sechs Millionen Besucher erwartet - die Mehrzahl sind immerhin Wähler aus dem Freistaat.

Trotz des Polit-Tabus wirkt das politische Machtgefüge tief hinein in die Keimzelle des Oktoberfestes, die Anzapfboxe im Schottenhamel-Zelt. Das Anzapfen des ersten Fasses und die Eröffnung der Wiesn ist Privileg des - meist sozialdemokratischen - Münchner Oberbürgermeisters. Der Ministerpräsident - meist christlichsozial - bekommt als Ehrengast die erste Maß. Während das unvermeidliche „Prosit der Gemütlichkeit“ durchs Zelt schallt, prosten sich beide Regenten überparteilich einträchtig zu.

Alle Infos zur Landtagswahl finden Sie hier

Dieses Jahr werden bei dem Zeremoniell eine Woche nach der Landtagswahl ein Sieger und ein Verlierer aufeinandertreffen: Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) bekommt am 21. September die erste Maß von seinem Landtagswahl-Herausforderer Christian Ude (SPD). Ude ist nach zwanzig Amtsjahren als Oberbürgermeister mit zwei Schlägen unbestrittener Rekordhalter beim Anzapfen, ein wichtiges Kriterium für das Ansehen des Stadtoberhaupts bei den Münchnern. Bei Kommunalwahlen fuhr er teils zwei Drittel-Mehrheiten ein, wie sie sonst in Bayern nur die CSU kennt. Ob Ude bei der Landtagswahl an diesem Sonntag genug Stimmen sammeln kann, ist aber sehr ungewiss.

Auf der Empore im Schottenhamel-Zelt versammelt sich zum Anstich gut sichtbar Politprominenz aus Bayern und teils auch Berlin, gerne in Trachtenoutfit. Zu den Stammgästen zählt Grünen-Chefin Claudia Roth, die mal im grünen, mal im türkisglänzenden Dirndl Pfiffen der Besucher trotzt. Dieses Jahr wird die Ratsboxe wahrscheinlich nicht besonders prominent besetzt sein - am Vorabend der Bundestagswahl am Sonntag sollte es lohnendere Auftrittsmöglichkeiten geben.

Politische Aussagen schließlich sind tabu, und mit Argusaugen wird gerade vor Wahlen jeder Schritt von Politikern beobachtet. Im vergangenen Jahr bekam das der Münchner Wirtschaftsreferent Dieter Reiter (SPD) zu spüren, als er beim Trachtenumzug in einer Kutsche mitfuhr - vor dem Ministerpräsidenten und vor dem Oberbürgermeister. Reiter war als Wiesn-Chef vom Veranstalter dazu eingeladen, doch der CSU-Politiker Helmut Pfundstein warf ihm sofort eine „OB-Pose“ vor. Reiter ist Spitzenkandidat seiner Partei und Udes Wunschnachfolger als OB bei der Kommunalwahl im März 2014 und will nächstes Jahr das erste Fass anstechen.

Alle Infos zur Bundestagswahl finden Sie hier

In diesem Jahr ändert sich an der Konstellation in der Anzapfboxe noch nichts, egal wie die Landtagswahl ausgeht. Denn selbst wenn Ude gewinnen sollte, muss sich erst der neue Landtag konstituieren. Umfragen zufolge ist es aber unwahrscheinlich, dass Ude als designierter Ministerpräsident Seehofer als unterlegenem Konkurrenten das Bier reichen kann. Eine Woche vor der Wahl kam die SPD laut ZDF-Politbarometer auf 20 Prozent, zusammen mit Grünen (10 Prozent) und Freien Wählern (8 Prozent) macht das 38 Prozent. Die CSU könnte hingegen mit 48 Prozent rechnen und damit alleine regieren.

Erst im nächsten Jahr gibt es eine neue Besetzung in der Anzapfboxe. Wenn sich alle Hoffnungen der SPD erfüllen, wird der derzeitige Wirtschaftsreferent Reiter einem Ministerpräsidenten Ude die erste Maß reichen. Eine rot-rote Besetzung in der Anzapfboxe wäre eine absolute Premiere in der Nachkriegsgeschichte. Doch auch die CSU kann sich Chancen ausrechnen: Wenn ihr OB-Kandidat Josef Schmid das Rennen macht und die Landtagswahl gemäß den Umfragen ausgeht, wäre die Anzapfboxe doppelt schwarz besetzt - auch das gab es noch nie.

dpa

Auch interessant:

Lesen Sie auch:

Wiesnwirte rechnen vor: So viel nehmen wir wirklich ein

Wiesnwirte rechnen vor: So viel nehmen wir wirklich ein

Bierpreis-Zoff: Schmid hü, Reiter hott! Wer hat Zügel in der Hand? 

Bierpreis-Zoff: Schmid hü, Reiter hott! Wer hat Zügel in der Hand? 

Bierpreis-Streit eskaliert: Schmid sagt Gespräch mit Wirten ab

Bierpreis-Streit eskaliert: Schmid sagt Gespräch mit Wirten ab

Immer teurer? Die Wahrheit über Bier, Brezn, Streifenkarte und Co.

Immer teurer? Die Wahrheit über Bier, Brezn, Streifenkarte und Co.

Kommentare