Seehofer gibt sich wortkarg

So politisch ist die Wiesn

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München - Das Oktoberfest ist eröffnet, die Massen strömen, das Bier auch. Politik ist auf der Festwiese tabu - doch in einem Jahr sind Wahlen. Das wird sich auch auf die Besetzung der Anzapfboxe auswirken.

Da sind sie friedlich versammelt und prosten sich im Gedränge der Anzapfboxe zum Start des Oktoberfests zu: Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), Oberbürgermeister Christian Ude und der neue Wiesn-Chef Dieter Reiter (beide SPD). In zwei Jahren wollen sie alle wieder hier sein - aber teils mit vertauschten Ämtern. Ude, der 2013 bei der Landtagswahl für die SPD ins Rennen geht, möchte 2014 an Seehofers Platz stehen und die erste Maß entgegennehmen, die traditionell dem Ministerpräsidenten gebührt. Und am liebsten bekäme er die Maß aus den Händen seines Kronprinzen Reiter, der heuer erstmals das Volksfest leitet und das Anzapfen übernehmen würde, wenn er die Kommunalwahl 2014 gewinnt und OB wird.

Er wäre sehr zufrieden, auch „künftig in der Anzapfboxe dabei zu sein - und nicht mehr arbeiten zu müssen, sondern die erste Maß zu bekommen“, sagt Ude. Die Wiesn ist allerdings streng politikfreie Zone, Wahlkampftöne sind verpönt. „Wir wollen ein positives Bild von den Bayern vermitteln, die gemeinsam feiern können - und kein politisches Gezänk. Für die Auseinandersetzung bleiben uns noch 50 Wochen Zeit“, sagt Ude. Einträchtig im Regen vom Schicksal vereint hatten Seehofer und Ude vor dem Zelt gestanden - unter einem Regenschirm, den Seehofer für beide hält.

Kurz vor dem Anstich gibt Horst Seehofer dem Bayerischen Rundfunk ein wortkarges Interview. Vier Mal hintereinander lautet seine einsilbige Antwort: "Ja." Dafür erntet er später Spott von der Opposition.

Die Ärmel aufgekrempelt, zapft Ude wenig später zum 19. Mal das erste Fass Bier an, professionell mit zwei Schlägen. Er war 2005 der erste OB seit 1950, der das schaffte. Die Zahl der Schläge ist für ein Münchner Stadtoberhaupt ein wichtiges Imagemerkmal.

So feiern die Promis den Wiesn-Anstich

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Auch wenn das Anzapfen für Ude bei seiner 20. Wiesn Routine ist, hat er wie jedes Jahr am Vorabend mit seinem „Anzapftrainer“, dem Brauer Helmut Huber, geübt. „Die Fußballprofis können Fußball spielen - und trainieren trotzdem jeden Tag“, sagt Huber nur. Der OB habe sich danach mit ihm bei einer zünftigen Brotzeit für die Aufgabe gestärkt. Es gab Radieschen und die Käsespezialität Obazdn - einer von Udes Vorgängern hatte in der Aufregung anstelle des Schlachtrufs „Ozapft is“ einmal „Obatzd is“ gerufen.

Wirtschaftsreferent Dieter Reiter sieht das als geringstes Problem seiner möglichen Ude-Nachfolge. „"Ozapft is" ist bring ich raus.“ Und Anzapfen könne er auch. Reiter trat unter anderem mit seinen SPD-Mitbewerbern an, um die Frage des SPD-OB-Kandidaten im Duell „auszuzapfen“. Drei Schläge brauchte er da - um an Ude heranzukommen, muss er noch üben. Man habe schon locker über ein Training im Fall des Falles gesprochen, sagt Anzapftrainer Huber. Er jedenfalls sei bereit: „Wenn es ist - ich hab jederzeit Zeit. Ich bin Rentner.“ Und um sein politisches Ziel noch mal ganz deutlich zu machen, ließ sich Reiter später Später noch mit einem Schild fotografieren, auf dem "Reserviert Oberbürgermeister" stand.

Für Wirbel sorgte dieser Tage, dass Reiter am Sonntag beim traditionellen Trachten- und Schützenzug in einer Kutsche gleich nach dem Münchner Kindl mitfahren wird - noch vor dem Ministerpräsidenten und dem Oberbürgermeister. Das sei eine „OB-Pose“, wetterte der CSU-Politiker Helmut Pfundstein. „Da soll er lieber die Wahl abwarten.“ Reiter war vom Veranstalter eingeladen worden - die bisherige Wiesnchefin Gabriele Weishäupl war stets in der Vorhut bei den Werbekutschen zur Wiesn gefahren.

Seehofer sieht das gelassen: „Das ist völlig in Ordnung.“ Schließlich sei Reiter der Wiesn-Chef. Das Oktoberfest sei nach wie vor keine „Wahlkampfarena.“

Freilich ist alljährlich Politprominenz vertreten, zu den Stammgästen zählen Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und Grünen-Chefin Claudia Roth, die heuer im paillettenbesetzten türkisglänzenden Dirndl ungerührt den Pfiffen der Besucher trotzte, als sie mit Münchens grünem Bürgermeister Hep Monatzeder von der Ratsboxe herunterwinkte. Ude hingegen erntete wie immer Applaus und „Ude, Ude“-Rufe - auf der Wiesn jedenfalls ist er unbestrittener Herrscher, gemäß seinem Spitznamen „Bürgerking“.

dpa/lot

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