Verein gegen betrügerisches Einschenken

Mit dem Maßband am Wiesn-Masskrug

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Herr des Maßbands: Jan Ulrich Bittlinger bei seiner Lieblingsbeschäftigung auf der Wiesn – Massen messen.

München - Wie jedes Jahr kämpft der Verein gegen betrügerisches Einschenken auf dem Oktoberfest gegen schlecht gefüllte Wiesn-Massen. Wir waren auf einer der "Prüftouren" dabei.

Der Präsident des Vereins gegen betrügerisches Einschenken braucht nicht viele Worte, um mit den Leuten warm zu werden: „Bist du alloa do?“, fragt er. Der Trachtler im Biergarten der Fischer Vroni nickt. „Brauchst a Mass?“ Der Trachtler nickt erneut – und Jan Ulrich Bittlinger hockt sich zu ihm. Er bestellt zwei Massen – „mir hätt’ ma gern zwei Weißweinschorlen“ – und erklärt dem Trachtler, wer er ist. Dass sich sein Verein für volle Massen einsetzt und deshalb Schankkontrollen durchführt. „Und, host scho a paar dawischt?“, will der Trachtler wissen, der Wolfgang Perkl heißt. „Na, des is heut’ meine erste Kontrolle“, antwortet Bittlinger.

Zwei große Volksschankkontrollen führt der Verein gegen betrügerisches Einschenken, kurz VGBE, heuer auf der Wiesn durch, heute ist Bittlinger auf Probetour, zeigt, wie sein Verein misst. Bei jeder Kontrolle werden 100 Massen in den großen Zelten geprüft – nur nicht im Weinzelt, denn da gibt es keine Massen.

Die Kontrolleure rekrutiert der Verein unter seinen Facebook-Freunden. Mit Geld aus der Vereinskasse und einem Maßband ausgestattet gehen sie auf die Wiesn, trinken selbst – und laden andere dazu ein. Ein Vorgehen, dass dem Verein bei der Stadtverwaltung nicht den besten Ruf einträgt. Unprofessionell sei das, heißt es aus dem Kreisverwaltungsreferat, das selber Kontrolleure auf der Wiesn hat. Bittlinger lässt sich nicht beirren. Denn in einem sind er und die Stadt sich einig: Es wird zu schlecht eingeschenkt.

Wiesn-Rundgang am Montag

Wiesn-Rundgang am Montag

In der Fischer Vroni ist es Bittlinger persönlich, der die Spendierhosen anhat. Damit sich der Schaum erst setzen kann, wartet er vier Minuten, bevor er mit dem Maßband die Fehlmenge zwischen Eichstrich und Bier misst.

Perkls Mass ist perfekt eingeschenkt. Bittlingers dagegen hat 17 Millimeter Unterschank. „Das liegt unter der Toleranzgrenze!“, schimpft er. Wie berichtet, gesteht das Kreisverwaltungsreferat den Wirten einen Unterschank von 15 Millimetern zu. Um den besonderen Bedingungen des Massenausschanks gerecht zu werden.

Bittlinger reklamiert seine Mass nicht: „Wenn ich privat da wäre, würd’ ich sie zurückgehen lassen. Aber bei der Schankkontrolle geht’s um das Ergebnis“ sagt er. Perkl schaut dem geschenkten Gaul ins Maul – und entdeckt dass am Masskrugrand das Glas abgesplittert ist: „Da schneid i mir ja d‘ Lätschn auf“, grantelt er.

Überhaupt grantelt er gern, genau wie Bittlinger. Gemeinsam sinnieren sie über den Wandel des Oktoberfestes – „das ist doch gar kein Volksfest mehr“ – und mosern über die Oide Wiesn: „Das Brauchtum kommt ins hinterste Eck, wird hinter einem Bauzaun versteckt und die Leut’ müssen auch noch Eintritt zahlen!“ Auch beim Thema Schankmoral sind sie sich einig: „Es ist d’ Wahrheit, de Leut’ werden bschissen. Auf der Wiesn, auf der Auer Dult, am Viktualienmarkt und überhaupt!“, pflichtet Perkl seinem neuen Biertisch-Spezl bei. Dann verabschiedet sich Bittlinger – „I wünsch da wos!“ – und zieht in den Garten vom Winzerer Fähndl.

Dort gesellt sich der leutselige 38-Jährige zu nordrhein-westfälischen Touristen, zu Andreas Ridder und Ralf Hansmeier sowie deren Gattinen. Er spendiert vier Massen – und überbrückt die vier Minuten bis zum Messen mit einem Schnellkurs im Tabakschnupfen. „Sowas hab ich noch nie genommen“, sagt Ridder und zögert. Bittlinger bleibt hart: „Macht nix, do gehst her“, sagt er – und setzt dem Westfalen zwei Häuflein Tabak auf die Hand. Der Tabak ist stark – die Augen des Westfalen füllen sich mit Tränen. „So, und jetzt sagst zu deiner Frau: ich liebe dich!“, empfiehlt im Bittlinger.

Die vier Minuten Wartezeit vergehen wie im Flug Bittlinger hält das Maßband an den Krug – und stellt nüchtern fest: „Die erste Mass hat 2,5 Zentimeter Unterschank, die zweite, 2,1. Die dritte 2,3 und die vierte 1,5 Zentimeter.“

Ridder und Hansmeier reklamieren die spendierten Massen nicht. Und wenn sie sie selbst bezahlt hätten? „Wir hätten es gar nicht bemerkt. Wir wissen ja nicht, wo der Eichstrich ist“, sagen die Westfalen. „Bei uns im Münsterland trinkt man aus 0,2-Gläsern.“ Aber in Ordnung sei das nicht: „Wenn man einen Liter bezahlt, sollte man auch einen Liter kriegen.“ Bittlinger bleibt noch eine Weile hocken, dann zieht er weiter ins nächste Zelt. Denn ewig ruft die Mass.

Bettina Stuhlweissenburg

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