Die Wiesn-Urgesteine

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Bunter Bäcker: Bodo Müller ist seit 25 Jahren auf der Wiesn. Bekannt ist das kleine Café-Zelt auch für seine besonders farbenfroh gekleideten Bedienungen.

München - Sie gehören zur Wiesn wie das Bier und das Riesenrad: Jedes Jahr zeichnet die Stadt Jubilare aus, die dem Oktoberfest seit Jahrzehnten treu sind. Sie können erzählen, wie die Wiesn früher war.

Der Herr der Brillen und Schlüssel: Seit 20 Jahren arbeitet Charles Reinbold im Fundbüro auf dem Oktoberfest und macht tausende Besucher glücklich.

Wenn Charles Reinbold um Viertel nach sieben das Fundbüro auf der Wiesn betritt, macht er seit 20 Jahren das Gleiche: „Erst mal lüften“, sagt er und lacht, denn die vielen nassen, schmutzigen Fundsachen müffeln ziemlich. Tausende Besucher hat Reinbold über die Jahre glücklich gemacht, wenn er ihnen ihre verlorenen Dinge zurückgab. „Die fallen dir um den Hals und schmusen dich nieder“, erzählt er. Reinbold hat schon zu Zeiten im Fundbüro gearbeitet, als noch kein einziges Handy abgegeben wurde. „Das fing so 1996 mit ein paar klobigen Siemens-Handys an“, erzählt er. Reinbold hat auch selbst schon mal was auf der Wiesn verloren: seinen Kfz-Schein. „Nach vier Wochen lag er im Briefkasten“, sagt er. „Den Kollegen im Fundbüro hab ich lieber nix erzählt.“

Doch das Fundbüro war schon Reinbolds zweite Wiesnstation. Zuvor war er fünf Jahre lang als Einschänk-Kontrolleur des Kreisverwaltungsreferats auf der Theresienwiese unterwegs gewesen. „Ich hab das Messsystem erfunden“, erzählt er stolz. „Damals gab’s noch Henkelmassen. Die hießen so, weil das Bier erst unterhalb des Henkels begann.“

Auch Bodo Müller gehört längst zum Wiesn-Inventar. Seit 25 Jahren ist er mit seiner Backstube auf dem Oktoberfest – erst als kleiner Verkaufsstand, später als kleines Zelt. „Das Niveau ist in all den Jahren unheimlich gestiegen, gerade beim Essen“, sagt er. Außerdem sei damals, als er anfing, niemand mit Tracht auf die Wiesn gegangen.

Goldenes Wiesnjubiläum: Waltraud und Leo Winter vom „Fisch Haus“.

Daran können sich auch Waltraud und Leo Winter noch erinnern. Sie waren allerdings schon 25 Jahre auf der Wiesn, als Bodo Müller seinen Stand bekam. Unglaubliche 50 Jahre sind die Winters heuer auf dem Oktoberfest. 1962 fingen sie mit einer Schießbude an, inzwischen verkaufen die Winters Fischsemmeln im „Fisch Haus“ vor der Bräurosl. „Würstel kann jeder“, sagt Waltraud Winter und lacht. Inzwischen arbeiten drei Generationen in dem Standl. Als die Jubilare im Stiftl sitzen und von Wiesn-Chef Dieter Reiter für ihr Goldenes Oktoberfestjubiläum geehrt werden, schmeißt ihre Tochter zusammen mit den Enkeln den Laden. „Das ist der erste Morgen, an dem ich nicht selbst draußen war in all den Jahren“, sagt Waltraud Winter. Ihr Mann erinnert sich gern an die Anfangsjahre: „Damals waren nicht so viele Leute auf der Wiesn, dafür wurde noch mehr gerauft“, erzählt er. Leo Winter, inzwischen 78 Jahre alt, will so lange weitermachen wie es geht. „Wenn Wiesn-Zeit ist, gehören wir hin“, sagt er.

Fürstlicher Besuch: Vogelpfeifer Horst Berger mit Albert von Monaco.

Das sieht auch Horst Berger so. Er hat heuer ein inoffizielles Wiesn-Jubiläum. Seit 30 Jahren verkauft er die kleinen Vogelpfeifen an seinem Stand direkt neben Käfers Wiesn-Schänke. „Damals war’s hier noch wie heute auf der ,Oiden Wiesn‘“, sagt er. Und es kamen mehr Stammkunden, heute kaufen dafür deutlich mehr ausländische Touristen die kleinen Membranen, die man mit der Zunge an den Gaumen drücken muss, um zu zwitschern wie ein Vogel. Heuer kam sogar Fürst Albert von Monaco an seinem Stand vorbei. „Hier passiert Völkerverständigung mit Vogelstimmen“, sagt Berger. Kein Wunder, dass er nie aufhören will. „Da muss ich schon vom Stangerl fallen, dass ich aufhör“, sagt er.

Von Philipp Vetter

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