In Berlin is scho o'zapft!

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Zünftig: Während Bayerns Bundesratsministerin Emilia Müller spritzig das erste Fass des Oktoberfestes in Berlin anzapft, schaut Unions-Fraktionschef Volker Kauder (ganz links) sichtlich beeindruckt zu.

München - Damit die Berliner wenigstens ein bisserl Wiesn haben: Für ein paar Tage stellt Bayern auf Staatskosten ein Oktoberfest-Zelt mitten auf den Alexanderplatz. Die Hauptstadt staunt.

Es knallt, dann hallt ein entsetztes Quietschen über den Alexanderplatz, durchsetzt vom Prasseln der leeren Patronenhülsen auf dem Pflaster. Damit haben die Berliner nicht gerechnet, dass die Bayern jetzt wirklich schießen. Ein dreifacher Salut der Gebirgsschützen donnert durch die Hauptstadt. Man erkennt die Preußen in diesem Moment daran, dass sie heftig zusammenzucken.

Zur Eröffnung des Oktoberfests mitten in Berlin luden die Bayern gestern Abend. Seit zwölf Jahren richtet der Freistaat in der Hauptstadt eine Mini-Version des größten Volksfestes der Welt aus: ein Zelt, eine Kapelle, eine Kompanie Gebirgsschützen, ein Münchner Kindl („Hier schaut mich jeder schief an“), viel Bier in Litergefäßen. Wegen einer U-Bahn-Baustelle kann das Zelt nicht am traditionellen Ort vor dem Roten Rathaus aufgebaut werden, am „Alex“ knallen dafür die Salutschüsse besonders spektakulär.

Wiesn in Berlin - Woran erkennt man einen echten Münchner?

Woran erkennt man einen echten Münchner?

Hunderte Neugierige schauen draußen zu. An die 2000 tendenziell eher regierungsnahe Promi-Gäste sind zur Eröffnung drinnen geladen. Ministerpräsident Horst Seehofer begrüßt sie heiser, allerdings mit einstündiger Verspätung. Dafür bleibt er auch bis tief in die Nacht. Nur Kanzlerin Angela Merkel sagt schon wieder ab, diesmal wegen eines EU-Treffens. „Der rote Berliner Bär macht Platz für den bayerischen Löwen“, lästert Bundesrats-Ministerin Emilia Müller über die Hauptstädter. Mancher Berliner Ehrengast wünscht ihr für diesen Spruch eine Bierdusche – sie zapft jedoch in drei Schlägen fehlerlos an. Unionsfraktionschef Volker Kauder kriegt eines der ersten Biere und lüftet das Geheimnis seiner ewigen Jugend: „Drei Weizenbier jeden Abend, dann haben Sie auch so eine schöne Haut wie ich.“ Dass das Getränk Weißbier heißt, lernt er sicher auch noch.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (r.), ließ sich mit Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner und Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg eine Maß Bier schmecken.

Tatsächlich ist die Gästeliste spektakulär – das halbe Bundeskabinett ist da, angeführt von Ilse Aigner, Karl-Theodor zu Guttenberg, Peter Ramsauer und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Die bayerischen Minister Christine Haderthauer (sehr fesch im Dirndl), Markus Söder, Joachim Herrmann und Ludwig Spaenle feiern unter anderem mit, dazu CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich, seine Stellvertreterin Daniela Raab und der JU-Vorsitzende Stefan Müller. Tagesthema: die Bundeswehrreform und die Frauenquote in der CSU. Einer der 60 Top-Diplomaten im Zelt ist US-Botschafter Phil Murphy. „Oh, mein Gott“, entfährt es ihm, als ihm zwei Madln im Dirndl ein ziemlich großes Stamperl Schnaps in die Hand drücken.

Bezahlen müssen für den Spaß übrigens Xaverl und der Steuerzahler. Xaverl mit dem Leben, weil der 390-Kilo-Ochse aus Altötting am Spieß gelandet ist. Der Steuerzahler mit mindestens 45 000 Euro, weil die Sponsoren heuer aufs Geld schauen. Löwenbräu stieg aus, bestätigt die Staatskanzlei. Paulaner übernahm die Kosten für den Freibier-Festabend nur zu einem kleinen Teil.

Das Defizit kommt nun erstmals aus Bayerns Staatsetat. Der große Festabend wird als Werbung für den Freistaat verbucht. Die Alternative wäre gewesen, den von der weißblauen Chef-Repräsentantin Heidrun Piwernetz organisierten Abend abzusagen. Nach dem Vorglühen der Promis soll es für den Steuerzahler aber kostenneutral weitergehen. Den weiteren Betrieb des Zeltes übernimmt der fränkische Wirt Konrad Bösl. Bis zum Dienstagabend – da läuft die echte Wiesn schon den vierten Tag – darf die breite Berliner Masse eine bayerische Maß für 7,80 Euro probieren.

Ein Franke als Wiesn-Wirt mitten in Preußen, eine arg unbayerische Fünfer-Kapelle irgendwo aus dem Harz – passend dazu steht das Festzelt am Alexanderplatz direkt vor dem „Brunnen der Völkerfreundschaft“.

Christian Deutschländer

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