Der Kampf gegen den blinden Fleck

Oktoberfest-Attentat: Film kommt ins Kino

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BR-Journalist Ulrich Chaussy am Denkmal für die Opfer des Wiesn-Attentats: Seine Recherchen wurden jetzt verfilmt.

München - BR-Journalist Ulrich Chaussy recherchiert seit 30 Jahren nach Hintergründen des Oktoberfest-Attentats. Nächste Woche kommt ein Film ins Kino, der die Ergebnisse in einem Thriller dokumentiert.

Am 26. September 1980 explodiert am Oktoberfest-Eingang eine Bombe. 13 Menschen sterben, 211 werden verletzt. Die Behörden legen sich schnell auf einen Einzeltäter fest, obwohl es genügend Hinweise gibt, dass wohl mehr hinter dem Anschlag steckt. Der BR-Journalist Ulrich Chaussy recherchiert seit 30 Jahren nach den Hintergründen. Nächste Woche kommt ein Film ins Kino, der seine Ergebnisse in einem spannenden und doch beklemmenden Thriller dokumentiert. Und ein Kollege Chaussys, der BR-Autor Till Rüger, durfte nun erstmals mit einem Opferanwalt in die Ermittlungsakten schauen. Dabei tut sich eine Spur auf, die in die rechte Szene und zu Geheimdiensten führt.

Der blanke Horror: Das Foto zeigt die Szenerie auf der Theresienwiese nach dem Anschlag.

Der damalige Ministerpräsident und Kanzlerkandidat Franz Josef Strauß machte noch am Tatort die RAF für das Terrorverbrechen verantwortlich – eineinhalb Wochen vor der Bundestagswahl. Doch schon am Tag nach dem Anschlag musste Strauß zurückrudern. Es stellte sich heraus, dass der Geologiestudent Gundolf Köhler (21) die Bombe gelegt hatte. Er wurde als rechtsextremer Einzeltäter eingestuft. Die Ermittlungen wurden 1982 eingestellt, ohne dass man Spuren in die rechte Szene genauer untersuchte.

Vielmehr wurden die Beweismittel Ende der 90er-Jahre vernichtet. Dabei hatte Köhler an Übungen der Wehrsportgruppe Hoffmann teilgenommen. Und woher sollte ein Einzeltäter militärischen Sprengstoff besorgt haben? Mehrere Zeugen hatten Köhler kurz vor der Tat mit zwei Personen in grünen Parkas sprechen sehen – und wie sich kurz vor der Explosion ein weiterer Mann mit Köhler über eine Plastiktüte beugte. Von Anfang an zweifelten die Anwälte der Opfer und Journalisten an der Einzeltäter-Theorie – wie BR-Journalist Ulrich Chaussy: Im dem Film "Der Blinde Fleck" sieht man, wie der Journalist Drohbriefe bekommt, sich von Autos verfolgt fühlt. Der Streifen legt nahe, dass der Verfassungsschutz einen rechtsextremen Hintergrund verschleiern wollte. Die Frage ist nur: warum? Viele Insider vermuten, dass die Hintermänner des Wiesn-Attentates die Wahlen beeinflussen wollten.

Chaussy meint: „In den 70er- und 80er-Jahren wurde Rechtsextremismus für grundsätzlich völlig harmlos gehalten.“ Gab es nach dem Wiesn-Attentat Konsequenzen im Umgang mit der rechten Szene in Deutschland? Chaussy: „Es gab eben keine.“ Der Journalist kritisiert, dass es die Behörden nach dem Wiesn-Attentat versäumt hätten, zu begreifen, dass vermeintlich dumpfe rechtsextreme gewaltbereite Personen in der Lage sind, Waffen und Sprengstoff zu beschaffen und eine Terrororganisation aufzubauen. Chaussy: „Hätte es all diese versäumten Lernprozesse in den 1980er Jahren gegeben, dann hätte man vielleicht Ende der 1990er Jahre frühzeitig erkennen können, welche Gefahr sich im ,Thüringer Heimatschutz‘ zusammenbraute, aus dem der NSU sich dann entwickelte.“

Führt die Spur zum Attentat von Bologna?

Der Autor des BR-Magazins Kontrovers, Till Rüger, durfte mit Opferanwalt Werner Dietrich im Landeskriminalamt erstmals die Ermittlungsakten sichten, außerdem bekam er als erster Außenstehender Einsicht in die Akten des Bundesnachrichtendienstes in Pullach zum Oktoberfest-Attentat.

Genau hier wurde er fündig, denn dort wird von Kontakten der Wehrsportgruppe Hoffmann zu italienischen Rechtsextremisten in einem Trainingslager im Libanon berichtet: „Zum gleichen Zeitpunkt waren im gleichen Lager italienische Rechtsextremisten. Es sei über mögliche Anschläge in der Bundesrepublik Deutschland und Italien gesprochen worden“, heißt es. Schon oft wurden von Experten Extremisten aus diesem Trainings-Camp für den Anschlag auf den Hauptbahnhof in Bologna wenige Wochen vor dem Oktoberfest-Attentat verantwortlich gemacht.

Am 2. August 1980 starben bei diesem Anschlag 85 Menschen, mehr als 200 wurden verletzt. Rüger: „Inzwischen ist belegt, dass ,Gladio‘ – eine paramilitärische Geheimorganisation von NATO und CIA – in das Attentat verwickelt war.“ Diese Organisation wurde im Kalten Krieg mit dem Zweck gegründet, um im Fall einer sowjetischen Invasion Guerilla-Operationen und Sabotage gegen sowjetische Besatzungstruppen durchzuführen. Die Parallen zwischen den Anschlägen in München und Bologna sind für Rüger frappierend: „In Deutschland und Italien standen damals Wahlen an, in beiden Fällen wurden zunächst Linksextremisten verdächtigt.“ Schließlich stellte sich heraus, dass es Rechtsextremisten waren.

Johannes Welte

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