Training unverzichtbar

Pendeln wird während der Wiesn zum Hochleistungssport

+
Während der Wiesn ein gewohnter Anblick: Menschenmassen in der U-Bahn. 

München - Zur Wiesnzeit steht München Kopf. Besonders Pendler brauchen dann starke Nerven: Für sie wird das Bahnfahren zum Sportprogramm. Ein Erfahrungsbericht unserer Autorin.

Das erste Wiesn-Wochenende in diesem Jahr verbrachte ich nicht in München. Für viele Oktoberfest-Touristen wohl vollkommen unverständlich, für viele Münchner bestimmt nachvollziehbar. Zum Wochenstart aber musste ich zurück - und hatte erfolgreich verdrängt, dass hier seit ein paar Tagen Ausnahmezustand herrscht. Die Ankunft am Sonntagabend am Hauptbahnhof brachte mich schnell in die Realität zurück. Schön ist sie ja, die Wiesn, keine Frage. Aber vor allem, wenn man dort ist. Von außen betrachtet ist dieses größte Volksfest befremdlich - und für Bahnfahrer vor allem anstrengend.

Hindernislauf durch die Betrunkenen

Schon der Sprint vom ICE zur S-Bahn, eigentlich um die späte Uhrzeit kein Problem, glich einem Hindernislauf: Junge Erst-Wiesn-Gänger am Ende ihrer Kräfte zwangen mich zum Zick-Zack-Kurs. Nicht nur einmal rammte meine Reisetasche den ein oder anderen Bierbauch - der Bewegungsradius der Herren war einfach nicht mehr realistisch einzuschätzen. Und gerade, als ich unten an der Treppe meine Bahn einfahren sehe, die letzten Stufen hinunter hechelte - versperrten mir drei ganz besonders feierlustige Burschen der Kategorie "Karo-Hemd und glasiger Blick" den Weg. Mit kräftigem Ellbogeneinsatz kämpfte ich mich vorbei, aber die Bahn ist weg. 

Jeder Münchner kann U-Bahn-Geschichten aus der Wiesnzeit zum Besten geben: Von herzzereißenden Beziehungsdramen über lautes Schnarchen bis hin zu gegrölten Eigenversionen diverser Wiesn-Hits- es ist ganz großes Theater geboten. 

Wer während der Wiesn pendelt, hat schon genug

Der Pendler weiß, Oktoberfest, das wird auch im Regionalzug gefeiert. Die Bahn wird ganz schnell zum Festzelt, es wird gesungen und getanzt, das der Zug wackelt. Gerne dabei der bekannte, säuerliche Geruch. In die Mülleimer schaut man während der Wiesn sicher nicht hinein. Jedes Jahr schwört man sich selbst, nächstes Jahr, da nehme ich Urlaub während der Wiesn. Ja, wer sich berufsbedingt mehrmals am Tag in einen Zug voller Wiesn-Besucher quetschen muss, und das völlig nüchtern, der hat schon genug von der Wiesn.

An dem besagten ersten Wiesn-Sonntag wartete ich also auf die nächste Bahn für meine 30-minütigen Bahnreise ins Münchner Umland. Beim Einsteigen entging ich dann glücklicherweise noch knapp dem nächsten unschönen Bahnszenario: Gerade als ich mich für die Tür zum linken Wagon entschieden hatte, sah ich durch die Scheibe einen jungen Herrn in Lederhose, der vornübergebeugt bereits den Weg für seinem Mageninhalt frei machte. Schnell hechtete ich mich also doch noch in den rechten Wagon.

Manche Begegnungen sind auch einfach nur lustig

Mir gegenüber ließ sich ein Pärchen in die Sitze fallen: Sie, in einem Kleid, das mich sehr an mein Heidi-Kostüm aus dem Kindergarten erinnerte. Er, oben ohne, unten mit einer dieser Plastiklederhosen, die es gerade wieder an jeder Ecke gibt. Akzent: Very british mit deutlichem Masseneinschlag. Aber die beiden boten eine fantastische Gratis-Bespaßung: In drei verschiedenen Zügen seien sie jetzt schon gesessen, immer seien sie in die falsche Richtung gefahren, erzählten sie ungefragt. Zwischendrin gab es Ständchen in Fantasie-Deutsch. Plötzlich dann ihr Aufschrei: "Liiiäm!". Nein, nicht dieser Boygroup-Star, nur die Haltestation Laim. Ihr Freund springt freudig auf: "Müssen wir aussteigen?". Sie darauf nur ganz enttäuscht: "Nein." Und dann lagen sie beide wieder auf ihren Sitzen, übereinander.

Leider sind es aber nicht immer nur amüsante Unterhaltungen wie diese, die den Nachhauseweg während der Wiesnzeit prägen. Es sind genauso auch pöbelnde Gruppen, aufdringliche Mitfahrer oder plötzliche handgreifliche Auseinandersetzungen. Und ja, ich gebe zu, an das mulmige Gefühl im Bauch habe ich mich dabei fast schon gewöhnt.

Der Wiesn-Pendler ist stets in Hab-Acht-Stellung

Pendeln während der Wiesnzeit hat nichts mit entspanntem Bahnfahren zu tun, das ist Hochleistungssport. Die Sinne geschärft, Reflexe in Alarmbereitschaft, der Rundumblick trainiert. Nicht, dass Pendeln sonst allzu großen Spaß machen würde - aber während der Wiesn hat man nach dem Bahnfahren regelmäßig Muskelkater vom Aufrechtsitzen, Zähnezusammenbeißen oder Augenaufreißen. Man entwickelt eine gewisse Abwehrhaltung, eine vorausschauende Distanz. Man erkennt mit einem Blick, wer schon besonders grün im Gesicht ist, welche zwei Burschen sich gleich in die Haare bekommen und welche Ehedramen man lieber nicht belauschen möchte. Pendeln wird in München einmal im Jahr zum Sportprogramm - und wer nicht fit genug dafür ist, der hat es dabei ganz und gar nicht leicht.

Oktoberfest 2016: Öffnungszeiten, Wiesn im TV und Übersichtsseite

Beim Oktoberfest 2016 gibt es erstmals Eingangskontrollen und ein Rucksackverbot. Was Sie mit aufs Festgelände nehmen dürfen, erfahren Sie hier. Was kostet heuer die Mass Bier und welche Öffnungszeiten hat die Wiesn? Hier beantworten wir Ihnen alles, was Sie zum Oktoberfest wissen müssen. Sie schaffen es selbst nicht aufs größte Volksfest der Welt? Kein Problem: Hier läuft die Wiesn im TV und im Stream. Natürlich gibt es auf der Theresienwiese einige Regeln - hier erklären wir Ihnen, was Sie niemals auf dem Oktoberfest tun sollten. Alle News zur Wiesn finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

Auch interessant:

Lesen Sie auch:

Oktoberfest-Plakat-Wettbewerb: Jetzt mitmachen

Oktoberfest-Plakat-Wettbewerb: Jetzt mitmachen

Oktoberfest-Plakat-Wettbewerb: Jetzt mitmachen

Wiesn-Marken: Er erlebt beim Einlösen unschöne Überraschung

Wiesn-Marken: Er erlebt beim Einlösen unschöne Überraschung

Herrmann zufrieden mit Wiesn-Sicherheit

Herrmann zufrieden mit Wiesn-Sicherheit
Wander- und Radwege für Freiham gefordert

Wander- und Radwege für Freiham gefordert

Wander- und Radwege für Freiham gefordert

Kommentare