Weniger Besucher

Oktoberfest: Flaute auf der Wiesn

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Nicht viel los auf den Straßen. Aufgenommen hat unser Fotograf das Bild am Donnerstag Nachmittag.

München - Regelmäßige Wiesngänger machen alle die gleiche Beobachtung: Es ist viel weniger los als in den Vorjahren auf der Wiesn. Die Zelte sind abends noch geöffnet, die Straßen nicht so überfüllt wie sonst. Was ist da los?

Freie Sicht hatte Christoph Griebel beim Wirteeinzug. Ungewöhnlich leer sei die Wiesn, findet auch Anna Liebe.

Seit mehr als dreißig Jahren ist Christopher Griebel Zaungast beim Einzug der Wirte am Wiesn-Anstichtag – nicht nur in seiner Funktion als München-TV-Moderator. Doch dieses Jahr war etwas anders: „Vom Sendlinger Tor konnte man bis zum Stachus schauen, so wenige Leute waren da.“ Freie Sicht beim Wiesneinzug, „das gab es noch nie“, schwört der 59-Jährige. „Auch auf der Wiesn selbst ist weniger los“, ergänzt Anna Liebe, Griebels Begleiterin beim Bummel übers Festgelände.

Die beiden sind nicht die Einzigen, die die plötzliche Bewegungsfreiheit auf dem Oktoberfest bemerkt haben. Denn auch wenn es offizielle Zahlen erst zur Halbzeit am Wochenende gibt, fällt jetzt schon auf: Die Theresienwiese wirkt deutlich weniger überlaufen als in den vergangen Jahren.

"Gemütlich" findet Wirt Peter Inselkammer die Stimmung auf der diesjährigen Wiesn.

„Von den Gästen hören wir, auf den Straßen und in der U-Bahn wäre weniger los“, sagt Peter Inselkammer junior, Wirt vom Armbrustschützenzelt. Bei ihm im Zelt mache sich das aber noch nicht bemerkbar. Ausreserviert sei wie jedes Jahr. Lediglich ein bisschen weniger Bier habe man verkauft, dafür sei der Umsatz beim Essen gestiegen. „Gemütlicher“ so beschreibt Inselkammer die Stimmung, „und wenn das die Gäste so empfinden, ist das ja durchaus positiv.“

„Es ist definitiv weniger los heuer“, sagt Hofbräu-Direktor Michael Möller. Er glaubt, der Grund dafür sei die derzeitige rigide Einreisepolitik nach Deutschland – Grenzkontrollen und gesperrte Zugverbindungen. Er habe von einigen Kunden gehört, dass sie enorme Probleme mit ihrer Anreise von Österreich aus gehabt hätten. Das Souvenir-Geschäft im Hofbräuzelt habe denn auch nachgelassen. „Trotzdem verkaufen wir nicht weniger Bier“, sagt er und lacht. Womöglich, weil die Bedienungen mit ihrer kostbaren Fracht nun besser durch die Gänge kommen? „So kommt mehr bei den Gästen an“, sagt Möller.

Ein Viertel weniger Umsatz macht Gastronom Siegfried Benedikter momentan. Für ihn ein Resultat der Anschlagsangst.

Auch außerhalb der Zelte spürt man, dass der Massenansturm dieses Jahr bislang ausbleibt. Seit 36 Jahren betreibt Siegfried Benedikter seinen Würstlstand „Königs Wurstbraterei“. 25 Prozent weniger Umsatz macht der 66-Jährige nach eigener Einschätzung momentan. An die Auskunft aus dem städtischen Wirtschaftsreferat, der Rückgang liege schlicht am schlechten Wetter, will er nicht so recht glauben: „Eigentlich haben wir bestes Wiesnwetter. Ein paar Tage regnet es immer. Ich habe auch schon Jahre mit nur Regen und sogar Schnee erlebt.“ Schlechter als dieses seien für ihn trotzdem nur die Wiesn-Jahre 2001 und 2002 gewesen. Damals steckte der Schock des 11. Septembers den Leuten noch in den Knochen, die Terrorangst ging um. Auch hinter der diesjährigen Flaute vermutet Benedikter eher Angst vor Anschlägen als vor schlechtem Wetter: „Im Internet und in den Medien las man vorab so viel Negatives, das macht sich jetzt bemerkbar.“

Weniger Gäste. Alois Gastager findet aber: "Die, die kommen sind alle sehr angenehm."

Dass die Schlagzeilen der vergangenen Wochen zumindest mitverantwortlich sind für den Besucherrückgang, vermutet man auch am Karussell Krinoline. Rund 10 Prozent weniger Fahrgäste bekommt das Karussell momentan, schätzt Mitarbeiter Alois Gastager. Das nostalgische Geschäft habe doppelt zu kämpfen: „Wir müssen uns auch gegen die Oide Wiesn behaupten und gegen den Ballermannruf, den unsere Wiesn in den letzten Jahren bekommen hat.“

Bürgermeister und Wiesnchef Josef Schmid (CSU) will nur von einem „geringfügigen Rückgang“ sprechen. Zahlen zu Besuchern und Konsum, bei denen es sich auch nur um Schätzungen handelt, nenne die Stadt erst bei der Halbzeit-Konferenz am Sonntag. Schmid sagt: „Wir brauchen nicht jedes Jahr eine Rekordwiesn. Wenn es eine gemütliche Herbstwiesn wird, bin ich zufrieden.“ Auch Wirtesprecher und Hackerzelt-Wirt Toni Roiderer teilt mit: „Wir sind bisher sehr zufrieden mit der Wiesn. Die Stimmung ist gut, die Gäste sind friedlich. Wir müssen ja nicht jedes Jahr neue Rekordmarken setzen.“

Annika Schall, Janina Ventker, Stephanie Ebner und Johannes Löhr.

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