Serie: Die Großen Wiesnwirte

Oktoberfest 2015: Auf dieses Zelt schaut die Welt

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Das Fass: Diesen Hirschen zapft der OB am Samstag im Zelt von Michael (l.) und Christian Schottenhamel an.

München - Seit 1949 wird das erste Fass Bier auf der Wiesn im Schottenhamel-Zelt angezapft, TV-Stationen in der ganzen Welt übertragen die Zeremonie. Ein besuch bei den Wirten Michael und Christian Schottenhamel.

Am ersten Wiesn-Samstag vor sechs Jahren saß Christian Schottenhamel mit Oberbürgermeister Christian Ude in der Kutsche, es lief der traditionelle Einzug der Wiesnwirte. Die Stimmung war gelöst, alle freuten sich auf den ersten Schluck Bier, da klingelte Schottenhamels Handy. Der Lieferwagen, der den Hirschen von der Brauerei zum Anstich bringen sollte, stand im Stau.

Seit 1949 wird das erste Fass Bier auf der Wiesn im Schottenhamel-Zelt angezapft, TV-Stationen in der ganzen Welt übertragen die Zeremonie. Und heuer sollte sie ausfallen, weil das Fass im Stau steht? „Da hab’ ich schon geschwitzt“, sagt Schottenhamel und lacht. Schließlich kam das Fass doch noch vor dem OB im Zelt an, wurde mit wenigen Schlägen angezapft und alles war in bester Ordnung.

Oktoberfest: Der legendäre OB Thomas Wimmer begründete die Anzapf-Tradition

Der legendäre Oberbürgermeister Thomas Wimmer begründete die Tradition, wonach im Schottenhamel-Zelt die erste Mass gezapft wird, nach dem Krieg – ein Privileg, aber auch eine große Verantwortung für die beiden Wirte Christian und Michael Schottenhamel. Als der neu gewählte Bürgermeister Christian Ude 1993 das erste Fass anzapfen sollte, erfuhren die Schottenhamels erst eine Stunde zuvor, dass Ude Linkshänder ist. „Da mussten wir die komplette Anzapfbox umbauen, sonst hätten die Fotografen und Kamerleute nur Udes Rücken im Bild gehabt“, erzählen die Cousins.

Zwar sind die Wiesnwirte während des Oktoberfestes so etwas wie die inoffiziellen Könige Münchens, selber trinken und feiern, das ist aber nicht drin. „Früher hieß es: Jeder Wiesnwirt trinkt einen Hektoliter Bier. Doch das ist heute ganz anders“, erzählt Christian Schottenhamel. Er teilt sich jeden Abend um 21 Uhr eine Mass mit Michael, das ist ihr Ritual, ansonsten gibt es nur alkoholfreies Bier. Das ist bei den Kollegen nicht anders. Überhaupt, die lieben Kollegen.

Oktoberfest: Die Wiesn-Wirte sind wie eine große Familie

Michael Schottenhamel vergleicht die Schar der Wiesnwirte mit einer großen Familie. „Man weiß, man gehört zusammen, wie Geschwister.“ Besonders einig sind sich die Geschwister immer dann, wenn es darum geht, neue – aus Wiesnwirt-Sicht – unsinnige, Vorschriften der Stadt zu bekämpfen. „Es gibt aber auch ein Konkurrenzverhalten untereinander um die Gunst der Eltern.“

Die Eltern, das sind für Schottenhamels die Münchner, um deren Gunst die Wirte buhlen. „Vor denen wollen alle gut dastehen.“ Tatsächlich treffen sich die Wirte regelmäßig, vor allem im Vorfeld des Festes. In der Planegger Wallfahrtskirche Maria Eich wird Anfang September eine Kerze gestiftet, in der Augustiner-Brauerei gibt es eine gemeinsame Bierprobe, sogar einen Kurzurlaub verbringen die Wiesn-Wirte miteinander.

Wann Sigfried Able, im Kreis der Wiesnwirte immer noch geächteter Chef des Marstall, an den illustren Runden teilnehmen darf, wollen die Schottenhamels nicht kommentieren.

Sie reden lieber über ihr Zelt, dessen Geschichte bis ins Jahr 1867 zurückreicht. Damals war das Schottenhamel noch eine Bretterbude hinter dem Königszelt, errichtet von Michael Schottenhamel, einem Schreiner aus der Oberpfalz. Am Standort und Namen des Zeltes hat sich bis heute nichts geändert, an der Kapazität schon. 50 Münchner passten 1867 in die Bretterbude, heute fasst das Zelt 6000 Menschen im Inneren und 4000 im Biergarten ringsherum.

Oktoberfest: Das Schottenhamel-Zelt als Heimat der Jugend

Das Image des Schottenhamel-Zeltes als Heimat der Münchner Jugend hat mit den Studentenverbindungen zu tun, die dort ihre angestammten Boxen haben, aber auch mit der Musik. „Die ist entscheidend“, findet Christian Schottenhamel. Seit Jahrzehnten spielt im Zelt die Kapelle „Schwarzfischer“. Es ist die dienstälteste auf der Wiesn. Der Namensgeber der Musiker ist inzwischen nicht mehr an Bord, doch die Art und Weise, wie eine Wiesnkapelle die Gäste in Schwung bringt, geht auf den früheren Klarinettisten zurück. „Er hat die ersten Medleys zusammengestellt, das war völlig neu“, erinnert sich Christian Schottenhamel, der die „Diversifizierung“ auf der Wiesn begrüßt. Im Hacker gerne hart, auch mal AC/DC, im Augustiner ruhige Blasmusik, im Schottenhamel „Spaßmusik“, mittags traditionell, gen Abend hin rockiger und poppiger.

Als größte Herausforderung sehen die Cousins den Spagat zwischen Tradition und Moderne, zwischen Internationalität und Heimatverbundenheit. „Im Zelt sieht es traditionell aus, alles dahinter ist High-Tech“, sagt Christian Schottenhamel.

Früher fand jeden Donnerstagabend vor dem Anstich noch eine Beleuchtungsprobe statt. „Da wurde getestet, ob alle Birnen brennen.“ Heute spenden LEDs das Licht, das Bier strömt durch Fass-Attrappen in die Krüge, dahinter stehen Stahltanks. „Der Wechsel ist aber aus Messing, so wie es anno dazumal üblich war. Dafür mussten wir extra eine Genehmigung einholen“, erzählt Michael Schottenhamel.

Oktoberfest 2015: Im Schottenhamel treffen sich die Unternehmensgründer

In diesem Jahr passt das Motto „Laptop und Lederhosen“ besonders gut zum Schottenhamel-Zelt, denn am 29. September werden im Mittelschiff 3500 Unternehmensgründer aus der ganzen Welt zum Frühschoppen erwartet, darunter der Mitbegründer von Youtube. „Bits & Pretzels“ heißt die zweitägige IT-Messe, die bei den Schottenhamels ausklingen wird.

Die Cousins freuen sich auf die internationalen Gäste. „Für die Stadt ist das ein wichtiger Termin, das machen wir gerne.“ Ebenfalls gerne haben sich die Schottenhamels an der von der Stadt erzwungenen Aktion „Wiesn-Tische für Münchner“ beteiligt. An einem Tag Ende Juli konnten sich Einheimische im Löwenbräukeller für einen der täglich 50 Tische anstellen. „Jeder hat einen bekommen. Die Leute haben sich so gefreut, das fand ich fantastisch, die sind schreiend aus dem Büro gelaufen“, berichtet Christian Schottenhamel.

Einheimische und internationale Unternehmensgründer zuzeln an einem Tisch ihre Weißwürste – das ist der Spagat, den Michael und Christian Schottenhamels in ihrem Wiesnzelt gerne hinbekommen wollen.

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