Die Liebe, die aus einer Tragödie entstand

Kinder von Opfern des Wiesn-Attentats finden zueinander

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So berichtete die tz 1980 über das Drama von Claudia und Rainer. Auf dem Foto liegt Claudia Redlin im Krankenhaus.

München - Es gibt Wendungen des Schicksals, die unglaublich sind. Rainer Röming (47) und Claudia Redlin (45) haben als Liebespaar das Attentat vom Oktoberfest 1980 gemeinsam überlebt.

Danach verloren sie sich aus den Augen. Jetzt, nach 30 Jahren, hat die Liebe sie wieder zusammengebracht: Ihre Kinder sind ein Paar!

Ein Reihenhaus in Gauting. Claudia Redlin, ihr Sohn Kevin (18), Rainer Röming und seine Tochter Chiara (16) sitzen auf dem Ledersofa und blättern in einer alten tz. Die beiden Erwachsenen erinnern sich noch genau an die Bombe vom 26. September 1980.

Kevin (18) hält seine Chiara (16) fest: Eine junge Liebe in Gauting.

Claudia, damals 14, und Rainer, 17, sind gemeinsam auf der Wiesn im Bräurosl. Nach dem Bierzelt bummeln beide noch übers Gelände, steuern gegen 22 Uhr zum Ausgang. „Ich wollte von der Telefonzelle dort meine Mutter anrufen,“ erzählt Claudia Redlin. Als das junge Paar um 22.19 Uhr in der Schlange vor der Telefonzelle wartet, explodiert nur zehn Meter entfernt die Bombe. Rainer Röming: „Ich sackte zu Boden, ein Freund hob mich auf, ich sah ringsrum nur Menschen am Boden liegen.“ Wie durch ein Wunder bleibt er unverletzt. Röming hebt eine Frau auf, die neben ihm liegt: „Ich sah, dass sie keine Beine mehr hatte, und brachte sie den Sanitätern.“ Als Claudia Redlin die Frau ohne Beine sieht, wird sie ohnmächtig.“ Die 14-Jährige hat selbst Splitter im Unterschenkel. Rainer nimmt seine Freundin auf den Arm und trägt sie weg vom Ort des Grauens. Auf der Polizeiwache in der Erzgießereistraße bittet er, einen Rettungswagen zu rufen. „Doch die Polizisten haben hilflos mit den Schultern gezuckt: Die sind alle unterwegs.“ Rainer trägt seine Claudia bis zur Schellingstraße, wo er bei seinen Eltern wohnt. Erst dort bringt sie ein Sanka ins Schwabinger Krankenhaus. Sie wird sofort operiert.

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Am nächsten Tag besucht OB Erich Kiesl Claudia im Krankenhaus. Auf dem Flur läuft er an Rainer vorbei. „Der OB sagte zu seinen Begleitern: ,Wir können niemand mehr besuchen, wir haben keine Blumensträuße mehr.‘ Das hat mich total schockiert.“ Als Claudia wieder aus dem Krankenhaus entlassen wird, ist sie mit Rainer für drei Wochen in Schliersee auf Reha-Kur, danach verlieren sich die beiden aus den Augen. „Wir waren ja noch jung,“ sagt Rainer Röming. Er absolviert eine Lehre als Kfz-Mechaniker, wird wegen des Attentats von der Bundeswehr befreit.

Drei Jahre später lernt er seine jetzige Frau Silvia kennen, die er 1985 heiratet. Röming arbeitet beim U-Bahnbau, macht sich vor 23 Jahren als Taxiunternehmer selbstständig. Seit acht Jahren wohnen die Römings mit ihren drei Kindern Andreas (23). Laura (20) und Chiara (16) in ihrem Reihenhaus in Gauting. Was Rainer nicht ahnt: vor dreieinhalb Jahren zog auch Claudia wieder zurück nach Gauting. Mittlerweile arbeitet sie als IT-Managerin. Mit ihrem Mann und den Söhnen David (17), Kevin (18) und Dustin (9) lebt sie nur 800 Meter von den Römings entfernt.

Claudias Sohn Kevin und Rainers Tochter Chiara gehen aufs Otto-Von-Taube-Gymnasium in Gauting, seit drei Jahren kennen sie sich jetzt. „Und seit zwei Jahren sind wir zusammen“, lächelt Chiara. Dass ihre Eltern sich kannten, davon hatten sie keine Ahnung. Die Eltern wussten zwar, dass der jeweilige andere vom Attentat betroffen war. Mehr aber auch nicht. Beide versuchten, den Anschlag zu verdrängen. „Man muss das in eine Schublade einschließen, sonst wird man mit dem Erlebten nicht fertig“, sagt Rainer Röming. „Ich hatte immer wieder Albträume.“

An Kevins 18. Geburtstag fällt plötzlich der Groschen. „Wir waren bei den Redlins zu Besuch und hatten über das Treffen geredet, zu dem OB Christian Ude jährlich die Opfer einlädt, wir waren beide noch nie dort.“ Plötzlich fragt Claudia: „Du bist aber nicht der Rainer aus München?“ Er entgegnet: „Und Du nicht die Claudia?“ Augenblicke später fallen sich beide weinend in die Arme. Plötzlich ist der 26. September 1980 wieder ganz nah. „Ich konnte danach die ganze Nacht nicht schlafen“, sagt Rainer. „Da waren diese furchtbaren Erinnerungen. Und dann dieser Zufall, dass bei 1,4 Millionen Münchnern unsere Kinder zusammen finden. Das ist doch unglaublich!“

Auch Kevin und Chiara sind perplex: „Das ist schon krass, das es so einen Zufall gibt,“ sagt Kevin. Und Chiara fügt hinzu: „Eine wunderschöne Fügung des Schicksals. So bekommt die schreckliche Geschichte doch noch eine glückliche Wendung.“

Johannes Welte

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