Interview mit Peter Schottenhamel

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Peter Schottenhamel, 70, hat jetzt mehr Zeit, sich um seine Hunde zu kümmern. Trotzdem zieht es ihn bei den Spaziergängen mit dem acht Monate alten Bluthund „Pluto“ immer noch auf die Theresienwiese.

München - Peter Schottenhamel, 70, war 23 Jahre lang Chef im Wiesnzelt, das seinen Namen trägt. Heuer ist er zum ersten Mal nicht mehr ins Tagesgeschäft eingebunden. Der "Wiesnwirte in Rente" im Interview:

Herr Schottenhamel, sind Sie jetzt Wiesnwirtsrentner?

Ich weiß nicht ob es Wiesnwirtsrentner gibt. Ein Wiesnwirt wird in der Tiefe seiner Seele immer ein Wiesnwirt bleiben. Das ist wie beim Clown im Zirkus. Ich bin ja nicht ganz weg. Aber halt nicht mehr im Tagesgeschäft. Das ist sehr angenehm. Ich betrachte mich als Senior der Familie.

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Was machen Sie denn jetzt am Anstichsamstag?

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Ich ziehe mit den Wirten ein. Um kurz vor zwölf sind wir vor unserem Zelt, dann ist der Anstich. Meine Frau und ich haben ein paar Freunde eingeladen. Um drei, halb vier ist dann der erste Teil erledigt und wir gehen kurz nach Hause, weil wir uns um die Hunde kümmern müssen. Am Abend gehen wir wieder auf die Wiesn – und zwar nicht ins eigene Zelt. Wir wollen dieses Jahr mal ausprobieren, wie die Küche und das Bier in den anderen Zelten schmeckt.

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Sie wollen allen anderen Zelten einen Besuch abstatten?

Ja, ich habe ja 16 Tage Zeit.

Wo geht’s zuerst hin?

Das ist noch nicht ganz sicher. Wir haben Freunde, die in die Bräurosl gehen, andere gehen in die Ochsenbraterei. Da werden wir uns noch entscheiden, wo wir mitgehen.

Konnten Sie denn als aktiver Wirt nie privat auf die Wiesn gehen?

Ich habe das Oktoberfest außerhalb unseres Zeltes früher nur beim Rundgang mit der Wiesnchefin, beim Platzkonzert und wenn wir bei einem Kollegen zum Mittagessen eingeladen waren gesehen. Sonst sind wir in den 16 Tagen nicht aus dem Zelt rausgekommen.

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Wie sah Ihr Wiesn-Alltag früher aus?

Mein Cousin hat mal gesagt, ich würde unter pre-seniler Bettflucht leiden, weil ich in der Früh immer der Erste im Zelt war. Ich bin halt aufgestanden, wenn ich wach wurde. Das war immer spätestens um sechs Uhr. Dann war ich den ganzen Tag bis um elf Uhr am Abend im Zelt und dann bin ich wieder nach Hause gegangen. Bis man im Bett liegt, ist es Dreiviertelzwölf. Da werden die Nächte kurz.

Wie haben Sie die Wiesn morgens um sechs Uhr erlebt?

Es war immer traumhaft schön. Die Straßenreinigung wird gerade fertig. Man sieht, wie aus einem fürchterlichen Platz die saubere, schöne Wiesn wird. Es war toll, aber ich muss das jetzt nicht mehr haben.

Sagen Sie bloß, Sie sind kein Frühaufsteher mehr?

Der Mensch ist zum Glück wandelbar. Was ich nie für möglich gehalten hätte: Ich kann jetzt auch schon mal bis halb neun im Bett bleiben.

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Was hat sich noch verändert, seit Sie sich aus dem Tagesgeschäft verabschiedet haben?

Der Druck ist raus, den man das ganze Jahr über hatte. Die Reservierungen, das Personal, der Zeltumbau – das hat mich früher ständig beschäftigt. Das ist jetzt nicht mehr so.

Können Sie denn wirklich komplett abschalten?

Sagen wir mal so, ich denke nicht mehr über den Einbau der neuen Küche nach. Aber manche Dinge interessieren mich immer noch. Zum Beispiel, welches Zelt als erstes den Schriftzug auf dem Dach hat.

Da läuft jedes Jahr eine kleine Wette zwischen den Wirten, oder?

Ja, stimmt.

Wer hat heuer gewonnen?

Wir nicht (lacht).

Wie schwer fällt Ihnen das Loslassen?

Es ist nicht einfach. Da braucht man nicht drum rumreden. Aber man kann sich nicht ein bisschen zurückziehen. Entweder ganz oder gar nicht.

Was können Sie jetzt machen, was Sie die ganzen Jahre vermisst haben?

Ich war zum Beispiel zum ersten Mal im Juli und im August am Gardasee im Urlaub. Das war früher undenkbar. Man konnte eigentlich nur im November oder Dezember wegfahren. Ich fühl mich zwar noch verteufelt jung, aber wenn ich auf mein Geburtsjahr schaue, bin ich eben doch nicht mehr so jung. Und deshalb sollte man auch dafür sorgen, dass man noch etwas vom Alter hat.

Sie sind ja jetzt öfter daheim als Wiesnwirts-Senior. Was sagt Ihre Frau dazu?

Meiner Frau gefällt das sehr gut. Wir sind nach wie vor sehr aktiv und unternehmen vieles gemeinsam.

Ihre wievielte Wiesn ist das heuer?

Ich war mit 18 Jahren zum ersten Mal draußen. Das war 1959. Das heißt, heuer ist meine 53. Wiesn.

Was haben Sie 1959 auf der Wiesn gemacht?

Ich war Schänkkassier. Und in den folgenden Jahren habe ich in allen Bereichen gearbeitet, weil mein Vater gesagt hat: Man kann keinem Mitarbeiter sagen, was er tun soll, wenn man es nicht selbst mal gemacht hat. Damit hat er recht.

Sie haben dann Brauwesen studiert, richtig?

Ich habe mit 18 Jahren erst eine Lehre zum Brauer und Mälzer gemacht und danach Brauwesen studiert. Nach dem Examen habe ich aber festgestellt, dass mir der Beruf nicht so liegt. Man hat wenig mit Menschen zu tun und es ist ein technischer Beruf. Deshalb habe ich noch eine Kurzlehre bei der Münchner Bank gemacht und bin dort dann 20 Jahre geblieben.

Sie sind sogar Bank-Vorstand geworden.

Ja, ich war im Vorstand tätig. Irgendwann habe ich festgestellt, dass ich die Wiesn und meine Aufgabe bei der Bank nicht mehr unter einen Hut bekomme, habe bei der Bank aufgehört und bin voll in die Gastronomie eingestiegen.

Wann sind Sie Chef im Schottenhamel geworden?

Mein Vater war noch lange Chef, aber er war sehr krank, so dass ich die Geschäfte im Hintergrund geführt habe. Vor 24 Jahren bin ich dann selbst Chef geworden.

Was haben Sie als Chef im Schottenhamel verändert?

Ich glaube schon, dass ich das Zelt ein bisschen geprägt habe. Am Anfang kam unser Kapellmeister Otto Schwarzfischer zu mir und fragte, ob sie nicht mal ein bisschen modernere Musik spielen sollten. Ich habe gesagt, dass soll er ruhig mal probieren.

Das kam gut an bei den jungen Wiesnbesuchern . . .

Ich kann mich an einen Samstag vor etwa 20 Jahren erinnern, da mussten zwei Hundertschaften Polizei unser Zelt abriegeln, um die Leute zurückzuhalten. Über dem Zelt kreiste stundenlang ein Hubschrauber, die Leute haben uns die Scheiben eingeschlagen, weil sie rein wollten. Da waren wir nicht drauf vorbereitet. Das lag auch an der Musik, deshalb wollten damals alle zu uns. Inzwischen gibt es ja auch andere Zelte, die mit dem Musiktrend mitgegangen sind, deshalb verteilt sich das heute besser. Ich würde sagen, der Altersdurchschnitt in unserem Zelt ist mittlerweile wieder von 18 auf 25 Jahre gestiegen. Aber es gibt auch immer noch die Gäste in meinem Alter, die seit 40 Jahren kommen.

Können Sie denn noch etwas mit der modernen Musik anfangen, die Sie damals auf der Wiesn eingeführt haben?

Privat bin ich ein Pavarotti-Fan. Das heißt aber nicht, dass ich meiner Frau nicht schon mal CDs von Pink oder AC/DC mitgebracht hätte. Die muss ich dann zwangsläufig auch mal hören (lacht).

Was hat sich über die Jahre noch auf der Wiesn verändert?

Früher gab es auf der Wiesn nur Hendl, Würstl und vielleicht noch einen Schweinebraten. Eine sehr einseitige, rein bayerische Kost. Mittlerweile haben fast alle Zelte ein Riesenangebot auch an internationalen Speisen. Es gibt zwar kein Sushi und keine Pizza, das finde ich auch sehr gut so, das gehört nicht auf die Wiesn. Aber dass man zum Beispiel auch mal Fisch bekommt, den es früher nur bei der Fischer Vroni gab, ist ein Gewinn.

Was war denn Ihr schönstes Wiesn-Erlebnis in all den Jahren?

Das ist schwierig. Das sind wohl die Momente, die einen berühren. Am ersten Montag laden wir beispielsweise zusammen mit der Stadt Senioren und Bedürftige ein. Wenn man dann so ein alts Weiberl sieht, die danach ins Büro kommt, um sich persönlich zu bedanken, ihr Bierflaschl dabei hat und sagt: Ich kann die Mass nicht ganz austrinken, darf ich mir den Rest im Flaschl mitnehmen, daheim trinken und an die Wiesn denken? Das sind schöne, fast rührseelige Momente. Berührt hat mich auch, als einmal eine Mutter und ein Vater heulend ins Büro kamen, weil ihre beiden kleinen Kinder verschwunden waren, die mit der Großmutter auf die Wiesn gegangen sind. Dann bin ich mit denen zur Station für verlorene Kinder gegangen und wir haben sie tatsächlich dort gefunden. Aber die Großmutter war nicht da, die haben wir später gefunden – im Rauschzelt (lacht).

Und das schlimmste Wiesn-Erlebnis?

Das Bombenattentat 1980. Damals wurde die Wiesn nicht abgebrochen, aber für einen Tag unterbrochen. Als ich an diesem Tag über die Theresienwiese gelaufen bin, war es ruhig, still – wie in einer Geisterstadt. Das war schon etwas, das mich sehr bedrückt hat. Aber die schönen Momente haben natürlich überwogen.

Was macht einen guten Wiesnwirt aus?

Man muss die Fähigkeit haben mit Menschen jeglichen Schlages zu kommunizieren und ein Top-Geschäftsmann sein. Man muss sich durchsetzen können und in der Lage sein, einen Betrieb dieser Größenordnung zu führen. Das kann, glaube ich, nicht jeder.

Sie haben ja einige Bürgermeister beim Anzapfen erlebt. Ihr Favorit?

Christian Ude macht es schon am besten und Erich Kiesel hat nicht nur vergessen „O’zapft is“ zu rufen, er hat es auch nicht besonders gut gekonnt.

Sie können jetzt ja ganz befreit sprechen. Verraten Sie uns mal ein Geheimnis, das uns ein Wiesnwirt nie erzählen würde.

(lacht) Es gibt nichts, was wir zu verstecken haben.

Na gut, dann verraten Sie uns doch mal, was ein Wiesnwirt so verdient.

(lacht) Da halte ich es mit meinem Kollegen Richard Süßmeier: „Eine links und eine rechts!“

Interview: Ann-Kathrin Gerke, Philipp Vetter

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