Immer auf Achse: So lebt eine Schausteller-Familie

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Eine glückliche Familie: Die Krauses in ihrem Schießstand. Von links: Urgroßvater Ludwig (87), Großvater Dieter (47), Kevin (6), Großmutter Gerlinde (45) und Mutter Anja (25).

München - Was wäre die Wiesn ohne Toboggan, Fünfer-Looping und Kinderkarussel? Wir haben die Schausteller-Familie Kraus 2009 begleitet: Vier Generationen in einem gelben Wohnwagen.

Familie Kraus lebt auf der Wiesn, mittendrin sogar. Wer in ihre Welt vordringen will, muss sich durch eine schmale Gasse drücken, vorbei an einer Zuckerbude und dem familieneigenen Schießstand, alles gegenüber der Fischer Vroni. Dort hintendrin steht ihre Zwei-Zimmer-Wohnung auf Rädern: ein gelber Wohnwagen mit einem orangenen Streifen drum herum.

Hier haben sie alles, was sie zum Leben brauchen. Ein Wohnzimmer mit dem Familientisch, dazu ein Schlafzimmer mit Doppelbett. Das Bad bietet Dusche und Toilette, eine Küche gibt es hier, klar, und sogar einen Abstellraum mit Gefrierschrank und Trockner. 38 Quadratmeter – so groß ist das Heim der Krauses, zumindest in der Hälfte des Jahres, in der sie unterwegs sind.

Familienalbum: So lebt Schaustellerfamile Kraus

Immer auf Achse: Die Schaustellerfamilie Kraus

Jeden Morgen, wenn sie am Glastisch gemeinsam ihren Tag beginnen, sitzen vier Generationen beisammen. Urgroßvater Ludwig, 87, die Großeltern Dieter, 47, und Gerlinde, 45, sowie Anja, 25. Einer fehlt heute: Kevin, 6, er ist in der Schule.

„Das ist das einzig Greisliche an unserem Leben“, sagt Dieter Kraus, „dass die Kinder nicht immer dabei sein können, weil sie lernen müssen.“ Die Familie bleibt aber bei ihrem Morgen-Ritual, das ein fester Punkt ist im so turbulenten Leben der Schausteller.

Dieter macht Kraftsport - mit einem 18-Tonnen-Karussel

Es ist Punkt neun Uhr, als Dieter Kraus die vier Stufen vom Wohnwagen heruntersteigt und zu den Buden läuft. Der 47-Jährige sieht nicht nach Großvater aus – die einzigen Falten um seinen Mund sind Lachfalten. Seine Haut ist tief gebräunt, die Arbeit unter freiem Himmel hält ihn fit. „Wir bauen alle paar Tage ein 18-Tonnen-Karussell auf und ab, mehr Sport brauch’ ich nicht“, sagt Kraus.

Außer dem Schießstand haben sie ein Kinderkarussell. Es steht vor dem „Höllenblitz“, einer riesigen Achterbahn, und wirkt dort so winzig, dass man es fast übersieht. Ein Fahrgeschäft ohne viel Schnickschnack, kleine Autos und Motorräder, die im Kreis fahren, Märchenbilder auf pinkem Grund schmücken das Dach, eine Fahrt kostet 1,50 Euro. „Das Wichtigste ist, dass die Hupen funktionieren, sonst gibt es Ärger“, erzählt Kraus. Er zieht hier ein paar Schrauben nach, setzt dort noch eine Lampe ein, zehn Stück gehen pro Tag im Schnitt kaputt.

Mit einem Kinderkarussell wie diesem hat alles angefangen, vor mehr als 50 Jahren. Ludwig Kraus, heute der Senior, arbeitete damals auf einem Volksfest in Regensburg, als Anschieber bei der Schiffschaukel. Später heuerte ihn die Besitzerin eines kleinen Kinderkarussells als Geschäftsführer an. Seitdem reist Ludwig Kraus. Jedes Jahr von März bis September, zwanzig Volksfeste, alle in Süddeutschland.

Wie eine Dynastie entsteht

Fünf Jahre später kaufte er das Karussell – und begründete die Schaustellerfamilie Kraus. Das mit der Dynastie war nicht geplant. Als Sohn Dieter mit der Schule fertig war, sagte ihm sein Vater Ludwig: „Den Schmarrn brauchst nicht machen, wirst eh nur als Zigeuner angschaut.“ Der Sohn gehorchte und lernte Fahrzeugund Karosseriebauer – bei einer Firma, die Karussells baut.

Als er den Gesellenbrief in der Tasche hatte, kaufte ihm sein Vater dann doch noch ein eigenes Fahrgeschäft. Dieter Kraus sitzt im Kassenhäuschen des Karussells, als er das erzählt. Zweimal drei Meter misst es, an der holzvertäfelten Wand hängen Fotos von Kevin und Urkunden von Volksfesten für langjährige Treue. Draußen poliert ein Angestellter die kleinen Autos. In einer knappen Stunde, um 10 Uhr, soll das Karussell die erste Runde drehen.

Dieter Kraus zeigt auf ein Foto an der Wand. „Kevin ist ein Volksfestkind“, sagt er. „Wenn er hört, dass wir ab sechs Uhr irgendwo das Karussell aufbauen, sagt er immer: Opa, tut’s mich ja wecken!“ Oft sitzt Kevin schon im kleinen Kassenhäuschen und zählt Fahrchips. Manchmal darf er Ansagen durch das Mikrofon machen.

Dieter Kraus’ Augen leuchten, wenn er von seinem Enkel erzählt. Als er vor einigen Monaten einen Anhänger verkaufen wollte, war Kevin entrüstet. „Opa, den Anhänger musst du aufheben, den krieg’ ja dann irgendwann ich“, hat er gesagt. Dieter Kraus lächelt. „Es ärgert ihn schon sehr, dass er jetzt in die Schule muss.“

Kevin geht nicht, wie viele Schaustellerkinder, in ein Internat, sondern in eine gewöhnliche Schule in Neuburg an der Donau. Dort hat die Familie ein Haus, wo sie im Winter lebt. Wenn die Mama und die Großeltern auf Tour sind, passen die Urgroßeltern auf Kevin auf. „Ohne die Familie würde unser ganzes Leben nicht funktionieren“, sagt Dieter Kraus.

"Die Frauen sind bei uns Schaustellern am wichtigsten"

Ständig wechseln die Orte, aber die Aufgaben bleiben gleich. Jeder in der Familie hat seine Pflichten. Während Dieter Kraus vormittags das Karussell in Schwung bringt, bügelt Tochter Anja auf dem Gartentisch im Abstellraum die karierten Hemden: die Arbeits kleidung der zwei oder mehr Angestellten.

Seine Frau Gerlinde macht heute die Einkäufe und die Buchhaltung, wäscht die Wäsche – und kocht jeden Tag für die Familie und die Angestellten Mittagessen, für insgesamt zehn Personen. „Die Frauen sind bei uns Schaustellern am wichtigsten“, sagt Dieter Kraus. Als er 19 war, lernte er seine Gerlinde kennnen – natürlich auf einem Volksfest.

Punkt 12 Uhr sitzen dann wieder alle um den Familientisch. Der Wohnwagen ist zwar das Zentrum des Familienlebens, aber die Krauses haben ein kleines rollendes Dorf dabei: Urgroßvater Ludwig hat seinen eigenen Wohnwagen, Kevin und Anja schlafen im eigenen Anhänger. Etwas abseits steht noch der Wagen für die Mitarbeiter.

Schießstand und Karussell – diese Kombination ist kein Zufall. Während das Karussell am Nachmittag brummt, geht es am Schießstand erst abends stressig zu. Alle haben immer etwas zu tun, aber die Familie macht auch den ganzen Tag Umsatz. Das ist auch bitter nötig, denn die Zeiten im Schaustellergewerbe sind härter geworden.

Ihre ganze Existenz hängt am Oktoberfest

Wenn Dieter Kraus die Abrechnung macht, nachts um halb eins endlich die Wohnwagentür hinter sich zuzieht und den Fernseher einschaltet, bleibt seit einigen Jahren immer weniger Geld übrig. „Ohne die Wiesn könnte ich sofort aufhören“, sagt er.

Die Existenz der ganzen Familie hängt am Oktoberfest, die Zukunft wird schwierig. „Trotzdem: Ich war total happy, als meine Tochter eingestiegen ist.“ Seine Frau war da skeptischer. Sie hätte sich gewünscht, dass Anja nach der Wirtschaftsschule Steuerberaterin geworden wäre. Aber Anja entschied sich für den gleichen Weg wie ihr Vater. „Ich wäre schon auch stolz, wenn der Kevin irgendwann das Geschäft übernimmt“, sagt Dieter Kraus.

Um zwei Uhr knipst er das Licht aus. „Auf der Wiesn wird es immer spät.“ Dafür könne er ja in den Wochen danach ausschlafen. Dann geht es ins Winterquartier. „Nachdem man zwei, drei Wochen durchgeschnauft hat, könnte es aber auch schon wieder losgehen“, sagt Dieter Kraus. „Ich kann mir keinen anderen Job auf der Welt vorstellen.“

Philipp Vetter

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