Schleich: „Ich weiß nicht, wo dieser Ude anzapft“

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Wird nur einen Schlag brauchen: Helmut Schleich, alias Ministerpräsident Franz Josef Strauß, wird am Samstag das erste Fass auf der historischen Wiesn anzapfen.

München - „Ozapft is!" - ob Franz Josef Strauß am Samstag genau diese Worte gebrauchen wird? Um 11 Uhr wird der ehemalige Landesvater, alias Kabarettist Helmut Schleich, im „Herzkasperl-Festzelt" das erste Fass der historischen Wiesn anstechen. Ein Gespräch über den Konkurrenten Ude, Bierpreise, Champagner und ein Nockherberg-Donnerwetter.

Herr Strauß, Sie treten am Samstag in Konkurrenz mit Christian Ude. Wie viele Schläge werden Sie beim Anzapfen brauchen?

(lacht spöttisch) Die Familie Strauß hat immer nur einen Schlag gebraucht, um den Nagel auf den Kopf zu treffen.

Weniger also als der Oberbürgermeister?

Davon gehe ich selbstverständlich aus. Sollte ich dennoch mehr brauchen, so liegt es vermutlich daran, dass der Ärger darüber, dass es mir zunächst nicht gestattet war, auf dem Münchner Oktoberfest anzuzapfen und erst nach einigem Hin und Her erlaubt wurde, noch in den Knochen sitzt.

Es gab offenbar Querelen in der Stadtspitze über Ihren Auftritt, wie man hört.

Ich kriege nicht alles mit, was in der Münchner Stadtspitze passiert - um Gottes Willen, um was soll ich mich noch alles kümmern. Aber auch ich habe davon gehört, ja.

Ging’s darum, wer zuerst anzapft, Sie oder Ude?

Ich weiß nicht, ob ich ihm zuvorkomme, weil ich überhaupt nicht weiß, wann und wo dieser Ude anzapft. Die Frage stellt sich für mich auch gar nicht. Alles, was nicht ich bin, kommt in Bayern nach mir.

Wann haben Sie zum letzten Mal angezapft?

Ich habe in meinem Leben wenig anderes getan, als anzuzapfen. Allerdings beileibe nicht nur Fässer. Ich habe Geldquellen angezapft, auf der ganzen Welt. Ich habe Champagnerflaschen angezapft, dass es eine Art hatte. Ich habe den Luftverkehr noch kurz vor meinem Ende mit einem Winterflug nach Moskau angezapft - die Aschewolke aus Island war eine vergleichsweise harmlose Gefährdung des internationalen Flugverkehrs. Also: Anzapfen liegt mir im Blut.

Es heißt ja, Sie hätten im Frühjahr den Starkbier-Anstich auf dem Nockherberg durch Ihren Auftritt gerettet, weil das Singspiel sonst völlig verunglückt wäre. Haben Sie etwa das Gefühl, die historische Wiesn auch retten zu müssen?

Also: Den Nockherberg habe, wenn, dann nicht ich gerettet, sondern höchstens dieser Witz-Pygmäe, der sich da im Trachtenanzug auf die Bühne hat schieben lassen und sich als mein Double ausgegeben hat. Ich selbst bin höchstens auf einer Wolke über dem Ganzen geschwebt, die sich mehr und mehr zur Gewitterwolke entwickelt hat.

Warum das drohende Donnerwetter?

Weil ich nicht mit anschauen konnte, wie sich die, die sich als meine Nachfolger bezeichnen - Haderthauer, aber auch der Innenminister-Darsteller Herrmann - versucht haben, sich auf Kosten des Nockherberg-Redners Lerchenberg zu profilieren. Ich war weiß Gott nicht mit allem einverstanden, was zu meiner Zeit auf dem Nockherberg erzählt wurde, aber so weit herab begeben hätte ich mich ja dann doch nicht.

Bier getrunken haben Sie nie gerne, auch auf dem Oktoberfest nicht, oder?

Ich mache kein Geheimnis daraus, dass in meinem Masskrug meist Champagner war. Der ist mir auch nicht immer bekommen, aber wohl besser als Bier.

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Gab’s da nicht Schwierigkeiten mit den Wirten?

Wer zu meiner Zeit Probleme gemacht hätte, der wäre nicht mehr lange Wirt gewesen.

Ihr Nachfolger, Horst Seehofer, darf heuer das Standkonzert der Wiesn-Kapellen nicht dirigieren . . .

Wie meinen Sie Nachfolger?

Nun ja, als Bayerischer Ministerpräsident.

Er besetzt das Amt. Er ist der Insolvenzverwalter.

Er wird nicht dirigieren dürfen, weil die Stadt das nicht will, heißt es.

Das bedauere ich. Denn wenn man weiß, wie dieses Dirigieren ausschaut - der Dirigent schwingt den Stab, die Kapelle macht, was sie will -, dann ist das im Prinzip ja ein Bild dafür, wie Seehofer Bayern regiert. Darum würde er sich als Oktoberfest-Dirigent gut machen. Warum man es ihm trotzdem nicht erlaubt, ist vermutlich wieder einer gewissen Kleingeisterei zuzuschreiben, die ich nicht nachvollziehen kann.

Haben Sie denn die historische Wiesn im Vorfeld schon mal angeschaut?

Noch nicht. Aber die Wiesn, die ich zu Lebzeiten kennen gelernt habe, ist ja bereits historisch - wenn man nur mal den Bierpreis anschaut. Der letzte Bierpreis, den ich selbst miterlebt habe, war 6,85 Mark.

Luise Kinseher, die diesjährige Partnerin Ihres Doubles Helmut Schleich, soll nächstes Mal als erste Nockherberg-Predigerin auftreten. Eine gute Entscheidung von Paulaner, weil nun keiner mehr über die Querelen vom Vorjahr redet, sondern nur noch über die Dame?

Es liegt natürlich weit jenseits meiner Kompetenz, derartig kleine und historisch unbedeutende Entscheidungen von meiner Wolke aus zu kommentieren. Ich werde mir das anschauen, und je nachdem ob die Sonne lacht oder es regnet, wird man wissen, was ich von der Veransttalung halte.

Es regnet wahrscheinlich auch zum Wiesn-Auftakt. Wie sollen wir denn das bitte verstehen?

Wir haben noch nicht endgültig entschieden, wie das Wetter wird. Petrus ist etwas renitent. Aber wenn mich mein Verhandlungsgeschick nicht ganz verlässt, mache ich Ihnen noch Hoffnung auf ein schönes erstes Wiesn-Wochenende.

Würden Sie sich denn auch zutrauen, beim Nockherberg noch einmal aufzutreten - möglicherweise selbst als Fastenprediger?

(lacht) Sie werden es nicht schaffen, mir Aussagen zu entlocken, die mein Double nicht zu machen bereit ist.

Das Gespräch führte Johannes Löhr.

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