Feiern bei Alarmstufe Rot

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Die Polizei ist auf der Wiesn nun allgegenwärtig.

München - Am Sperrring rund um die Wiesn herrscht Alarmstufe Rot. Wenige Schritte weiter ist das alles vergessen. In den Zelten und Biergärten läuft der normale Festbetrieb.

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Die Fußgängerampel am Bavariaring, Ecke Uhlandstraße zeigt Rot. Aber weit und breit fährt kein Auto – der Ring rund um die Wiesn, wo sich sonst Taxen, Radler und Fußgänger drängen, gleicht einer Geisterstraße. Trotzdem bleiben die Wiesn-Besucher brav an der Ampel stehen. Aus Gewohnheit. Dabei ist seit Montag alles anders. Zumindest im neuen Sperrring vor der Wiesn. Denn spätestens, wenn die Kreuzung überquert ist, sind alle Sicherheitsmaßnahmen vergessen. Wenn das Kind seine Zuckerwatte schleckt und die erste Mass auf dem Tisch steht, ist die Terrorangst weit weg. Feiern bei Alarmstufe Rot – auf der Wiesn geht der Spaß wie gewohnt weiter.

Hey, was geht ab? Wir feiern die ganze Nacht! Im Hackerzelt grölen alle mit, das Zelt ist voll wie immer, die Stimmung schon mittags auf dem Höhepunkt. Denn Vinzenz, ein Burschenschaftler aus dem Münchner Umkreis, leert gerade seine vierte Mass auf ex – und das freihändig, den Krug zwischen die Kiefer geklemmt. Stehende Ovationen im Zelt. Terror? Längst vergessen. „Ich habe mein mulmiges Gefühl mit der zweiten Mass heruntergespült“, sagt Daniela Klosterhuber (23) aus Rosenheim. Und steigt auf die Bierbank.

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Der Stadtplan von München, in dem der neue Sperrbereich um die Wiesn eingezeichnet ist (pdf-Format)

Den Bedienungen im Himmel der Bayern ist allerdings ein bisserl komisch zumute. Ein Rabe hatte sich in der Früh ins Zelt verirrt – ein böses Omen? Auch den Besuchern im Armbrustschützenzelt ist etwas mulmig. Wenn sie die Kellner nach der aktuellen Situation fragen, sagen diese nur: „Wir dürfen nix sagen.“ Also doch nicht alles so wie ­immer? Am Familienplatzl schon. Hier herrscht ruhige Gelassenheit. Der Münchner Jens Hormann blinzelt in die Sonne. Sein Handy klingelt. „Nee, Schatz – nein, da passiert schon nichts. Hier ist alles ruhig. Nein, ich bleib jetzt hier. Mach dir keine Sorgen…“ Jens’ Frau hat etwas über eine Bombendrohung auf der Wiesn gehört. Aber ihr Mann trinkt lieber seine Apfelschorle. „Ich mag da gar nicht dran denken…“

Wie bereits am Wochenende kursieren Gerüchte über Bombendrohungen und Anschläge. Die Geschichten schüren lediglich die Angst bei den Daheimgebliebenen. Die Gäste, die sich die Wiesn nicht vermiesen lassen, beruhigen sich damit, dass Montagmittag bestimmt nichts passiert, Wenn, dann an den starken Tagen oder abends…

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Und weil montags bestimmt nichts passiert, feiert Regine Sixt fröhlich auf ihrer Damen-Wiesn im Hippodrom, besucht Bayerns First Lady Karin Seehofer mit einem Haufen Kinder das Oktoberfest, steht das ganze Hackerzelt auf den Bänken. Die Wiesn ist so wie immer – und das ist wahrscheinlich auch gut so. Viele Besucher haben den neuen Sicherheitsring noch nicht mal mitbekommen.

Am wenigsten Gedanken machen sich die Touristen – sie halten das Polizeiaufgebot für normal. „Ich finde gut, dass so viele Polizisten da sind und die Taschen kontrollieren“, sagt Christian Jakobsen (31) aus Dänemark unbedarft. Der Däne ist mit einer Gruppe von 20 Männern auf Wiesn-Urlaub. An eine Terrorgefahr haben die Jungs gar nicht gedacht. Und selbst wenn: „Seit dem 11. September kann ja überall etwas passieren.“ Amerikanische Touristen finden die Vorkehrungen sogar noch zu lasch. „Bei uns würde die Polizei nicht nur vor der Wiesn, sondern auch in den Zelten stehen“, sagt Andrea (33) aus Seattle.

Hans Kammermayer schaut von seiner Wurstbude aus Richtung Hauptausgang. Er hat als junger Mann das Oktoberfest-Attentat miterlebt und auch die Panik nach dem 11. September. „Mit jeder Wiesn wird man gelassener. Mit ein bisschen Glück und Gottvertrauen wird schon alles gut gehen.“

Nina Bautz, Simone Herzner

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