Ein Dirndl um jeden Preis: Exklusiv vs. billig

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Zum Luxus-Arrangement gehört Champagner in der Suite natürlich dazu. Katharina Lucasz (mit Nadelkissen) passt hier ihrer Kundin ein Dirndl mit Airbrush-Verzierung an. 

München - Nicht jede Frau, die München zur Wiesn-Zeit besucht, hat das passende Outfit im Koffer. Aber so gut wie jede hat das passende Budget, denn für das Dirndl auf den letzten Drücker muss man nicht viel ausgeben. Kann man aber.

Australierinnen sind ihm die liebsten. Oft kommen sie direkt nach dem Einchecken im Hotel in ihren Flip Flops herüber. Wenn sie ein gelbes Kleid wollen, aber Orhan Polat nicht mehr die passende Größe an seinem Stand hat, dann verkauft er ihnen eben ein grünes.

Kundinnen mit Wiesn-Erfahrung sind ihr die liebsten. Egal ob sie aus Berlin, Frankfurt oder Hamburg kommen. Meist rufen sie vorher an und schauen dann direkt auf dem Weg vom Flughafen ins Hotel bei ihr vorbei. Wenn sie ein gelbes Kleid wollen, aber Katharina Lucasz kein gelbes Kleid in ihrem Laden hat, dann legt sie zur Not eben eine Nachtschicht ein.

Orhan Polat und Katharina Lucasz verkaufen beide das Gleiche, im Prinzip jedenfalls. Sie kleiden Frauen mit Dirndln ein. Jetzt, während die Wiesn läuft und die Münchnerinnen alle bedient sind, kommen die Touristinnen. Polat kümmert sich eher um die Frauen, die in den Herbergen rund um den Hauptbahnhof absteigen, Lucasz dagegen hat unter anderem ein Arrangement mit dem Fünf-Sterne-Haus „The Charles Hotel“.

Dort gibt es zur Zeit das „Wiesn-Paket“ im Angebot: Eine Limousine holt die Gäste vom Flughafen oder Hauptbahnhof ab und bringt sie zur Beratung und Anprobe in die Ramersdorfer Straße, wo Katharina Lucasz ihren Laden „Schatzi Dirndl“ hat. Die Termine sind Wochen vorher gebucht, sodass sich Lucasz viel Zeit nehmen kann – so viel wie die Kundin eben braucht.

Jedes ihrer Schatzi-Dirndl hängt exakt ein einziges Mal in nur einer Größe im Laden und wird auch so nie wieder nachgeschneidert. „Zum Schutz der Käuferinnen“, sagt Lucasz, also dass niemand am Nebentisch eine Konkurrentin im gleichen Kleid befürchten muss. Da so viel Liebe zum Detail in jedem Modell steckt, schafft Lucasz mit ihren eineinhalb Mitarbeitern nicht mehr als 150 Dirndl im Jahr.

Orhan Polat und sein Bruder Ali verkaufen etwa 300 Dirndl – am Tag. An ihrem Stand an der Südseite des Hauptbahnhofs stapeln sich die Modelle „Kaisertracht“, die bis zum Oktoberfest im familieneigenen Großhandel liegen geblieben sind. Das günstigste kostet 40 Euro, kein exquisiter Stoff, aber komplett mit Schürze und Bluse. „Mehr wollen die Touristen ja gar nicht. Die ziehen es einmal an, und das war’s.“

Einige ziehen die „Kaisertracht“ nur schnell über das T-Shirt und führen es direkt auf die Wiesn aus, andere nutzen immerhin die Umkleide. „Wenn etwas nicht passt, dann können wir noch ein bisschen enger schnüren“, bietet Polat an.

Nachdem sich die Kundin für ein Dirndl entschieden hat, geht für Katharina Lucasz die Arbeit weiter. Sie näht hier etwas ab, wo zu viel Stoff ist und appliziert dort ein paar Perlen, wo es der Kundin zu schlicht ist. Alles innerhalb von ein paar Stunden, damit sie es der Kundin zum „Abschlussfitting“ ins „The Charles“ bringen kann. Ihre viereinhalbmonatige Tochter Maria-Theresia ist momentan ständig dabei, die Mama arbeitet jetzt in der Hoch-Zeit auch mal 20 Stunden am Tag.

Für sehr prominente Frauen hat Lucusz sogar schon komplett neue Kleider über Nacht geschneidert. Wenn ein Schatzi-Dirndl anschließend in den Illustrierten abgebildet ist, zahlt sich die Mühe aus. Die Kleider sind dank ihrer patentgeschützten Herzbänder an der Schürze einwandfrei zu identifizieren.

Mindestens 850 Euro muss man einplanen für solch ein Designerstück aus der „Classic Line“. Das Paket des „The Charles Hotel“ beeinhaltet für 1260 Euro Kleid, Service, Übernachtung und Frühstück; dazu buchbar sind Styling-Pakete mit Frisur, Make-Up und Bräunungs-Spray sowie Bier-Massage für die Entspannung danach.

Übrigens: Die Männer können sich derweil auf der Terrasse vergnügen. Dort gibt es am Wiesn-Standl Champagner aus eigens kreierten Mini-Krügen mit Gold-Logo und „Bayern-Hot-Dogs“.

Immerhin, etwas auf die Hand bekommen die Kunden der Polats auch, wenn sie wollen: Der Stand steht direkt gegenüber einer Imbissbude.

Katharina Fuhrin

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