Blut-Skandal auf der Wiesn

BRK: Wir haben Fehler gemacht

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Auf der Wiesn gab‘s umstrittene Bluttests.

München - Im Blut-Skandal auf der Wiesn gesteht der Landesverband des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) schwere Fehler ein.

In einem ­internen Schreiben, das der tz vorliegt, gibt es scharfe Kritik an den durch den Kreisverband München ermöglichten, wissenschaftlichen Studien mit dem Blut von alkoholisierten Oktoberfestgästen. Die Landesleitung wird den Kreisverband künftig an die kurze Leine nehmen, will einen Qualitätsmanager einsetzen und wegen der Vorfälle eine Ethik-Kommission gründen!

„Es kann nicht sein, dass durch Verhaltensweisen Einzelner der ehrenamtliche Einsatz hunderter Helferinnen und Helfer unseres Verbandes in Verruf gerät“, wettert Leonhard Stärk, Sprecher der BRK-Landesgeschäftsführung, gegenüber der tz. „Da wurden Einzelnen zu viele Freiheiten gelassen!“ Stärk stößt sauer auf, dass die Blutwerte von 405 stark alkoholisierten Feiernden, die 2004 auf der Wiesn-Wache behandelt werden mussten, für wissenschaftliche Studien der Universitäten Dortmund und Leipzig verwendet worden sind. Dies bewerten renommierte Medizin- und Rechtsexperten als ethisch höchst zweifelhaft. Zum Skandal werden die Vorgänge, weil „trotz intensivster Recherche kein endgültiges widerspruchsfreies Bild des Sachverhaltes“ herstellt werden konnte. Dies musste die BRK-Kreisspitze zugeben, nachdem Wiesn-Chefärztin Dr. Monika Mirlach die tz-Vorwürfe zunächst massiv bestritten und als „absurd“ bezeichnet hatte.

Fakt ist: Für die 405 Blutproben – etliche davon stammen von Minderjährigen – liegen bis jetzt gerade mal 178 Einwilligungen vor. Stärk zweifelt sogar an diesen: „Das sind ja Unterschriften von Leuten, die zwei Promille oder mehr hatten. Da weiß ich nicht, ob so jemand noch selbst entscheiden kann. Ich würde mir das jedenfalls nicht zutrauen.“

Ob und in welchem Maß künftig auf der Wiesn und anderen Großveranstaltungen Blut abgezapft wird, soll „eine aus unabhängigen Experten besetzte Ethik-Kommission für die Arbeit des Sanitäts- und Rettungsdienstes“ klären. So steht es wörtlich in dem internen Brief, den Landesgeschäftsführer Stärk an alle Kreis- und Bezirksverbände sowie die bayerischen BRK-Bereitschaften geschickt hat. Und weiter: „Es ist als problematisch zu bewerten, dass damals bei dem vielleicht wichtigsten und renommiertesten Sanitätsprojekt unseres Verbandes nicht alle nötigen Vorkehrungen getroffen waren, um jederzeit ­lückenlos alle wesentlichen Vorgänge dokumentiert nachweisen zu können.“ Die „Sicherungssysteme bei der ethisch-rechtlichen Absicherung der angewandten Praxis“ hätten nicht gegriffen.

Mächtig sauer ist Stärk auch wegen der Verteidigungshaltung des Münchner BRK: „Darüber sind wir nicht glücklich. Ein offensiver Umgang mit der Kritik und ein von Anfang an klares Signal zur Aufklärung wäre der bessere Weg gewesen!“

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Hat das BRK Fehler gemacht? „Ich täte mich angesichts der Fakten schwer, Ihnen zu antworten: ,Nein, wir haben keine Fehler gemacht‘“, gibt Stärk unumwunden zu. „Ja, wir haben Fehler gemacht!“

Jetzt gelte es, diese aus der Welt zu schaffen und das „verlorengegangene Vertrauen wieder herzustellen“. Erste Schritte sind, dass das BRK München versichert, beim am Samstag in acht Tagen beginnenden Oktoberfest den umstrittenen Studienarzt B. nicht mehr einzusetzen. Auch wissenschaftliche Erhebungen wird es nicht mehr geben. Eigenmächtig kann das Münchner BRK ohnehin nicht mehr agieren: Stärk will einen „Sonderstab Qualitätsmanagement (QM) Sanitätsdienst“ einsetzen. Unter Leitung von Bereitschafts-Geschäftsführer Rudi Cermak sollen künftig „die Abläufe von großen Sanitätseinsätzen analysiert und Schwachstellen aufgedeckt ­werden“.

Kleinlaut gibt sich mittlerweile auch der Kreisverband München: In einer neuen Pressemitteilung werden „Ungereimtheiten bei der Analyse der Daten von 405 alkoholintoxikierten Patienten“ eingestanden. Zudem werden die auf der Wiesn eingesetzten BRK-Mitarbeiter einen Kodex unterzeichnen müssen. Sie verpflichten sich, „alle Standards zur Einhaltung der datenschutzrechtlichen Bestimmungen und zur Wahrung der Patientenrechte zu beachten“, versichert Vorsitzende Dr. Hildegard Kronawitter.

Sie weiß, wie viel auf dem Spiel steht. Gut möglich, dass das BRK wegen des Blut-Skandals von der Wiesn fliegen könnte – zwar nicht mehr heuer, aber im Jahr 2010. Das BRK wolle mit seinen Maßnahmen deshalb „der Landeshauptstadt München als jahrzehntelangem Vertragspartner und der Öffentlichkeit den unbedingten Willen zur schnellstmöglichen Bewältigung und Aufarbeitung der eingetretenen Irritationen signalisieren“, betont Kronawitter.

Aufarbeiten wird den Blut-Skandal auch die Staatsanwaltschaft München I. „Wir haben ein formelles Ermittlungsverfahren eingeleitet und bereits mehrere Personen vernommen“, erklärt Oberstaatsanwältin Barbara Stockinger. Sie darf nicht sagen, gegen wen sich die Ermittlungen konkret richten. Es gilt allerdings als wahrscheinlich, dass sich auch BRK-Mitarbeiter verantworten müssen. Blutentnahmen ohne Einwilligung der Betroffenen gelten vor dem Gesetz als Körperverletzung.

Stefan Dorner, David Costanzo

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