„Servus, Frau Doktor!“

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Tränen zum Abschied: Gabriele Weishäupl ist gerührt

München - Eine Ära geht zu Ende: Seit Freitag ist Gabriele Weishäupl nicht mehr Wiesn- und Tourismus-Chefin. Ihre Wegbegleiter verabschiedeten sie nach 27 Jahren in den Ruhestand. Doch ein wichtiger Gast fehlte.

Natürlich trägt sie ein Dirndl. Schließlich ist Gabriele Weishäupl ja noch im Dienst. Zur Feier des Tages hat sie sich eine Rosenblüte ins Mieder gesteckt. Dabei ist der Frau, die 27 Jahre lang das Gesicht der Wiesn war, nicht nur zum Feiern zumute. „Natürlich ist das der größte Einschnitt in meinem Leben, natürlich gibt es Stunden der Trauer“, sagte sie vor einigen Tagen mit Blick auf ihren nahenden Abschied. Doch als es gestern soweit ist, lässt sich Weishäupl davon nichts anmerken. Im Festsaal des alten Rathauses haben sich ihre Wegbegleiter versammelt, um sie in den Ruhestand zu verabschieden.

Es ist eine Ära, die im Tourismusamt zu Ende geht. 1984 hatte sich Weishäupl im Stadtrat als Tourismusdirektorin beworben. Der damalige Oberbürgermeister Georg Kronawitter achtete darauf, dass sich jeder Bewerber nur zehn Minuten präsentierte, vor ihm stand ein roter Wecker. „Als ich gemerkt hab, dass der Georg Kronawitter den Wecker heimlich ausschaltet, hab’ ich mir gedacht: Mensch, die mögen dich“, erinnert sich Weishäupl. Sie setzte sich gegen 40 männliche Bewerber durch und wurde Deutschlands erste Tourismuschefin.

Um Menschen nach München zu locken, reiste sie jahrelang im Dirndl um die Welt. „Ich hab’ gemerkt, dass die Fotografen auf mich drauf halten und nicht auf die Konkurrenz, wenn ich ein Dirndl trage“, erzählt sie. Es wird zu ihrem Markenzeichen. Doch darauf reduzieren lassen will sie sich nicht, deshalb beantwortet sie die Frage nicht, wie viele Dirndl sie im Schrank hat. „Ein ewig Rätsel will ich bleiben“, sagt sie und lächelt.

Gabriele Weishäupl weiß, wie sie sich in der Öffentlichkeit verkaufen muss – und wie sie sich hinter den Kulissen durchsetzen kann. „Ja gut, ich hab’ ja nix gegen Männer“, kokettiert sie, wenn man die Wiesn-Chefin fragt, wie sie sich gegen die männlichen Oktoberfest-Wirte behaupten konnte. „Mein Lebensmotto ist: Fürchte dich nicht!“

Auch viele Wirte sind am Freitag gekommen um Weishäupl zu verabschieden. Zwar gibt es keiner offen zu, aber mancher ist froh, dass die Chefin jetzt in Rente geht. „Wenn sie sich auch manchmal eingemischt hat beim Bierpreis, bei den Reservierungen und bei der Musik, wir haben sie immer gemocht“, versichert Wirtesprecher Toni Roiderer. Die Gastronomen schenken Weishäupl ein Gemälde, auf dem sie als Bavaria zu sehen ist. „Jetzt machen mich die Wirte doch noch sprachlos. Das haben sie sich so lange gewünscht – jetzt bin ichs“, sagt Weishäupl. Roiderer weiß gar nicht, wie es auf dem Oktoberfest jetzt weitergehen soll. „Der Dieter Reiter kann ja nicht im Dirndl auf die Wiesn gehen.“

Wirtschaftsreferent Reiter wird sich künftig nämlich selbst um die Volksfeste kümmern. Dass seine Beziehung zu Weishäupl nicht immer einfach war, gibt er auch bei der Abschiedsfeier zu. „Sie haben einen äußert ausgeprägten Hang zur selbstständigen Arbeit“, sagt er Weishäupl. „Ich hab’ mich schon gefragt: Wie werd ich jetzt Chef der Wiesn-Chefin?“. Aber sie hätten sich dann „gut zusammengerauft“. Denn Reiter weiß auch, was er an Weishäupl hatte. „Sie waren die personifizierte Wiesn“, lobt er. „Zwei Milliarden Menschen haben in diesen 27 Jahren München besucht – die sind nicht alle wegen Ihnen gekommen, aber viele.“ Reiter vertritt bei der Abschiedsfeier auch Oberbürgermeister Christian Ude (SPD). Dem wird nachgesagt, er und Weishäupl seien in inniger Abneigung verbunden. Nach dem fehlenden Gast gefragt, gibt sich Weishäupl diplomatisch: „Dieter Reiter hat ihn sehr gut ersetzt. Georg Kronawitter ist der Oberbürgermeister meines Herzens – und der ist da.“

Weishäupl hätte gern noch ein paar Jahre weitergemacht, aber Ude und Reiter lehnten ab. „Servus, Frau Doktor“, verabschiedete Reiter sich am Freitag zum Schluss seiner Rede von der promovierten Kommunikationswissenschaftlerin. Reiter will 2014 Oberbürgermeister werden, da kann ihm das Oktoberfest helfen, bekannter zu werden. Vor ein paar Tagen sagte Weishäupl, die Regel, dass ein Mensch mit 65 Jahren aufhören müsse zu arbeiten, empfinde sie als „Altersdiskriminierung“.

Deshalb wird sie einfach weitermachen. Am Montag räumt sie ihr altes Büro aus, zählt die Maßkrüge, die sich in den Jahren angesammelt haben – und geht dann in ihr neues Büro. Als Vizechefin des Tourismusverbands München-Oberbayern wird sie sich weiter um den Tourismus, als Vorstandsmitglied des Oktoberfestmuseums um die Wiesn kümmern. „Ich bin psychisch nicht bereit, jetzt in den Urlaub zu gehen“, sagt sie. „Ich muss aufpassen, nicht in ein Loch zu fallen.“ Trotzdem überlegt sie, einen lange gehegten Traum zu erfüllen. „Ich wollte immer mal im September ans Mittelmeer.“ Der Wiesn-Anstich künftig also ohne die Ex-Wiesn-Chefin? Das kann sich auch Weishäupl nicht vorstellen. „Wahrscheinlich bin ich wieder da“, sagt sie.

Philipp Vetter

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