Wir haben die geheimen Standgeldpreise

Der große Wiesn-Mietreport

München - Die verdienen sich doch alle ’ne goldene Nase auf der Wiesn!“ Das denken die meisten Besucher über die Wirte und die Schausteller. Wie viel Miete aber zahlen die Zelt-, Standl- und Fahgeschäftebetreiber wirklich?

Die verdienen sich doch alle ’ne goldene Nase auf der Wiesn!“ Das denken die meisten Besucher über die Wirte und die Schausteller. Umso größer war daher auch der Aufschrei, als vergangenes Jahr der nicht öffentliche Bericht des Revisionsamtes rauskam. Darin stand schwarz auf weiß, dass die Stadt als Veranstalter viel mehr an Wirten und Schaustellern verdienen könnte: Ihre Standmieten seien zu niedrig!

Große Konsequenzen aber hatte der Bericht bis heute nicht – auch das Thema Umsatzpacht war schnell vom Tisch. So stellte Wiesn-Chef und Wirtschaftsreferent Dieter Reiter (SPD) fest: „Ziel bei der Festlegung der Standplatzgelder bleibt auch in Zukunft, dass die Kosten der Wiesn nicht von den Steuerzahlern finanziert werden. Ich will nicht durch Platzgelderhöhungen zur Gewinnerzielung die Preise auf der Wiesn hoch treiben.“ Soll heißen: Reiter erwartet, dass die Zelte und Stände bei höheren Mieten auch mehr von den Besuchern verlangen. Der größte wirtschaftliche Effekt der Wiesn auf die Stadt käme ohnehin durch Faktoren wie Tourismus oder Werbung, Das spült etwa 850 bis 950 Millionen Euro in die Kasse.

Wieviel Miete aber zahlen die Zelt-, Standl- und Fahgeschäftebetreiber wirklich? Die Höhe der Standgelder wird weiterhin durch ganz unterschiedliche – teils undurchsichtige – Faktoren der Nutzungsart, Größe und der Güte des Standplatzes bestimmt. Laut Reiter baut sie „auf langjährige Beobachtungen und Sachkenntnis der Verwaltung auf“.

Die tz hat im Wiesn-Mietreport dutzende Standpreise recherchiert und teils selbst errechnet. Hier wurden die Preise vom Geheimbericht von 2011 (17 Festtage) als Basis genommen und auf 16 Tage runtergerechnet. Schließlich wurde eine auf drei Jahre verteilte Erhöhung der Standgelder um je 11 Prozent (Zelte und Stände mit Bewirtung), 6 Prozent (Schausteller) und 10 Prozent (städtische Buden) zur Finanzierung der Sicherheitspoller hinzugerechnet. Lesen Sie, wie unterschiedlich die Mieten sind.

Die großen Bierzelte

Ein großes Zelt wie die Bräurosl zahlt über 200 000 Euro Miete

Zusammen haben die 14 großen Zelte im Jahr 2011 rund 2,4 Millionen Euro an Miete gezahlt. Eine Stange Geld – schaut man aber genau hin, was ein einzelnes Zelt zahlt, ist das gar nicht mal so viel. Fürs Zelt selbst (überbaute Fläche inklusive Balkone) zahlte der Wirt 2011 ein Nettoplatzgeld von 32,95 Euro pro Quadratmeter für die ganze Wiesn. Für Biergarten, Lager- und Toilettencontainer usw. (nicht überbaute Fläche) legte er 8,13 Euro pro Quadratmeter hin. Heißt: Je nach Zeltgröße zahlte der Wirt vor zwei Jahren zwischen 150 000 bis 180 000 Euro.

Oktoberfest-Rätsel: Wie gut kennen Sie die Wiesn?

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Heuer zahlt der Wirt schon einiges mehr: Wegen der hohen Kosten für die Sicherheitspoller (knapp 4 Millionen Euro) zahlen die Wirte seit 2011 für drei Jahre jedes Jahr elf Prozent mehr. Berechnet man nun, dass die Wiesn heuer nur 16 Tage dauert (2011: 17 Tage) und addiert die beiden Erhöhungen, dann müsste die Miete fürs Zelt heuer 38,21 Euro pro Quadratmeter kosten und für die Außenflächen 9,43 Euro pro Quadratmeter. Wenn ein Beispielzelt also 2011 172 000 Euro für die Wiesn gezahlt hat, zahlt es laut Wirtschaftsreferat heuer nun 237 360 Euro.

Ob diese Miete zu gering ist, ist eine beliebte Streitfrage. Fakt ist: Allein der Bierumsatz der 14 großen Zelte zusammen lag der 2011 bei rund 68 Millionen Euro. Das Tourismusamt rechnet bei einer zweimaligen Belegung der Bänke pro Tag mit einem Gesamt-Tagesumsatz für alle Zelte von 10,5 Millionen Euro, für ganze Wiesn sind das 168 Millionen Euro. Das wären pro Zelt also im Schnitt etwa 12 Millionen Euro pro Wiesn. Die Wirte winken ab: Das könne man nicht so hochrechnen, dieser Wert sei viel zu hoch. Fakt jedoch ist: Die Wirte zahlen weiter nach Quadratmeter und nicht nach Umsatz.

Die kleinen Zelte

Die Münchner Knödelei zahlte 2011 insgesamt 29 700 Euro Standmiete an die Stadt

Hier ist das ganze System viel komplizierter. So kompliziert, dass das Revisionsamt in seinem Bericht davon spricht, dass die einzelnen Standmieten für die 20 kleinen, bewirteten Zelte nicht ausreichend nachvollziehbar seien. Tatsächlich weichen die Preise stark voneinander ab: So müssen die Wirte von Cafébetrieben nach einer tz-Rechnung heuer 21,74 Euro pro Quadratmeter überbaute Fläche zahlen, eine Hühnerbraterei dagegen 53,67 Euro, eine Wurst- oder Imbisshalle aber 83,56 Euro. Freilich nimmt ein Cafézelt weniger ein als ein Zelt, das Bier ausschenkt – die Unterschiede zwischen Hühner- und Wurstzelt aber lassen sich dadurch nicht erklären. Und zur Erinnerung: Die großen Zelte zahlen heuer teils weniger, nämlich 38, 21 Euro pro Quadratmeter Zeltfläche …

Wenn man die Zahl der Sitzplätze mit einbezieht, dann werden die Unterschiede noch deutlicher: So zahlte beispielsweise die Hühner- und Entenbraterei Ammer dem Revisionsbericht zufolge 2011 umgerechnet ein Platzgeld pro Person und Tag von 1,64 Euro (insgesamt 25 100 Euro). Bei der Münchner Knödelei dagegen liegt das Platzgeld bei 5,82 Euro pro Person und Tag (insgesamt 29 700 Euro) – das macht über vier Euro Differenz! Weitere Preise von 2011: Hühnerbrateri zum Stiftl 3,04 Euro pro Gast und Tag (insgesamt 18 870 Euro), Kalbskuchl 4,31 Euro pro Person und Tag (22 000 Euro insgesamt), Bodos Backstube 1,81 Euro pro Gast und Tag (13 850 Euro), Café Kaiserschmarrn 2,35 Euro pro Gast und Tag (insgesamt 14 600 Euro) und die Wildstubn 4,18 Euro pro Person und Tag (insgesamt 19 200 Euro).

Die Oide Wiesn

Sowohl das Festzelt Tradition als auch das Herzkasperlzelt werden als Festhallen gewertet. Ihre Standmiete berechnet sich genauso wie die der großen Zelte auf der normalen Wiesn. Auch die Standgelder der Wurf- und Spielbuden werden wie die Geschäfte nebenan behandelt. Eine Besonderheit gib hier aber: Die Fahr- und Belustigungsgeschäfte zahlen gar keine Standgebühr – dafür dürfen sie von den Besuchern nur je einen Euro verlangen.

Sie zahlen keine Miete

Sie gehören zu den wenigen, die keine Platzmiete zahlen: Lothar Hörmann (60) und Sohn Mike (38) sind das erste Mal mit ihrem Historischen Holzriesenrad auf der Oidn Wiesn. Hier verlangen sie statt sonst drei nur einen Euro pro Fahrt. „Das ist fair– so ist die Wiesn für jeden erschwinglich“, sagt Mike. „Wir hoffen auf Masse.“ An die Stadt zahlen sie nur einen dreistelligen Obolus.

Weitere Standl

Hätten Sie gedacht, dass selbst die Miete für Geldautomaten unterschiedlich hoch ist? Nach tz-Rechnung liegt sie heuer zwischen 1120,96 und 2389,96 Euro für die gesamte Wiesn. Ein Tabakstandl zahlt nach der Länge der Front­meter: pro Meter heuer zwischen 216,79 Euro und 237,40 Euro. Ein Souvenirstandl blättert heuer 209,86 Euro pro Frontmeter hin, ein Fotograf zwischen 78,87 und 147,33 Euro pro Meter – ein große Spanne.

Städtische Standl

Insgesamt 79 Holz-und 74 Brezn-Standl gehören der Stadt. Die Holzstandl stehen in der Wirtsbudenstraße und bieten Feinkost an. Über die Mietkosten für die Betreiber schweigt die Stadt. Auch sie mussten eine Steigerung der Mietkosten zwischen 2010 und 2013 um je zehn Prozent hinnehmen. Die Breznstandl (an den Haupt- und Seiteneingängen der großen Zelte) werden an bedürftige, meist ältere Münchner vergeben, die sich mit dem Verkauf etwas dazu verdienen können. Laut Wirtschaftsreferat zahlen diese Verkäufer einen „geringen Betrag“.

Das sagen die Wirte

Die Mietpreise sind angemessen. Viele denken, dass die Wirte mit der Wiesn reich werden. Klar, wir sind Geschäftsleute – aber wir arbeiten das ganze Jahr hart dafür.

Georg Heide (Bräurosl)

Die Standmiete ist in Ordnung. Natürlich lohnt sich die Wiesn für uns Wirte. Aber es geht nicht nur um Geld: Auf der Wiesn zu sein, ist der Olymp eines Wirts.

Ricky Steinberg (Hofbräuzelt)

Die Wiesn ist für viele Wirte eine Möglichkeit, Verluste über das Jahr auszugleichen – so hab ich das damals auch mit dem Unionsbräu gemacht. Außerdem kommen noch viele Kosten dazu. Allein der Aufbau kostet pro Zelt bis zu zwei Millionen Euro.

Wiggerl Hagn (Löwenbräuzelt)

Schießbuden und Fahrgeschäfte

Für die Schausteller gibt es die unterschiedlichsten Standgeldberechnungen – mal nach Frontmetern, mal nach diversen Fixbeträgen fürs gesamte Fahrgeschäft. Laut unserer Berechnung sehen die Mieten heuer für die gesamte Zeit wie folgt aus:

Geisterbahnen 398,15 Euro pro Frontmeter, Kettenflieger zwischen 2939,87 und 8016,55 Euro, ein Riesenrad zwischen 2442, 84 und 29 715,91 Euro, Rutschbahnen zwischen 7317,94 und 11 230,71 Euro, Wildwasserbahnen zwischen 11 632,56 und 32 782,68 Euro. Schieß­buden legen 190,35 Euro pro Frontmeter hin, Wurf- und 185,06 Euro pro Frontmeter.

Ein Kasperltheater zahlt insgesamt 121,61 Euro, ein Kinderkarussell gesamt 1311,30 Euro, eine Kinderschaukel 36,60 Euro pro Frontmeter. Ein Hau den Lukas! zahlt gesamt 712,76 Euro und der Vogelpfeifer 296,10 Euro.

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Bei den Hochfahrgeschäften ist die Spanne immens: Sie zahlen heuer nach unserer Rechnung zwischen 12 003,88 und 47 717,56 Euro. Das Revisionsamt führt drei konkrete Preise für 2011 an:

So hat die Achterbahn Fünfer-Looping mit 86,54 Frontmetern 39 841,20 Euro Platzgeld bezahlt, der Break­dancer (Durchmesser 20 Meter) 11 900 Euro und das Top Spin (21 Frontmeter) 11 260 Euro. Eine beliebige Wurfbude mit 4,5 Frontmetern zahlt 790 Euro.

Bei den Schaustellern sind feste Standplätze besonders wichtig. Ihre Geschäfte rotieren für gewöhnlich auf dem Gelände herum, die Besucher finden so manches Lieblingsgeschäft so im folgenden Jahr nur schwer. Wer es schafft, einen festen Platz zu ergattern, zahlt deshalb einen Topzuschlag von 20 Prozent. Ein ganz bekanntes Beispiel ist das Toboggan-Geschäft: Die Rutsche mit seinem bekannten Rollband steht nun schon seit 1987 gleich am Wiesn­eingang, wenn man vom Goetheplatz kommt.

Sind keine Millionäre

„Wir sind keine Millionäre, wir sind ganz normale Kaufleute!“, sagt Hanneliese Lindner vom Autoscooter Lindner. „Zumindest bei den Schaustellern ist die Miete absolut angemessen. „Wir sind ja aufs Wetter angewiesen!“ Eines findet sie aber nicht ganz gerecht: „Wir verlangen wenig Eintritt, aber zahlen viel Platzgeld – wegen der großen Fläche von 32 mal 18 Meter …“

Gastrostandl & Ausschank:

Wurst-Standl zahlen zwischen 319 und 594,32 pro Frontmeter für die Wiesn 2013, wenn man die Daten des Revisionsamtes zugrunde legt, diese auf 16 Tage umrechnet und die Erhöhung miteinberechnet. Fischstandl hingegen haben einen einheitlichen Preis: 568,94 Euro pro Frontmeter. Stehcafés zahlen zwischen 203,04 und 322,54 Euro pro Frontmeter, Stehausschank wie etwa Schnapsstandl zwischen 9327,20 und 10 543,33 Euro für die gesamte Fläche. Die Mietpreise in diesem Bereich wurden 2012 vom Revisionsamt als zu niedrig kritisiert: Denn, so rechnet das Amt vor, wenn ein Bratwurst-Standl 100 Euro pro Tag zahlt, dann muss er nur 25 Würstl á vier Euro verkaufen, um die Miete wieder drin zu haben. Ein Mandelstand mit 66 Euro Standgeld pro Tag schafft dies nach 22 verkauften Packungen gebrannter Mandeln für drei Euro.

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Kleine Bierausschankbetriebe sollten 2011 eigentlich einheitlich 39,96 Euro pro Quadratmeter zahlen. Der Bericht des Revisionsamtes aber deckte ein Kuriosum auf: Der Biergarten mit Weißbierkarussell am Familienplatzl mit 504 Quadratmetern zahlte demnach 2011 10 070 Euro – genauso viel wie ein nur halb so großes Weißbierkarussell (252 qm)! Grund: Im Familienplatzl dürfen die Besucher Essen und Getränke mitnehmen, außerdem muss der Betreiber Einrichtungen wie eine Kinderwagengarage selbst kostenlos bereitstellen.

nba/cmy/dac/ff

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