Jeder hört's auf dem Weg zum Oktoberfest 2016

Das ist DIE Stimme vom U-Bahnhof "Theresienwiese"

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„Die U-Bahn ist kein Adventskalender, bei uns öffnen Sie bitte alle 18 Türen gleichzeitig“: Solche Sprüche sind das Markenzeichen von Norbert Grünleitner, dem Chef der Wiesn-U-Bahn. 

München - Norbert Grünleitner ist der Boss der Unterwelt: Er ist Chef der U-Bahn-Stationen rund um die Wiesn. Jeder, der am Halt „Theresienwiese“ aussteigt, um aufs Oktoberfest zu gehen, kennt seine Stimme – und seine Sprüche.

Oktoberfest 1994, die 161. Wiesn. Damals, als das Bier noch etwa zehn Mark statt Euro kostete, saß Norbert Grünleitner am Steuer seiner U-Bahn, die in die Station Theresienwiese einfuhr. In die Oktoberfeststation. Frauen in Dirndl, Männer in Lederhosen standen am Bahngleis und warteten darauf, dass Norbert Grünleitners Zug sie heim bringt. Und der, damals 28 Jahre alt, saß in seinem Fahrerhäuschen. Sah diese Leute, wahrscheinlich ein bisschen torkelnd, müde, schwitzend, lachend, und dachte sich: „Bei der nächsten Wiesn bin ich dabei.“ Dabei sein, damit meint er mittendrin sein, unter den Leuten. Da, wo was los ist.

Oktoberfest 2016, die 183. Wiesn: Norbert Grünleitner hat es wahr gemacht. Er ist mitten im Wiesn-Gewusel – als Zuhörer, als Tröster, als Witzereißer, als Beschützer. Als Stimme. Seit 20 Jahren arbeitet er für die Sicherheit an den U-Bahn-Stationen rund um’s Oktoberfest. Während der zwei Wochen ist er Einsatzleiter für die U4- und U5- Strecke sowie alle Stationen nahe der Wiesn. Das heißt, er ist verantwortlich dafür, die Besucher zu manövrieren: zur Wiesn, zurück, zur Wiesn, zurück. 3,7 Millionen Wiesn-Gäste transportierte die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) im vergangenen Jahr. So schnell wie möglich und sicher. Und: Wenn Norbert Grünleitner dabei ist, auch mit Witz. Seit 13 Jahren ist er jetzt Boss der Unterwelt. Wenn es nach ihm geht, bleibt das auch die nächsten 20 Jahre so.

Norbert Grünleitner: 48, Schnurrbart, eine neonorangefarbene Weste über der dunkelblauen MVG-Jacke. Er hat eines dieser ansteckenden Lachen im Gesicht und einen Funkstöpsel im Ohr. So steht er während der Wiesn unter der Wiesn, an der U-Bahn-Station Theresienwiese, seiner Stammstation an 12 von 16 Fest-Tagen. Meistens in seiner Sprecherkabine auf der Mitte des Bahnsteigs. Einen Meter über den anderen steht er dann, hinter Glas, mit dem Mikro in der Hand, auf seiner kleinen Bühne. Praktisch jeder Wiesn-Besucher, der über den Halt „Theresienwiese“ fährt, kennt seine Sprüche.

Oktoberfest 2016: Die Menschen sind begeistert von dem Mann hinter dem Glas

Mit denen sorgt er dafür, dass die Menschen die gesamten Sitz- und Stehplätze in den U-Bahnen nutzen und sicher einsteigen: „Die U-Bahn ist kein Adventskalender, bei uns öffnen Sie bitte alle 18 Türen gleichzeitig.“ – „Kein Drängeln, kommen Sie einfach zu mir in die Mitte, hier gibt’s die schönsten Dirndln und feschesten Burschn.“ – „Es sind nur 60 Schritte vom Bahnsteig-Ende bis zur Bahnsteig-Mitte, wo ganz viel Platz ist. Nach der dritten Mass sind’s dann 80 Schritte.“

Tausende Wiesn-Gäste sieht Grünleitner vorüberziehen.

Die Menschen sind begeistert von dem Mann hinter Glas, der so lustige Sachen sagt. Das rufen sie ihm auch zu. Es ist nicht so, dass Grünleitner sie hinter dem Glas verstehen würde. Aber er macht mit: nicken, antworten, lachen. Die Leute winken ihm dafür euphorisch zu, reißen ihre Arme in die Höhe, um den Witz zu ehren. Mandeln gibt’s auch mal geschenkt.

Der Stöpsel in seinem Ohr und die Bildschirme vor ihm verraten Grünleitner derweil, was an den anderen Wiesn-Stationen los ist, am Hauptbahnhof oder Goetheplatz. 6000 Fahrten zusätzlich legen die Bahnen und Busse während der Wiesn zurück. Allein in die Station Theresienwiese fährt alle drei Minuten eine U-Bahn ein: ein 120 Meter langer Zug mit 18 Türen und 3000 PS. 1000 Menschen passen rein. Bis zu 75 Mitarbeiter der MVG sorgen dafür, dass die Gäste geordnet und sicher vom Fleck kommen. Und diese 75 koordiniert Norbert Grünleitner.

Was ist das für einer, der so viel Verantwortung trägt und trotzdem Witze macht? Der die Wiesn liebt und trotzdem bereit ist, dort zu arbeiten statt zu feiern? Der zwei Wochen im Jahr von Mass-getränkten Menschen umgeben ist und doch davon spricht, wie großartig sein Job ist? Eigentlich war Grünleitner mal Kfz-Mechaniker, erst seit 1992 ist er bei der MVG. Er machte Nachtschichten als U-Bahn-Fahrer und fuhr danach zum Beispiel vom grell beleuchteten Sendlinger Tor zu seiner Familie nach Ebersberg, wo die Bewohner schon lange schliefen. Er lebt da gern, zur Erholung. Aber er hat auch gemerkt: Er will da arbeiten, wo mehr los ist.

Oktoberfest 2016: Einmal Lächeln für das Selfie, bitte

Begonnen hat Norbert Grünleitners Sicherheits-Laufbahn als Aufpasser an den U-Bahn-Türen. An der Theresienwiese war das immer die dritte Tür von hinten. Dort, wo die Treppen vom Haupteingang enden, ist am meisten los, dort wollte Grünleitner hin. Es ist eine der Türen, durch die die Menschen noch kurz vor Abfahrt springen wollen. Grünleitner und sein Kollege haben sie zurückgehalten. Und sich auch sonst um die Gäste gekümmert: Gab es Streit zwischen Eheleuten, ließ er sie in zwei verschiedenen Türen einsteigen. Hatte ein Mädchen Liebeskummer, sagte er: Andere Mütter haben auch schöne Söhne.

Die Wiesn-Besucher berät er auch als Einsatzstellenleiter: Wenn er nicht in seiner Sprecherkabine steht, dreht er Kontrollrunden: an den anderen Stationen, unter der Theresienwiese, oben an der Theresienwiese, wo seine Kollegen die Massen im Auge behalten.

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Wenn er oben zwischen den Wiesngästen steht, ist er in seiner Weste ein fester Anker für verlorene Wiesn-Besucher: Toilette? Arabellapark? Fahrscheinautomat? Einmal Lächeln für das Selfie, bitte. Wo andere von anstrengenden Menschenmassen reden würden – grölend, betrunken, nervtötend – sieht Grünleitner Menschen, die Spaß haben. Und mit denen er Spaß haben kann.

Ein Mann, mit erhobenem Zeigefinger, zu Grünleitner: „Du siehst aus, als ob du für die MVG arbeitest.“ Grünleitner, mit einem Lächeln, das bis zu den Augen geht: „Und du siehst aus, als ob du von der Wiesn kommst.“ Blicke, Lachen, ein Handschlag. Der Besucher sagt: „Das gibt einen Punkt für uns beide. Ihr seid der Hammer.“ Und Grünleitner erklärt dann später: „Genau das ist es doch, was Spaß macht.“ Dass der andere Herr betrunken war, ist Grünleitner egal. Der Mann sei ehrlich gewesen, direkt und nett. „Genau so soll es doch sein.“

Es gab sogar schon ein U-Bahn-Baby an der Station Theresienwiese

Aber am liebsten arbeitet Grünleitner unten an der Station. Weil es wärmer ist. Der U-Bahn-Geruch macht ihm nichts aus. Was angesichts der Bier-Wein-Steckerlfisch-Fahnen bemerkenswert ist. Vielleicht ist er abgehärtet, vielleicht liebt er einfach das Oktoberfest.

Von 14 Uhr an ist Grünleitner jeden Tag an der Theresienwiese, für zehn Stunden. Gegen 22.30 Uhr, wenn in den Festzelten die letzte Runde ausgeschrien wird, beginnt für ihn der Hochbetrieb. Dann strömen Tausende die Treppe zur Theresienwiese-Station hinunter: sich am Geländer festhaltend und trotzdem stolpernd, lachend, schreiend, singend der U-Bahn entgegen. Norbert Grünleitner steht dann am Ende der Treppe, rechts, hinter der Absperrung, zwischen Menschen und U-Bahn. In der Hand hält er einen Schalter, viereckig grau, eine Fernbedienung mit einer roten und einer grünen Lampe. Grün heißt, die Leute dürfen kommen. Stauen sich unten die Massen, schaltet Grünleitner das rote Licht an. Das leuchtet auch bei seinen Kollegen an der Oberfläche auf. Die machen dann die Tore zu, die Menschen müssen erstmal draußen warten.

Wenn andere denken würden, der U-Bahnhof ist proppenvoll, sagt Grünleitner, es ist nicht viel los. Viel los, das ist für ihn am zweiten Wiesn-Wochenende, also das, das hinter uns liegt. Dann lässt er den Haupteingang bis zu 15 Mal sperren. Egal, wie viele dann draußen stehen, egal, ob es regnet oder nicht. Lieber einmal zu oft zugesperrt, als einmal zu wenig, findet Grünleitner. Pragmatisch und ruhig sagt er das.

Bis jetzt hat es immer geklappt mit der Ordnung: Noch nie ist jemand zu Schaden gekommen oder ist etwas anderes Schlimmes passiert. Nur an ein Erlebnis erinnert sich Grünleitner, bei dem es brenzlig wurde: Eine hochschwangere Frau ging die Treppe hinunter, da setzten bei ihr die Wehen ein. Grünleitner rief den Notarzt und schirmte die Frau mit einer Kette aus Mitarbeitern ab. Der Arzt traf rechtzeitig ein, das Baby kam im Krankenhaus zur Welt. Auch in diesem Moment hat Grünleitner funktioniert. Er handelt pragmatisch und ruhig, die ganze Zeit. Egal, wie laut und durcheinander es um ihn herum zugeht. So muss man wohl sein, wenn man derjenige ist, der für Ordnung sorgt.

Er freut sich jedes Jahr auf das Oktoberfest

Grünleitner scheint wie gemacht für diesen Job: Wenn er den Menschen die Sicherheit gibt, ohne ihnen den Spaß zu nehmen. Wenn er trotz seiner Verantwortung Zeit für deren Fragen und Fotos hat. Wenn ihm auch nach 20 Jahren die Betrunkenen nicht auf die Nerven gehen. Und wenn er sich, obwohl das ja seine Arbeit ist, trotzdem jedes Jahr auf die Wiesn freut. Und sogar einen seiner zwei freien Tage dort verbringt – als Gast.

So richtig zugeben will er das nicht, dass er einfach gut ist, in dem was er tut. Aber wenn er abends nach Hause kommt und überlegt, wie viele Menschen an diesem Tag von der U-Bahn bewegt wurden, denkt Norbert Grünleitner: Wow, da warst du dabei.

Flohflüsterer und Schaukelbursch: skurrile Wiesn-Jobs

Valerie Schönian

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