2110: Die Wiesn der Zukunft

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Ob die Wiesn im Jahr 2110 noch so aussieht wie heute?

München - Ab in die Zukunft: Wie geht es weiter mit dem größten Volksfest der Welt? Der Zukunftsforscher Dr. Ulrich Reinhardt wagt mit uns einen Blick auf die Wiesn in 100 Jahren.

Gepolsterte und gewärmte Bierbänke, cholesterinfreie Schweinswürstl oder pürierte Kalbshaxe? Dazu ein 0,2-Liter-Glas gestauchtes Bier? Oder doch eine Runde im gezwirbelten Achterlooping, bevor es im aus Lkw-Planen recycelten Dirndl zum Scanner-Eingang des aufblasbaren neuen 20. Wiesn-Zeltes geht? Sieht so das Oktoberfest in 100 Jahren aus? „Nein!“, sagt Dr. Ulrich Reinhardt, Geschäftsführer der Stiftung für Zukunftsfragen, eine Initiative von British American Tobacco Hamburg. Der Wissenschaftler beruhigt: „Das Oktoberfest wird auch in vielen, vielen Jahren eine ganz besondere Welt mit ihrem in über zwei Jahrhunderten gewachsenen Charme sein.“ Und: „Auf der Wiesn gibt es eher eine Renaissance als einen Trend zu immer höher, schneller, wilder.“

Die demografische Entwicklung werde sich natürlich auch auf das Oktoberfest auswirken. Die Menschen sind im Durchschnitt älter. Es gibt mehr Singles, weniger Kinder und Enkel. Den Familientag werde es vielleicht in seiner heutigen Form nicht mehr geben, das einmalige Gemeinschaftsgefühl auf dem Oktoberfest dagegen schon. „Gerade wenn die Menschen einsamer werden, suchen sie nach Möglichkeiten, mit anderen etwas gemeinsam zu erleben. Dafür ist das Oktoberfest doch prädestiniert.“ Alleine hingehen, zusammen feiern. „Außerdem haben die Besucher auch noch etwas zu erzählen. Früher hat man von der Familie oder den gemeinsamen Urlauben berichtet. Heute sind Events und Erlebnisse das Thema. Das wird sich weiter in diese Richtung verändern“, so Dr. Reinhardt.

Vor allem werde sich die Schaustellerei verändern. „Ich kann mir gut vorstellen, dass Veranstaltungen wie das Feuerwerk, der Trachten- und Schützenfestzug oder das Standkonzert immer größer und schöner werden. Perfektionismus ist hier das Wort der Zukunft.“ Daneben werde es vermutlich einen Trend zur passiven Belustigung geben unter dem Motto „Brot und Spiele“. „Fingierte Boxkämpfe beispielsweise, Shows wie der Schichtl oder die Revue der Illusionen werden wieder mehr zu sehen sein.“

Kommen die Besucher auch noch in 50 Jahren in Dirndl und Lederhosen? „Davon bin ich überzeugt, denn die Tracht ist inzwischen ein wesentliches Merkmal des Oktoberfestes und wird immer wichtiger. Die Leute haben was zu schauen, stramme Waden, schöne Dekolletés ...“ Auch wenn die Besucher immer älter werden? „Ja, die Jungen sieht man doch trotzdem gerne an.“ Außerdem gebe es ja auch altersgemäße Tracht. „Dirndl und Lederhosen sind einfach identifikationsstiftend in dieser Traumwelt Wiesn.“

Eine leise, beschauliche und gemütliche Angelegenheit wird das Oktoberfest wohl auch in 50 Jahren nicht sein. „Die gelöste bierselige Stimmung gab’s schon vor 200 Jahren, und die hält sich auch. Sie macht die Wiesn unter anderem so besonders.“ Die Musik werde sich weiterentwickeln, vermutlich eher lauter sein. „Ältere Menschen hören nicht mehr so gut.“ Auch die Speisekarten könnten sich verändern. „Die Besucher essen mehr Würstl als Haxe, oder mehr Knödel und Kraut, aber das war’s auch schon.“ Mehr Bierzelte werde es nicht geben, denn „nur, wenn dieses Fest im Kern so bleibt, wie es ist, wird es weiter diese magische Anziehung haben. Dieses kleine Stück vom Glück wollen die Menschen so, wie sie es kennen.“ Auch mit teils geschlossenen Zelttüren. „Für diese Art Oktoberfest werden sie auch steigende Preise bezahlen, lieber aufs neue Auto oder den Urlaub verzichten.“

Sorge, dass das Oktoberfest einmal stirbt, weil es immer zu gleich ist, hat Reinhardt nicht. „Die Wiesn ist so einzigartig, das kann ich mir nicht vorstellen.“ Entscheidend für den dauerhaften Erfolg sei gerade, dass manche Dinge nicht verändert werden dürften.

Die Wiesn 2110

Essen

Schmankerl auf der Wiesn – das werden neben dem Hendl vor allem gut verträgliche Speisen sein. Würstl statt Haxe beispielsweise. Auch Knödel oder Gerichte, die einfach zu essen sind, werden ein Comeback erleben. An den Standl wird der aktuelle Zeitgeschmack bedient werden, mit Sushi oder Ähnlichem.

Mode

Tracht bleibt Trumpf. Ihre Bedeutung wird in der Zukunft sogar weiter zunehmen, denn zu einer perfekten Traumwelt gehört auch die perfekte Ausstattung. Damit auch wirklich jeder in Dirndl oder Lederhosn auf die Wiesn kann, wird es künftig immer mehr Verleihstationen für das richtige Wiesn-Outfit geben: Rent a Dirndl direkt vor Ort.

Musik

Wiesn-Hits werden auch in 100 Jahren auf dem Oktoberfest gesungen. Vielleicht muss die Lautstärkengrenze abgeschafft werden, da ältere Menschen tendenziell nicht mehr so gut hören und die Musik daher lauter werden könnte. Es wird weiter Stimmungslieder geben. Denn ohne Stimmung wäre die Wiesn doch nur halb so schön.

Liebe

Bussi hier, Bussi da - auf der Wiesn 2110 wird gebusselt und gebusselt und gebusselt und ... Denn die Menschen haben kaum mehr Möglichkeiten, sich außerhalb ihrer virtuellen Welt kennenzulernen. So gewinnen Ereignisse wie das Oktoberfest immer mehr an Bedeutung, bei denen die Menschen real gemeinsam Spaß haben können.

Getränke

Bier und Wein oder Kaffee und Tee? Keine Sorge, im Jahr 2110 wird es weiter das eigens gebraute Wiesn-Bier geben. Vielleicht wird neben der Mass auch eine kleinere Maßeinheit angeboten. Die Halbe auf der Wiesn – was es zum Teil schon in den kleineren Zelten gibt, müssen dann auch die Großen auf die Karte setzen. Na, dann Prost!

Fahrgeschäfte

Karussell und Achterbahn werden in der Zukunft nicht jedes Jahr schneller, wilder, toller. Attraktionen wie Festzüge und Feuerwerk gewinnen an Bedeutung. Unterhaltung, die die Menschen auch passiv konsumieren können. Aber auch die historischen Fahrgeschäfte werden in ferner Zukunft noch ihren Platz auf der Wiesn haben.

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