Kiesl beim Anzapfen durcheinander: „Obatzt is!“

Erich Kiesl: 1978 vergaß er "Ozapft is" zu verkünden.

München - Als 1978 Erich Kiesl die Anzapf-Herrschaft auf dem Oktoberfest übernahm, gab’s mit „Propeller-Erich“ viel zu lachen. Und auch drei Jahre später brachte er das Schottenhamel-Zelt zum Brüllen.

Seinen Spitznamen hatte Erich Kiesl aus seiner Zeit als Staatssekretär mit Vorliebe für schnelle Hubschrauberflüge, aber auch auf der Wiesn war er sehr fix, und er schien die überirdische Fähigkeit zu haben, an mehreren Orten gleichzeitig anwesend zu sein.

Kiesl war der erste Oberbürgermeister, der scheinbar in mehreren Bierzelten zur selben Zeit dirigieren konnte, so empfanden es jedenfalls alle Kameraleute und Fotografen, weil sie gar nicht so schnell rennen konnten, wie Kiesl schon im nächsten Zelt auf dem Podium stand und den Taktstock schwang. Am Oktoberfest-Eröffnungstag 1978 war er aber tatsächlich nur in einer einzigen Person vorhanden, und zwar in der Anzapfbox. Das wiederum hätten zwei Kellnerinnen fast nicht überlebt: Noch nach Jahren zeigten sie ihre Knutschflecken, die ihnen der OB 1978 überfallartig verpasst hatte. „I hab Sie net g’wählt!“, schrie ihn eine an. „I mog d’ Leit, und d’ Leit mögn mi“, antwortete Kiesl und umarmte schon die nächste. Kein Oberbürgermeister hat so viele Kellnerinnen abgebusselt wie der Erich Kiesl.

Anzapfen ohne „Ozapft is!“

Vier Schläge brauchte er beim ersten Mal, und zum dabei entstandenen Bierfußbad meinte er nur: „Da Strauß hat g’sagt, wer Staub aufwirbelt, darf auch spritzen!“ Da Strauß war aber gar nicht da, sondern der noch amtierende Landesvater Alfons Goppel, der wie alle anderen Anzapf-Promis erst fragend in die Runde blickte und dann nach einigem Zögern sich den ersten Schluck genehmigte, denn den alle erlösenden Zauberspruch „Ozapft is!“ hatte Kiesl ganz einfach vergessen.

Bilder aus 200 Jahren Wiesn-Geschichte

Bilder aus 200 Jahren Wiesn-Geschichte

Die 1. Mass im „Dienstvertrag“ von Strauß

Im Jahr seiner Kanzlerkandidatur 1980 war für Franz Josef Strauß das Anzapfen natürlich ein Muss-Termin, und dabei entstand die bis heute unausrottbare Legende, dass beim Anzapfen der Ministerpräsident die erste Wiesn-Mass bekommt.

Strauß setzte sie nämlich beim Anzapfen 1980 selbst in die Welt, indem er Michael Stiegler ins BR-Mikrofon sagte: „Alle Dienstboten haben einen Vertrag, da ist genau geregelt, was sie kriegen. In meinem Dienstvertrag habe ich vor Amtsantritt darauf bestanden, dass ich die erste Mass krieg’, die der OB anzapft.“ Kiesl folgte Strauß aufs Wort, reichte ihm den Krug – und so entstand das Märchen, dass der Ministerpräsident traditionell die erste Wiesn-Mass bekommt!

„Obatzt is!“

Im Jahr darauf, 1981, machte es Franz Josef Strauß ein höllisches Vergnügen, den Oberanzapfer bei dieser wichtigen Amtshandlung durcheinander zu bringen. Während Kiesl hinter dem Rücken von FJS für die Fotografen mit dem Schlegel so ausholte, als würde er den großen Vorsitzenden k.o. schlagen, frozzelte Strauß ins Mikro: „Wie ich gehört habe, bereitet sich der Erich jetzt im zweiten Bildungsgang als Anzapfer vor!“ „Ja ja, is scho recht“, knurrte Kiesl und zapfte mit drei wuchtigen Schlägen an. Und damit’s nicht wieder heißt, er vergisst das Wichtigste, schrie er aus Leibeskräften: „O’batzt is!“ – und das Schottenhamelzelt brüllte vor Lachen. Bei so viel Applaus und Gelächter schaute Kiesl ziemlich irritiert im Kreis herum. Michael Stiegler ging vor Lachen in die Knie und konnte nur noch von Kiesl abgewandt seinen Hörern erklären, was gerade passiert ist: Zum ersten Mal wurde das Oktoberfest offiziell „obatzt“!

Heinz Gebhardt

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