Erster Wiesn-Einzug war „grober Unfug“

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Kein „grober Unfug“ mehr: Kellnerinnen beim Wirte-Einzug heute.

München - Würde der „traditionelle Einzug der Wiesnwirte“ wirklich „traditionell“ ablaufen, dann müsste die Polizei jeden Einzug sofort stoppen und die Wirte wegen groben Unfugs anzeigen.

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So geschehen 1887, als Hans Steyrer ( 1848–1906), beliebter Wirt des Wirtshauses Zum bayerischen Herkules, ein Bierzelt auf dem Oktoberfest bekam. Darüber freute er sich so sehr, dass er mitsamt seinen Kellnerinnen und Schankburschen im Vierspänner und weiteren sieben festlich hergerichteten Zweispännern von Giesing aus quer durch die Stadt auf die Wiesn fahren wollte. Allen voran eine zünftige Kapelle, damit auch jeder hört: Der „Bayerische Herkules“ ist jetzt Wiesnwirt! Als der lautstarke Festzug im Tal angekommen war, wollte sich der Steyrer im Weißbräu mit einer Stehmaß auffrischen. Doch die Polizei stoppte den ungenehmigten Umzug. Wegen „groben Unfugs“ und „Störung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit“ folgte eine saftige Geldstrafe, was die Popularität des Bayrischen Herkules bei den Münchnern nur noch erhöhte.

Bilder aus 200 Jahren Wiesn-Geschichte

Bilder aus 200 Jahren Wiesn-Geschichte

Mit Strafbefehl die Wiesn erreicht

Der Steyrer Hans (1848–1906)

Im Jahr darauf, 1888, hatte das Auge des Gesetzes schon vorher Wind davon bekommen, dass der Steyer wieder einen Festzug plane – und schickte ihm schon Tage vor Wiesnbeginn ein schriftliches Verbot, diesen Unsinn noch einmal zu wiederholen. Bei Androhung der gleichen Strafe, versteht sich. Aber ein echter Wiesnwirt weiß, dass man sich nicht alles gefallen lassen muss. Und der „grobe Unfug“ zog wieder mit einer Blaskapelle durch die Stadt. Diesmal ließ er sich von der Polizei aber nicht aufhalten und bekam dafür gleich in der Kutsche den zweiten Strafbefehl. Dafür hatte er das Oktoberfest erreicht – und der erste Einzug eines Wiesnwirtes war vollbracht! In den 30er-Jahren erinnerte man sich wieder an die originelle Idee des Steyrer Hans, und langsam entwickelte sich daraus der heutige Einzug der Wiesnwirte am Eröffnungstag.

Steyrer hob mit zwei Fingern einen 528-Pfund-Stein

Hans Steyrer wurde am 24. Juni 1849 in Allach geboren, wurde Metzger und heiratet eine reiche Metzgerstochter. Mit dem Vermögen seiner Frau eröffnete er das Wirtshaus Zum bayrischen Herkules. Unter diesem Namen war er nämlich bekannt für seine unglaubliche Kraft beim Steinheben. „Das Bayernland schaut stolz auf den Mo, der mit oam Finger vier Zentner hebn ko!“, schrieb der Volkssänger Anderl Welsch über den Steyrer Hans. Mit dem Mittelfinger der rechten Hand lupfte dieser einen 528 Pfund schweren Stein, an dem ein Eisenring eingelassen war. Und er bot jedem, der ihm das nachmachen kann, 1000 Mark – aber zahlen musste er nie. Abenteuerlich waren auch die Mengen an Schnupftabak, die er täglich konsumierte; die Größe seiner Schnupftabaksdose schwankt zwischen 43 und 14 Pfund.

Oktoberfest-Kraftbier und Athletenkapelle

Auch auf der Wiesn wollte er mit Steinen und Hanteln die Gäste in sein Zelt locken und selbst als Kraftmensch auftreten. Aber das verbot ihm der Stadtrat. In Zeitungsanzeigen bedauerte er umgehend das Verbot mit dem Hinweis: „Kommt’s dafür nach der Wiesn zum Steinheben in meine Wirtschaft Zum bayrischen Herkules!“ – Nicht verbieten konnte man ihm dagegen den Ausschank von seinem „Oktoberfest-Kraftbier“, zu dem eine schwergewichtige „Athletenkapelle“ aufspielte.

„A Oachkatzl g’schnupft!“

Markenzeichen des „bayrischen Herkules“ war sein riesiger Schnurrbart, der weit über München hinaus bekannt war und von dem er selber sagte, er komme daher, weil er einmal „a Oachkatzl g’schnupft“ hat. Das prächtige Barthaar kann man heute noch in einem Bronzerelief auf seinem Grabstein im Ostfriedhof bewundern (Grab Nr. 46-5-12).

Heinz Gebhardt

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