Tracht und Make-up: Wieviel Schminke ist erlaubt?

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Martina Rowold (l.) benutzt kein Make-up. Viktoria Hennrich ist dagegen eine Schminkerin.

Kreuth/Bad Tölz - Es ist eine Glaubensfrage: Darf man sich als Mitglied eines Trachtenvereins zu dem traditionellen Gewand schminken? Wir haben zwei junge Frauen aus Oberbayern gefragt. Die eine lässt sich etwas Farbe im Gesicht nicht nehmen, die andere verzichtet nahezu auf alle „Malerei“.

Martina Rowold (15) aus Kreuth ist seit der dritten Klasse Mitglied im Trachtenverein „D’Hirschbergler“ in Reitrain (Landkreis Miesbach). Für die Schule schminkt sich die Schülerin jeden Tag, Kajal und Wimperntusche gehören für sie einfach dazu. Wenn sie aber mit der Jugendgruppe des Trachtenvereins ausrückt, bleiben Nagellack und dergleichen im Schrank. Nur die eine oder andere Hautunreinheit, die man mit 15 schon mal hat, wird kaschiert. Martina Rowold gehört zum Typ Anti-Schmink-Trachtlerin.

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Auch Viktoria Hennrich aus Bad Tölz ist von Kindesbeinen an im Trachtenverein aktiv: Seit ihrem dritten Lebensjahr ist die 19-Jährige Mitglied beim Volkstrachtenverein Alt-Miesbach München, ebenso ihre Familie. „Ich schminke mich immer, egal ob in Tracht oder in Jeans“, sagt sie. Dafür nimmt sie bei Turnieren mit ihrem Verein auch den einen oder anderen Punktabzug in Kauf. Sie ist bekennende Trachten- Schminkerin.

Zwei Trachtlerinnen, zwei Philosophien. Bleibt die Frage: Darf man das nun oder nicht – zur Tracht Make-up tragen? Alexander Wandinger, Leiter des Trachten-Informationszentrums des Bezirks Oberbayern in Benediktbeuern, weiß, dass das Thema in den Gauen unterschiedlich gehandhabt wird. Die einen sind rigoroser, sagt er, die anderen weniger. Die einen pochen auf natürliche Schönheit, die anderen freuen sich über jedes Mitglied im Verein und tolerieren auch Make-up.

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Franz Zehendmaier, Martinas Opa und Vorsitzender der „Hirschbergler“, lehnt Schminke zur Tracht ab: Er findet es lediglich in Ordnung, „wenn beispielsweise eine sehr blasse Dame a bissl Farbe auflegt“. Aber bunt geschminkte Mädels oder Teilnehmer mit Piercings und Tattoos, lässt er bei Auftritten nicht mitgehen. Er ist überzeugt: „Das passt nicht zur Tracht.“ Zehendmaier weiß, dass die Tracht mit der Mode geht. Aber im Gegensatz dazu habe sich das Schminken in der 103-jährigen Geschichte des Vereins nicht durchgesetzt.

Ganz anders sieht das Wandinger. Er erzählt, dass Bauernmädchen im Oberland um 1840 sich mit dem roten Verpackungspapier von Zichorienkaffee die Wangen gerötet hätten. „Und wenn sie Kajal gehabt hätten, hätten sie den wohl auch benutzt“, erzählt er von den jungen Frauen, die genau das getragen hätten, was man heute als Tracht bezeichnet. Seiner Meinung nach krankt etwas, wenn das alltägliche Leben und das in Tracht soweit auseinander gehen. „Je lebendiger Tracht irgendwo ist, je mehr sie also zum Alltag gehört, desto normaler ist es auch, dass Frauen sich schminken“, sagt er. Und er verweist darauf, dass die Debatte um Schminken oder eben nicht vor den 1930er Jahren verwurzelt und typisch für die Nazi-Zeit ist. „Damals hieß es: ,Die deutsche Frau schminkt sich nicht’. Vorher hat das in diesem Ausmaß niemanden interessiert.“

Viktoria hat bereits so manche Diskussion mit dem Vorstand ihres Vereins in Sachen Make-up geführt – gerade wenn es um Gruppenwertungen bei Auftritten ging. Doch letztlich fand sich dieser mit ihrer Überzeugung ab. Natürlich putzt sich auch die Anti-Schminkerin Martina vor einem Auftritt heraus: Ihre Oma macht ihr aufwändig die Haare. Ohrringe, Kropfkette und eine Blume im Hut gehören dazu – aber bunte Farbe im Gesicht ist verpönt. Viktoria lehnt grelles Make-up zusammen mit Tracht ebenfalls ab. Wenn man sich in Tracht schminkt, müsse das natürlich rüberkommen, Wimperntusche und etwas Puder genügen. Sie ist sicher: „Man hat mir nicht immer angesehen, dass ich geschminkt bin.“

Angela Fuchs

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