Seeadlerflaum und Schaumkrone

Hüte auf der Wiesn: Was die Träger darüber erzählen

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Fesche Oberpfälzerinnen in Miesbacher Gebirgstracht: Denise Feuerer (l.) schmückt ihren Hut mit einem Seeadlerflaum-Imitat, da es echten Flaum vom artengeschützten Seeadler nur noch selten zu kaufen gibt. Martina Herold (Mitte) und Maria Liebl dagegen tragen einen echten Seeadlerflaum. Ihre Hüte sind Erbstücke.

München - Egal ob traditionell, kitschig oder vom Modeschöpfer entworfen: Auf der Wiesn geht heuer fast nichts ohne Hut. Ein jeder hat eine Geschichte. Oktoberfestbesucher haben uns die ihres Huts erzählt.

Der Miespfälzer

Tragen drei Oberpfälzerinnen einen Miesbacher Gebirgstrachtenhut, kommt eine Kopfbedeckung namens Miespfälzer heraus. Oder nicht? „Der Hut bleibt natürlich ein Miesbacher Gebirgstrachtenhut“, sagt Denise Feuerer. Dass die Regensburgerin keine Tracht aus ihrer Heimat trägt, liegt daran, dass sie zum Platteln auf die Oide Wiesn gekommen ist – und eine Tracht zum Platteln gibt’s in der Oberpfalz nicht: „Die Oberpfälzer Volkstracht ist nur zum Tanzen gedacht“, erklärt die 21-Jährige. Ihr Trachtenverein, der Almrausch Stamm Regensburg, pflege beide Traditionen: Das Platteln, wie es im Voralpenland praktiziert wird, sowie die Volkstänze aus der Oberpfalz. Sie sei zufällig in der Plattler-Gruppe gelandet.

Die Miespfälzer, pardon, Miesbacher Hüte, die sie und ihre Freundinnen Maria Liebl (26) und Martina Herold (33) tragen, sind alt: „Wir haben sie von unseren Müttern geerbt“, erzählt Martina Herold. Ihren schmückt ein echter Seeadlerflaum: „Der ist sehr teuer, nicht zuletzt weil der Seeadler unter Artenschutz steht.“ Denise Feuerer trägt deshalb ein Seeadlerflaum-Imitat.

Der Verrückte

Extravagant: Der Mailänder Antonio Amoroso trägt Masskrug samt Schaumkrone.

Italiener gelten als stilsicher, und Antonio Amoroso pflegt einen eigenwilligen Stil. Sein Haupt ziert eine Mass samt Schaumkrone. Mit weiß-blauem Rautenmuster. „Ich habe mir den Hut im Augustinerzelt gekauft“, erzählt der 40-jährige Mailänder. „Er gefällt mir, weil er so verrückt ist. Außerdem mag ich Bier.“ Noch besser gefallen ihm allerdings bayerische Trachtenhüte mit Gamsbart. „Einen solchen hätte ich natürlich bevorzugt. Aber es hat sich dann herausgestellt, dass die wahnsinnig teuer sind. Zu teuer“, sagt der Chemiker.

Das Erbstück

Hans Kleidl kann das bestätigen: „Ein echter Gamsbart kostet je nach Größe zwischen 1000 und 6000 Euro“, erklärt der 59-Jährige. Kein Wunder also, dass er seinen sorgsam pflegt. Ein bis zwei Mal jährlich wasche er ihn behutsam mit Shampoo. Weil sein Gamsbart schon viele Jahre auf dem Buckel hat, kommt er demnächst in die Reparatur zum Gamsbartbinder Jakob Weiß in Ebersberg. Kleidl, der bei der U-Bahn als Verkehrsmeister arbeitet, hat seinen Hut samt Gamsbart von seinem Vater geerbt. Zuweilen wird ihm Angst und Bange um das gute Stück, wenn er damit auf der Wiesn unterwegs ist. Man müsse immer damit rechnen, dass Besoffene den Gamsbart zausen: „Aber ihn daheim zu verwahren, ist auch keine Lösung. Will man seinen Hut zeigen, muss man ihn tragen.“

Die Hubertus-Kappe

Manfred Fleischmann hat diesbezüglich einen Kompromiss gefunden. Er trägt seine sogenannte Hubertus-Kappe im Armbrustschützenzelt – auf dem Weg dorthin bleibt sie in einer Tüte. Fleischmann sorgt sich nämlich um die Adlerfedern, die sie schmücken. Die Hubertuskappe ist Teil des traditionellen Gewands der Schützengilde Winzerer Fähndl, in der Fleischmann seit Jahrzehnten aktiv ist. Der 76-Jährige ist sogar Chef der Gilden-Boxe im Armbrustschützenzelt, weshalb ihn seine Kameraden „Boxenluder“ nennen.

18 Abzeichen schmücken seine Kappe, die er seit 1976 trägt. Fleischmann bekam die Abzeichen unter anderem für seine Verdienste um die Schützengilde. Der sogenannte Franz-Joseph-Orden aus echtem Gold bedeutet ihm am meisten. Schließlich würdigte damit das Oberhaupt der Wittelsbacher, Franz von Bayern, Fleischmanns Ehrenamt in der Schützengilde.

Der Designerhut

Stylisch in Rosa: Julia Modery.

Julia Modery fand ihren rosafarbenen Hut zufällig. Die Journalistin arbeitet für ein Lifestyle-Magazin – und stieß bei der Recherche im Internet auf das Münchner Label „Dekadenza“, das die Hüte nicht nur entwirft, sondern auch herstellt. Eigentlich hatte es der 23-Jährigen ein schwarzer Hut angetan: „Ich mag Rosa nicht besonders. Meistens trage ich Schwarz.“ Ein schwarzes Dirndl war ihr allerdings zu fad, weshalb sie sich für ein pastellfarbenes entschied. „Dazu hat der rosafarbene Hut am besten gepasst“, sagt sie.

Das Modell heißt „Sisi“. Weil seine Form der jenes Hutes entspricht, den die Kaiserin von Österreich beim Reiten getragen hat. Eine Anstecknadel mit dem Konterfei von Sisi ziert Julia Moderys Hut – neben glitzernden Pailetten, einer Feder und weißen Stoffblumen. Freilich war das gute Stück nicht billig. „Aber Trachtenmode ist nun mal teuer, und man trägt sie ja nicht nur ein Jahr.“

Von Bettina Stuhlweißenburg und Andrea Steiler

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