Löwen: Flucht vor Wiesn-Trubel

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Ewald Lienen mag es nicht, wenn Leute „lallend in der Ecke sitzen“ .

München - Es war relativ schnell zu merken, dass sich der Westfale Ewald Lienen bei diesem Thema unsicher fühlt, dass Massenbelustigungen wie das Münchner Oktoberfest nicht sein vertrautes Terrain sind.

Klar, die Lederhose an sich ist ihm schon geläufig, zumindest in der Nicht-Trachten-Version, „die haben wir als Kind häufig getragen“, wirft Lienen ein, „das war in den 50er-Jahren so üblich“. Aber wenn der Löwen-Coach von „den Wiesen“ spricht und fragt: „Wann geht das eigentlich los? Am Samstag?“. Dann ist das doch einigermaßen entlarvend.

Anlass für die Einführung des 55-jährigen Lienen in das bayerische Brauchtum waren nicht nur der nahende Wiesnstart und PR-Termine, die im weitesten Sinne damit zu tun haben (Mittwoch Lederhosen-Einkleidung für die Neulöwen, Donnerstag „Anzapfduell“ im Pschorr mit Benny Lauth und Alexander Ludwig/17 Uhr). Anlass war natürlich die jedes Jahr wiederkehrende Frage an den jeweiligen Löwen-Trainer: Dürfen sich die Spieler während der 16-tägigen Veranstaltung unters Volk mischen und die Bierzelte aufsuchen, oder greift das „Wiesnverbot“, ein besonders bei der Boulevardpresse sehr beliebtes Thema.

Lienen ahnte natürlich, auf was die Fragen herauslaufen, und es war ihm sehr wichtig, „nicht wieder als Moral-Apostel“ dargestellt zu werden. Also, dachte er sich, erzählt er mal ein bisschen, wie das zu seiner Kölner Zeit so war. Selbstverständlich habe er sich damals unters Jeckenvolk gemengt, verriet Lienen, „zu Studienzwecken natürlich“, fügte er im Scherz hinzu, bevor er mit der Annahme auftrumpfte: „Karneval und Oktoberfest, das kann man doch wirklich nicht vergleichen, oder?“ Kann man natürlich doch, und so war Lienen einigermaßen erstaunt zu hören, dass das Bierfest auch eine Großstadt wie München in eine Art Ausnahmezustand zu versetzen vermag.

Lienen, der wusste, was die Presse von einem asketischen Menschen wie ihm hören wollte („Wiesn? Wehe, da erwische ich einen!“), eierte ein wenig um das Thema herum. „Vom Grundsatz her“, hob er an, „ist das doch etwas Positives, wenn Menschen zusammenkommen, gesellig sind und feiern.“ Aber, blitzte seine Aversion gegen jedwede Form von Ungesundem langsam durch: „Man muss ja nicht übers Ziel hinausschießen. Ich muss mich doch nicht betrinken und essen, was mir angeboten wird.“ Generell habe er kein Verständnis dafür, wenn Leute den Sinn von Traditionsfeiern „missbrauchen und sich abschießen. Dann mag das ein gutes Geschäft für die Wirte sein, aber was hat das mit Lebensqualität zu tun, wenn ich lallend in der Ecke sitze?“

Da hat er natürlich Recht, doch wie ist das nun mit seiner Mannschaft: Darf sie oder darf sie nicht? Abgesehen davon, dass der Terminplan mit vier Wiesn-Spielen (drei in der Liga, eins im Pokal) wenig Zeit für fröhliche Umtriebe lässt, sähe es Lienen schon lieber, wenn sich seine Kicker von der sündigen Versuchung fernhielten. Allerdings aus freien Stücken. „Wir sind ’ne Profimannschaft und kein Kegelclub“, erinnert er. „Entscheidend ist nicht, ob man da hingeht, sondern wie man sich verhält.“ Stichwort: Eigenverantwortung. Lienen, und damit war’s raus, wird also kein Wiesnverbot aussprechen, er hofft auf Vernunft.

Was er aber schon überlegt, ist, die Stadt vor Heimspielen zu verlassen wie damals beim FC. „Wenn Weiberfastnacht war, bin ich mit den Kölnern nach Hennef in die Sportschule gegangen“, verrät er. Dass die Wiesnauswüchse auch das Heimspielhotel in Schwabing erfassen, glaubt er zwar nicht („Ich gehe nicht davon aus, dass über das Marriott ein großes Zelt gezogen wird“), aber er will sich noch mal bei „Klubverantwortlichen, die sich da auskennen“, rückversichern und dann gegebenenfalls die Flucht anordnen. „Dann müssen wir halt nach Salzburg vor den Spielen“, sagt er, „darüber werden wir nachdenken.“ Sprach’s, und verabschiedete sich zur Anprobe. „Zur Lederhosen-Revival-Party“, wie er spöttisch anmerkte.

Uli Kellner

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