Das Wiesn-Märchen vom ersten „O’zapft is!“

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Um die Geschichte des Anzapfen kursieren eine Menge Geschichten.

München - Kein Oktoberfest-Termin erregt so viel Aufsehen und wird in alle Welt live übertragen wie das Anzapfen des ersten Bierfasses durch den Oberbürgermeister.

In allen Geschichtsbüchern und Zeitungsarchiven ist zu lesen, wie das nur wenige Sekunden dauernde Ereignis erfunden wurde: Oberbürgermeister Thomas Wimmer spazierte 1950 gemütlich auf die Wiesn, als ihn die Kutsche des Schottenhamel-Wirtes überholte. „Ja, Herr Wimmer, warum gehen’S denn zu Fuß? Steigen’S doch ein!“ Das tat Wimmer auch. Am Schottenhamelzelt angekommen sagte der Wirt: „Und wenn’S scho da sind, dann zapfen’S doch gleich an!“ Was „da Wimma“ auch erfolgreich erledigte. So entstand zufällig das Oktoberfest-Anzapfen. Alles falsch!

So kam es zum ersten Anzapfen

Den Beweis, wie das erste Anzapfen tatsächlich abgelaufen ist, liefert der große Nachkriegsfotograf Rudi Dix, der damals Thomas Wimmer für den Münchner Merkur von Anfang an begleitete und fotografierte. In seinem Nachlass im Stadtarchiv ist ein Negativ-Filmstreifen erhalten, auf dem Bild für Bild zu sehen ist wie und woher Wimmer zum Anzapfen im wahrsten Sinn des Wortes stolperte: Den Hut tief ins Gesicht gezogen, gestützt auf einen Regenschirm klettert er mit grantiger Miene und brennender Zigarre den Abhang hinter dem Schottenhamelzelt hinunter. Oben im Messegelände hatte er um 11 Uhr eine Elektromesse eröffnet und dann hat’s ihm pressiert: Auf dem kürzesten Weg stapfte er den Berg hinunter direkt ins Schottenhamelzelt.

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Erstes Anzapfen war gut geplant

Sofort war er „umringt von Photographen und Kameramännern in einem Wetterleuchten von Blitzlichtern“ wie der Münchner Merkur schrieb – von zufälligem Anzapfen also keine Spur! „Im Schottenhamel lag neben dem ersten Bantzen ein nagelneuer Schlegel und ein funkelnder Messinghahn bereit. Umringt von Münchner Kindln und Photographen band sich Oberbürgermeister Thomas Wimmer schmunzelnd den Schurz um, krempelte die Hemdsärmel auf und zapfte mit ein paar kräftigen Schlägen an. Die erste Mass widmete er dem Oktoberfest und der Stadt München.“ Und wieder muss mit einem Wiesn-Märchen aufgeräumt werden: „Die erste Mass widmete er dem Oktoberfest und der Stadt München“ und nicht „traditionell dem Bayerischen Ministerpräsidenten“, wie jedes Jahr aufs neue falsch geschrieben wird.

Neue Bier-­Hierarchie

Das Sensationelle bei diesem ersten Anzpafen: Wimmer stellte damit die Bier-Hierarchie auf den Kopf. Vor ihm wäre kein Politiker oder Promi auf die Idee gekommen, ein Fass Bier anzuzapfen. Politiker standen in einer Reihe mit den Brauereibesitzern, Bier-Aktionären und Großgastronomen, danach kamen die großen Wirte, und bei deren Personal an unterster Stelle der Schenkkellner. Dass Wimmer die Hemdsärmel hochkrempelte, den Schlegel in die Hand nahm und ein Fass Bier anzapfte hatte 1950 die gleiche Symbolkraft wie er zur selben Zeit die Schaufel packte und beim „Ramadama“, einer von Dr. Felix Buttersack, dem Verleger des Münchner Merkur, erfundenen Leseraktion, den Kriegsschutt wegräumte. Wimmer wollte offenbar damit ein Zeichen setzen, dass sich in diesem Nachkriegselend niemand zu niedrigster Arbeit wie der eines Schenkkellners zu schade sein darf, jetzt musste jeder die Ärmel hochkrempeln und wie er Schutt räumen oder wie ein einfacher Schenkkellner draufhauen. Und damit diese Botschaft alle Münchner erfuhren, waren Wochenschau, Fotografen und die Zeitungen eingeladen, über das symbolkräftige Ereignis zu berichten.

Hofbräubier statt Spatenbier

Wer die Fotos vom ersten Anzapfen genau anschaut, dem können ernsthafte Zweifel aufkommen, ob sich das Ganze wirklich im Schottenhamelzelt abgespielt hat: Alle prosten sich mit Hofbräuhaus-Maßkrügen zu – und das in einem „traditionellen“ Spatenbräu-Zelt? Auch im Jahr darauf, 1951, von Spatenbier keine Spur, Wimmer zapfte zum zweiten Mal ein Hofbräufass an. Wie gibt’s denn das? Der Schottenhamelwirt, immer schon Kunde bei der Spatenbrauerei, konnte sich nicht auf einen für ihn akzeptablen Bierpreis einigen und bezog 1950 und 1951 das Wiesnbier bei der preisgünstigeren Hofbrauerei.

So entstand das Märchen

Der Wimmer Damerl ging tatsächlich einmal zu Fuß zum Anzapfen. Nur kam da nicht zufällig die Schottenhamel-Kutsche daher, sondern sie war ihm 1957 am Treffpunkt davongefahren! Grantig und schwitzend stapfte er dann zum Schottenhamel-Zelt und wieder war es Rudi Dix, der Wimmer dabei begleitete und fotografierte. Da bis heute niemand genauer nachforschte, verklärte sich von Erzählung zu Erzählung der peinliche Fußmarsch zum Anzapfen und die ohne Wimmer fahrende Kutsche zur damals tatsächlich gestellten Frage: „Ja Herr Wimmer, warum gehen’S denn zu Fuß?“ Und wie jedes Märchen ein Happy-End hat, stieg er ein und zapfte an!

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