Teil zwölf der großen Serie

Im Schottenhamel ist die Tradition Trumpf

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Schafkopfen im Zelt: tz-Redakteur Johannes Heininger (l.) kartelte mit den Schottenhamels. Von links: Christian, Thomas und Michael.

Wer auf der Wiesn nach Tradition sucht, muss sich langsam umschauen. Für Christian Schottenhamel ist sie aber mit das Wichtigste. Wir spielten mit dem Wirt eine Runde Schafkopfen.

München - Taktieren, riskieren, kopfrechnen, sich auf den Partner verlassen – bei genauerem Betrachten haben die Welt eines Wiesnwirts und das Schafkopfen viele Gemeinsamkeiten. Wie nach jeder Spielrunde werden auch auf dem Oktoberfest die Karten immer wieder neu gemischt. Das Schafkopfen ist urbayerische Tradition. Die Familie Schottenhamel kann auf eine beachtliche Geschichte zurückblicken. Heuer feiern die Wirte und Cousins Christian (55) und Michael (60) 150 Jahre Wiesn.

Jeder Wiesnwirt braucht zwischen in all der Hektik, die sich jeden Tag auf dem Oktoberfest abspielt, einen Rückzugsort. Entschleunigung lautet das Zauberwort. Während sich einige auf eine gemütliche Couch legen und ein kurzes Schläfchen halten, mit der Familie ratschen oder den nächsten Tag durchplanen, nehmen sich die Schottenhamels Zeit und legen im wahrsten Wortsinn die Karten auf den Tisch. „Das macht frei“, sagt Christian. „Man kommt auf andere Gedanken, ist aber trotzdem gefordert.“

Beim Schafkopfen ist es besonders wichtig, zu wissen, welche Trümpfe noch im Spiel sind und wie viele Punkte man noch erzielen muss. Beides zu beherrschen ist die große Kunst. „Da tu ich mich aber noch schwer“, sagt er. Der 55-Jährige hat das Schafkopfen nämlich erst vor zwei Jahren gelernt. Dafür spielt er jetzt umso häufiger. Schon zwei Mal hat er an einem Schafkopf-Marathon teilgenommen und war dabei sogar schon im Siegerteam. „Über zehn Stunden haben wir da gezockt“, sagt Christian und zeigt seinen goldenen Pokal. „Gott sei Dank hatten wir einen zusätzlichen Mitspieler, damit jeder mal verschnaufen konnte.“

Das Schafkopfen liegt Christian Schottenhamel im Blut. 

Auch mit Wirten anderer großer Zelte trifft sich Schottenhamel zum Schafkopfen, vor allem beim jährlichen Ausflug. Die Anfangszeit in der Schafkopfwelt hat natürlich ihren Preis. „Ich habe schon oft Lehrgeld gezahlt“, gesteht Christian. Große Summen seien dabei aber nicht im Spiel. „Da geht’s um den Spaß, ein kleiner Anreiz darf aber nicht fehlen.“

Lange galt dieses Kartenspiel als vom Aussterben bedroht. Jetzt, so glaubt Christian Schottenhamel, komme das Schafkopfen wieder mehr in Mode. Auch in seinem Zelt würde er gerne mehr Kartenspieler sehen. „Vielleicht verbringen wir dann unsere Pausen nicht im Hinterzimmer, sondern spielen mit ­unseren Gästen“, scherzt Christian.

Deutlich routinierter agiert dagegen Cousin und Wirte-Kollege Michael am Kartentisch. Eine Frotzelei hier, ein überraschendes Ausspiel dort – der 60-Jährige kennt seine Trümpfe und spielt mit Plan. „Ich habe es im Gymnasium gelernt. In der Pause war das immer das Höchste für uns.“

Übrigens: Was ist die Grundvoraussetzung für einen richtigen Wiesnwirt und einen gerissenen Schafkopfspieler? „Das Wichtigste ist das Gscheiddaherreden“, sagt Michael. Dann holt er aus, knallt die Karte auf den Tisch und macht den letzten Stich.

Das Zelt in Kürze

Bierpreis: 10,95 Euro

Brauererei: Spaten

Halbes Hendl: 11,30 Euro

Schmankerl: Gemischtes Wiesn-Reindl mit ein Viertel Ente, Spanferkel und drei Münchner Rostbratwürsten mit Gewürzblaukraut und geriebenem Kartoffelknödel (24,90 Euro).

Günstig essen: wechselndes Mittagsgericht von Montag bis Donnerstag von 11 bis 15 Uhr: Gesottene Rinderbrust mit Meerrettichschaum auf Blattspinat und Salzkartoffeln (11,95), Ein Viertel saftiges Wiesnhendl und ein Viertel knusprige Ente mit Kartoffelknödel (13,95 Euro).

Sitzplätze: 5000 Plätze im Zelt, 3000 im Biergarten

Raucher: Wiedereinlass für bestimmte Bereiche über Einlassbändchen, Raucherbalkon auf der vorderen Galerie.

Musik: Musikkapelle Otto Schwarzfischer unter der Leitung von Christian Sachs.

Die Wirte-Familie

Der Name Schottenhamel steht für die ganz große Wiesntradition. Heuer feiert die Wirtefamilie ein beachtliches Jubiläum. Seit 150 Jahren steht das Zelt der Schottenhamels auf der Theresienwiese. 1867 stellte Schreiner Michael Schottenhamel eine Holzbude auf, heute betreibt die Familie in vierter Generation eine gigantische Bierhalle mit rund 8000 Sitzplätzen. Regie führen die Cousins Christian (55, Foto unten r.) und Michael (60) Schottenhamel. 

Die Familie Schottenhamel vor dem Zelt.

Doch die ganze weitverzweigte Familie hilft mit. Christian Schottenhamel hat Hotelkaufmann gelernt und ist seit 16 Jahren Wirt der Menterschwaige. Der ­Löwenbräukeller geht nach mittlerweile neun Jahren unter seiner Führung bald an die Familie Reinbold, die das Schützenfestzelt auf der Wiesn betreibt. Michael Schottenhamel ist Diplom-Kaufmann und hat nach der Wiesn 2010 die Nachfolge von Bruder Peter Schottenhamel (76) angetreten.

So stemmen wir die Wiesn

Teil 1 der Serie: So bereitet sich die Wirtin vom Löwenbräuzelt auf die Wiesn vor

Teil 2 der Serie: So bereitet sich der Wirt vom Weinzelt auf die Wiesn vor

Teil 3 der Serie: So bereitet sich der Wirt vom Festzelt Tradition auf die Wiesn vor

Teil 4 der Serie: So bereitet sich die Wirtin der Ochsenbraterei auf die Wiesn vor

Teil 5 der Serie: So bereitet sich der Wirt vom Armbrustschützenzelt auf die Wiesn vor

Teil 6 der Serie: Darum sind Hobbys der „Schönheitskönigin“-Wirte hilfreich für Vorbereitung

Teil 7 der Serie: Brüderliche Sportskanonen - Mathias und Ludwig Reinbold vom Schützenfestzelt

Teil 8 der Serie: Der Gipfelstürmer Thomas Vollmer von der Augustiner-Festhalle

Teil 9 der Serie: So bereiten sich die Wirte vom Hofbräuzelt auf die Wiesn vor

Teil 10 der Serie: Gemütlich unterwegs: Dieses Hobby hat Fischer-Vroni-Wirt Stadtmüller

Teil 11 der Serie: So holt Winzerer-Fähndl-Wirt Pongratz Schwung für die Wiesn

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