Julia Beckert über die harte Arbeit im Zelt

Wiesn-Bedienung: Hätte nie gedacht, zu so etwas fähig zu sein

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Julia Beckert schreibt in ihrem zweiten Gastbeitrag "Ich schaue bald zurück auf sechzehn aufregende Tage und bin einfach nur stolz!"

München - Wiesn-Bedienung Julia Beckert hat in ihrem ersten Gastbeitrag darüber geschrieben, wie sie sich auf die harte Arbeit vorbereitet. Jetzt teilt sie höchst interessante Geschichten des Wiesn-Wahnsinns mit uns. 

Um ehrlich zu sein, habe ich den Wiesn-Wahnsinn die ersten paar Jahre genauso genossen, wie manch Australier, der einen Großteil seines Gehalts nur dafür spart, um es auf dem Oktoberfest wieder loszuwerden. Es gab Zeiten, da war ich selbst etwa jeden zweiten Tag auf dem größten Volksfest der Welt. Natürlich hat es mir Spaß gemacht und von der Wiesnstimmung habe ich mich schon immer gerne mitreißen lassen. Wenn man meine Eltern fragen würde, welche Musik ich als Kind gehört habe, würden sie wahrscheinlich lachen und sich daran erinnern, wie ich ständig darauf bestanden habe, dass Blasmusik im Auto läuft. 

Kein Scherz! Der Wiesn-Wahnsinn lag mir wahrscheinlich schon als Kind im Blut.

Und dann ging ich nicht mehr zum Feiern, sondern zum Arbeiten auf die Wiesn

Wie es dann dazu gekommen ist, dass ich plötzlich nicht mehr zum Feiern, sondern zum Arbeiten aufs Oktoberfest gegangen bin, kann ich ehrlich gesagt gar nicht mehr sagen. Irgendwann muss ich wohl aufgeschnappt haben, was so eine Bedienung im Bierzelt verdient. Als Studentin konnte ich das Geld natürlich gut gebrauchen und so war es für mich keine Frage mehr, ob ich mich als Kellnerin bewerbe, sondern wo.

Mit viel Glück bin ich schließlich in einem der kleineren Zelte gelandet. Weil eine andere Wiesn-Kellnerin einen Tag vor dem Anstich die Treppe heruntergefallen ist, wurde ich vom Commis zur Kellnerin befördert und war von Anfang an bei den „Großen“ dabei. Dass mir das am Ende fast das dreifache Gehalt beschert hat, konnte ich da noch gar nicht wissen. Denn eines machen Wiesn-Bedienungen nicht: übers Geld sprechen!

Weil damals alles so spontan und ungeplant gelaufen ist, war ich denkbar schlecht vorbereitet. Ich musste mir meine komplette Ausrüstung (zum Beispiel Medikamente, Wechselgeld, Geldbeutel) noch am selben Abend besorgen, an dem ich die Zusage erhalten hatte. Diese bekam ich allerdings um 19.30 Uhr und so musste ich alle anwesenden Freunde mobilisieren, die fehlenden Sachen zu besorgen. Eine halbe Stunde später hatten wir tatsächlich alles beisammen und plötzlich war da nur noch eine Sache: die Aufregung!

Nach mittlerweile drei Jahren als Bedienung auf dem Oktoberfest kann ich sagen, dass die Sache mit der Aufregung wahrscheinlich nie verfliegen wird. Selbst die „alten Hasen“, die schon seit etwa zwanzig Jahren auf dem Oktoberfest bedienen, sind jedes Jahr aufs Neue richtig aufgeregt. Der Schlaf, der in der Nacht vor dem ersten Wiesn-Tag so wichtig wäre, kommt definitiv zu kurz. Körper und Geist bereiten sich auf das vor, was einen die nächsten Tage erwartet: Schwerstarbeit für Körper und Nerven! Irgendwann klingelt der Wecker und dann heißt es nur noch: Frühstücken, Dirndl anziehen und mit klopfendem Herzen ab ins Festzelt. (Lesen Sie hier Julia Beckerts ersten Gastbeitrag: "So bereite ich mich auf die Strapazen vor")

Dieser Moment sorgt bei mir für Gänsehaut

Irgendwann ist es soweit und die Türen öffnen sich. Was dann passiert, sorgt bei mir jedes Jahr aufs Neue für Gänsehaut pur: Innerhalb von wenigen Minuten füllen sich die Bänke und der Lärmpegel steigt von einer Minute auf die andere aufs gefühlte Tausendfache an.

Wie Wahnsinnige stürmen die Menschen auf die Bierbänke zu, um einen der begehrten Plätze zu ergattern. Viele von ihnen haben bereits seit den frühen Morgenstunden vor dem Zelt gewartet, um ganz vorne in der Schlange zu stehen. Kurze Zeit später gehen die großen, schweren Türen wieder zu, denn das Zelt ist „wegen Überfüllung geschlossen“. Wahnsinn! 

Da gibt es noch nicht mal Bier, und die Leute toben schon wie wild und immer wieder kocht die Stimmung über. Jemand stimmt ein Lied an und lawinenartig fängt das ganze Zelt an mitzugrölen. In den ersten Stunden gibt es nur alkoholfreie Getränke. Denn O’zapft ist’s erst dann, wenn Münchens Oberbürgermeister mit ein, zwei, drei, vier, vielen Schlägen das allererste Holzfass angezapft hat.

Spätestens wenn es heißt „O’zapft is“, steigt auch bei jeder noch so erfahrenen Bedienung der Adrenalinspiegel und vor den Schänken bilden sich lange Schlangen. Dann ist es soweit: Der erste Kellner, bepackt mit 14 Masskrügen, läuft zu seinen Tischen. Die Menschenmassen rasten aus. Gegröle, Jubeln, Schreie. Überall. An das Gewicht der Masskrüge denkt da keiner mehr. Der Kopf arbeitet auf Hochtouren. Adrenalin schießt durch den Körper und plötzlich ist man am ersten Tisch und muss aufpassen, dass die gierigen Feierwütigen einem nicht das Bier aus der Hand reißen. Na dann, lasset den Wahnsinn beginnen!

So geht es dann weiter. 16 Tage am Stück von Früh bis Spät

Seit zwei Jahren bediene ich mit meinem Freund in einem der größten Festzelte. Wir sind ein super eingespieltes Team und ich glaube, ohne ihn würde ich mir das alles gar nicht mehr zutrauen.

Während ich die Gäste mit Bier versorge, schleppt mein Freund auf einem riesigen Tablett (dem sogenannten „Schlitten“) eine riesige Anzahl Teller durch das Zelt. Jedes Mal, wenn ich ihn so schwer beladen sehe, bleibt mir fast das Herz stehen. Würde das alles runterfallen…man will sich den Wert des Essens gar nicht ausrechnen, der da auf so einem Schlitten gestapelt liegt! Bisher ist das zum Glück noch nicht passiert und das Einzige, was es hinsichtlich Essens-Verluste zu erzählen gibt, ist sogar ziemlich witzig.

Wiesn-Gschichtn, die man nie vergisst

Als sich mein Freund mal wieder schwer beladen durch die Gänge quetschen musste, kam irgendein besoffener Voll**** auf die tolle Idee sich – wo sonst – ihn an seinem Schlitten, den er mit einer Hand balancierte festzuhalten. Zum Glück ist nichts passiert und als mein Freund schon wieder weitergelaufen ist, hörte man plötzlich einen Mann rufen „Heee do is a Knedl in meiner Mass!“. Ohne weiter darüber nachzudenken, servierte er den Gästen das Essen und „Oh Schreck“, da fehlte doch glatt ein Knödel! Auf dem Rückweg sah er einen Mann, der sein Bier mit Knödelbeilage trank und wir beide mussten herzhaft lachen.

Doch auch beim Bierschleppen wird einem nie langweilig! Einmal bin ich mit zehn Mass den vollen Gang entlanggelaufen und hatte die Krüge wohl irgendwie schlecht gehalten. Aus Angst, die Masskrüge könnten mir herunterfallen, beschleunigte ich also mein Tempo und kurz vorm Ziel streckte ein Gast sein Bein aus und blockierte damit den halben Gang. Natürlich ist der Blick nach unten bei so vielen Masskrügen sehr eingeschränkt und so stolperte ich mit der ganzen Ladung Bier über sein Bein. „Mist, jetzt bloß nichts fallen lassen! Die 110 Euro Wert darf ich einfach nicht verlieren“, dachte ich und versuchte irgendwie auf den Knien zu landen und dabei bloß an das Bier zu denken. Ich konnte es nicht glauben, aber es ist nicht mal eine Mass verloren gegangen! Der einzige Schaden war ein aufgeschürftes Knie, aber das ist einem in dem Fall natürlich lieber, als zehn Masskrüge aus eigener Tasche bezahlen zu müssen.

Es gibt so viele Geschichten, die ich mit euch teilen könnte

Es gibt wahrscheinlich unzählige Geschichten, die ich aus drei Jahren Wiesn-Erfahrung mit euch teilen könnte. Besonders die Italiener-Wochenenden sorgen immer für einigen Gesprächsstoff.

Im Grunde genommen gibt es schöne und weniger schöne Tage. Mal kann man die Musik nicht ertragen, mal ist man voller Motivation und könnte nach Feierabend noch Bäume ausreißen. Der Wiesn-Wahnsinn hat seine guten und schlechten Seiten und sie gehören alle dazu wie das Bier eben aufs Oktoberfest.

Ein vertrautes Gesicht macht alles erträglicher

Es gibt immer wieder Gäste, die einem die Arbeit erträglich machen, mit denen man mitgrölt, lacht und feiert, als wären wir schon immer Freunde gewesen. Solche Gäste bekommen dann auch immer gerne die nächsten Tage einen Tisch. Denn eines ist sicherlich DAS Erfolgsrezept, wenn es ums „Überleben“ auf dem Oktoberfest geht: die Auswahl der Gäste!

Wenn es irgendwie möglich ist, schauen wir, dass wir jeden Tag mindestens einen Tisch mit bekannten Gesichtern oder Freunden besetzen. Es gibt nichts, das einen mehr aufmuntert, als das Lächeln eines guten Freundes, der einen Mal an seiner Mass nippen lässt und für gute Laune sorgt. Nach und nach kommen zu den Freunden die ersten Stammgäste hinzu, die mit großer Gewissheit auch angenehmer als ein besoffener Haufen Italiener sind. Natürlich müssen die genauso früh da sein wie alle anderen, denn freihalten darf man die Bänke natürlich nicht. Den Dreh hat man irgendwann raus und mit guten Gästen macht die Arbeit auf dem Oktoberfest sogar richtig großen Spaß!

Der Kopf einer Wiesn-Bedienung hat nie Feierabend

Was mich am meisten fertig macht, ist jedes Jahr der Schlafmangel! Bis man zu Hause ist, ist es meistens zwölf Uhr und dann muss noch das Dirndl gewaschen, geduscht und eine Kleinigkeit gegessen werden. Spätestens beim Haareföhnen dröhnt die Blasmusik durch meinen Kopf und ich bilde mir die Stimmen ein, die mich den ganzen Tag von allen Seiten erreicht haben.

Die Arbeit hört nie auf! Ich liege im Bett, schließe die Augen und schleppe weiterhin Bier durch die überfüllten Gänge, kriege Platzangst, die Blasmusik rauscht im Hintergrund und irgendeiner meint, sich beschweren zu müssen, dass er zu lange auf sein Bier warten mussten. Zwei Mass auf der zwei, fünf Mass und drei Radler auf die vier und der auf Tisch eins bestellt noch ein Wiesn-Hendl. So geht es die ganze Nacht. Plötzlich rüttelt mein Freund an meinem Arm und sagt mir, ich müsse aufstehen. „Warte, ich muss nur noch das Bier rausbringen“, murmele ich und drehe mich auf die andere Seite. Ich arbeite durch, selbst wenn ich nicht arbeite, und das ist viel anstrengender als die Arbeit selbst. Der Kopf kommt nicht zur Ruhe und das Einzige, was einen da noch motivieren kann, jeden Tag aufs Neue aufzustehen, ist der Blick in den immer voller werdenden Geldbeutel.

Glücksgefühle und ein Meer aus Lichtern

Das Oktoberfest endet jedes Jahr mit einer Rede der Wirtsleute, Wunderkerzen und Musik. Spätestens dann stehe ich mit einer kühlen Mass auf dem Tisch und bestaune das Lichtermeer. Da ist sie wieder: die Gänsehaut! Ich schaue zurück auf sechzehn aufregende Tage und bin einfach nur stolz! Wieder ist es geschafft und plötzlich ist alles vorbei! Ich denke an die lustigen Momente und die schweren Stunden und ein Glücksgefühl durchströmt den ganzen Körper. Nie hätte ich von mir gedacht, dass ich zu so etwas fähig bin.

Plötzlich ist der ganze Rummel vorbei, das Licht geht an und während die letzten Gäste das Zelt verlassen, beginnen bereits die ersten Abbauarbeiten. Später trifft man sich im Wirtshaus zum Feiern und lässt die ganze Last der letzten Wochen von sich fallen.

Wie jedes Jahr bedeutet das Ende der Wiesn für mich und meinen Freund den Startschuss für unseren Urlaub! Den braucht man danach auch, sonst kommt man Monate lang nicht runter und trägt die Folgen viel zu lange mit sich. Doch nach einer Woche extremer Entspannung könnte es für mich schon wieder heißen: „O’zapft is!“.

Ein Gastbeitrag von Julia Beckert. 

Lesen Sie auch ihren ersten Gastbeitrag über die Vorbereitung auf die Strapazen.

Beckert hat in ihrem ersten Gastbeitrag darüber geschrieben, wie sie sich als Wiesn-Bedienung auf die harte Arbeit vorbereitet. Während der Wiesn 2016 wird Julia Beckert zum vierten Mal in der Ochsenbraterei bedienen. Sie hat in den vergangenen elf Jahren Gastronomie-Erfahrungen gesammelt. Darüber, über ihr Leben in München und über Restaurants und Reisen bloggt sie seit einem halben Jahr auf living4taste.de.

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Beim Oktoberfest 2016 gibt es erstmals Eingangskontrollen und ein Rucksackverbot. Was Sie mit aufs Festgelände nehmen dürfen, erfahren Sie hier. Was kostet heuer die Mass Bier und welche Öffnungszeiten hat die Wiesn? Hier beantworten wir Ihnen alles, was Sie zum Oktoberfest wissen müssen. Sie schaffen es selbst nicht aufs größte Volksfest der Welt? Kein Problem: Hier läuft die Wiesn im TV und im Stream. Natürlich gibt es auf der Theresienwiese einige Regeln - hier erklären wir Ihnen, was Sie niemals auf dem Oktoberfest tun sollten. Alle News zur Wiesn finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

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