Technik auf dem Oktoberfest

Von der Handkurbel bis zum Computer

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Mit nur 11 PS ermöglicht der 74 Jahre alte Elektromotor (mitte), eine erstaunlich rasante „Fahrt ins Paradies“. Im „PowerTower“ braucht man gut hundertmal so viel: Zwei riesige Motoren (links) besiegen die Schwerkraft. Bei "Evas Fahrt ins Paradies" wird die Geschwindigkeit übers Steuer eingestellt (rechts).

München - Mehrere Generationen von Maschinen verhelfen auf der Wiesn Millionen Menschen zu einem sicheren Fahrspaß. Von der Handkurbel über einen Salzwasser-Anlasser bis hin zum Computer ist alles dabei.

Der Veteran ist 74 Jahre alt und läuft und läuft und läuft. Seine jüngsten Nachfahren füllen ganze Container und fressen jeden Tag Strom für 300 Euro: Motoren und Steuerungstechnik halten die Wiesn in Bewegung, seit die von Menschen und Pferden angetriebenen Karussells Anfang des vorigen Jahrhunderts ausgemustert wurden. Hinter den bunten Kulissen der Fahrgeschäfte werkeln in engster Nachbarschaft mehrere Technik-Generationen, und sie alle erfüllen den gleichen Zweck: Millionen Menschen ein sicheres Vergnügen zu bieten.

Toni Schleifer kurbelt an einem Rad. „Und los geht’s“, ruft er in das Mikrofon, während sich die Wagen der „Fahrt ins Paradies“ in Bewegung setzen. Die Berg- und Tal-Bahn auf der Oidn Wiesn ist Schleifers ganzer Stolz, denn sie ist noch im Original erhalten: 1939 in Thüringen gebaut, war das Karussell in den 50ern von einem Privatmann eingelagert und vergessen worden, bis es die Firma Schleifer 2003 reaktivierte.

Fahrgeschäft mit Salzwasser-Anlasser

Schleifer kurbelt erneut, und das alte Karussell nimmt erstaunlich flott Fahrt auf. Die stufenlose Drehzahlregelung ist einmalig auf der Wiesn: „Ein Salzwasser-Anlasser“, erklärt Schleifer. Das 1860 patentierte Prinzip ist einfach: Der Strom fließt durch ein Salzwasserbad, in das mit der Kurbelmechanik die Elektroden eingetaucht werden. Je tiefer sie ins Wasser ragen, umso schneller dreht sich der Motor.

Unter der Drehplattform surrt noch der originale Siemens-Elektromotor mit bescheidenen elf Pferdestärken. Dass der Münchner Technologiekonzern Fahrgeschäfte ausrüstet, hat also Tradition. In jedem zweiten Fahrgeschäft auf der Wiesn wirke Siemens-Technik mit, schätzt Helmut Bresler, der bei Siemens für dieses „Nebengeschäft“, wie er es nennt, zuständig ist.

1200 PS katapultieren Gondel in Sekunden in 60 Meter Höhe

Heutzutage darf’s freilich gern ein bisserl größer sein. Unter der Plattform des "PowerTower" etwa arbeiten zwei Elektromotoren, deren Typenaufdruck „Siemens compact“ ein wenig verniedlichend wirkt: Groß wie Kühlschränke, leisten sie je 450 Kilowatt. 1200 PS – das reicht locker, um die Gondel mit 24 Fahrgästen binnen Sekunden in 60 Meter Höhe zu katapultieren. Von dort stürzen sie beinahe im freien Fall wieder in die Tiefe, bis mächtige Scheibenbremsen die Schwerkraft besiegen.

Der Mann, der den kreischenden und johlenden Kunden das Auf und Ab beschert, sitzt in einer kleinen Kanzel an einem eher unscheinbaren Steuerpult. Ein paar Knöpfe, ein Computerbildschirm, an dem er zwischen unterschiedlichen Fahrprogrammen wählen kann – das ist alles.

Wirklich alles? Nicht ganz: Die eigentliche Steuerung geschieht in einem großen Container unterhalb der Kanzel. Ein Gebläse in Orkanstärke kühlt heulend lange Reihen von Schaltschränken, die das Monstrum im Zaum halten und Fehlbedienungen ausschließen.

Riesenrad hat ein neues Steuerungssystem bekommen

Das werde immer wichtiger, erklärt TÜV-Ingenieur Martin Weniger. Die modernen Fahrgeschäfte seien mit ihren Beschleunigungswerten an den Belastungen, die der menschliche Körper schadlos verkraftet, „teilweise ganz dicht dran“. Der Mensch allein könne die Maschinen gar nicht mehr exakt genug steuern, um Überbelastungen von Mensch und Material zu verhindern.

Auch dort, wo es viel gemächlicher zugeht, setzt man auf elektronische Unterstützung. So hat die Willenborg GmbH gerade erst eine halbe Million Euro in ein neues Steuerungssystem für das Wahrzeichen der Wiesn investiert: das 50 Meter hohe Riesenrad. Eine programmierbare, vollelektronische „Simatic S7“ füllt einen ganzen Container und unterstützt das Bedienpersonal bei der diffizilen Aufgabe, die bis zu 400 Fahrgäste so gleichmäßig auf die 40 Gondeln zu verteilen, dass das Rad bloß keine Unwucht bekommt.

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Andere Betreiber lassen sich mit der Modernisierung bewusst Zeit: Das Steuerpult der Wildwasserbahn etwa verströmt noch den Charme der 90er-Jahre. 1992 wurde die größte transportable Wildwasserbahn der Welt gebaut, und sie verrichte noch immer zuverlässig ihren Dienst, sagt Besitzer Joachim Löwenthal. Mehr als 100 Sensoren erfassen in der Anlage die kleinste Abweichung vom Normbetrieb. Die Siemens-Steuerung, die all diese Informationen verarbeitet, ist zwei Generationen älter als jene des Riesenrades. Statt Computern arbeiten hier noch spezielle Relais, sogenannte Schütze. Rund 300 davon klicken und klacken unablässig in den Schaltschränken. „Die können wir selber auswechseln, wenn mal was kaputtgeht“, sagt Löwenthal. Bei modernen Anlagen gehe ohne den Fachmann gar nichts mehr.

Dafür ist die Computertechnik erstaunlich flexibel: Die gleichen Systeme, die Riesenräder und Achterbahnen steuern, lassen auch das Wiesnbier frisch in die Mass strömen. 200-Liter-Fässer, sogenannte Hirschen, die im Viertelstundentakt herangerollt und angezapft werden, gibt es nur noch in der Augustiner-Festhalle. In den anderen Zelten lagert das Objekt der Begierde in riesigen Tanks. Vier Container mit je 28.000 Liter Fassungsvermögen hat etwa das Hackerzelt, und eine Simatic S 7 verteilt das Bier von dort durch fest verlegte Bier-Pipelines zu den Schänken, wo es immer mit dem optimalen Druck aus den Zapfhähnen fließt. Wie viel Bier dabei in der Mass landet, überwacht die Elektronik jedoch nicht. Das liegt allein in der Hand der Schankkellner.

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35 TÜV-Ingenieure beim Wiesn-Aufbau

Bis zu 35 Ingenieure des TÜV Süd sind schon beim Wiesn-Aufbau dabei, um sicherzustellen, dass all diese Systeme zuverlässig laufen, Und oft sind in letzter Minute Probleme zu lösen. So mancher TÜV-Stempel lande erst nach hektischen Nachtschichten am Morgen des Eröffnungstages in den Papieren, berichtet Martin Weniger schmunzelnd. „Aber bisher haben wir immer noch alles zum Laufen gekriegt.“

Auch die „Fahrt ins Paradies“, wie Toni Schleifer berichtet. „Wir hatten Angst, dass wir ein so altes Karussell niemals zugelassen bekommen“, erinnert sich der Unternehmer. Doch die strengen TÜV-Prüfer bescheinigten der soliden Konstruktion, dass sie auch die heute geltenden Sicherheitsnormen erfüllt. Nur eine automatische Drehzahlbegrenzung musste Schleifer einbauen, damit die Fahrt ins Paradies nicht zu schnell wird. Denn die Zeiten, in denen man die Sicherheit der Fahrgäste noch allein dem Mann am Steuerpult anvertraute, sind unwiderruflich vorbei.

Peter T. Schmidt

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