Trauriger Abbau

Schausteller Kraus ist tot - sein Karussell muss weichen

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Das letzte Motorrad: Urenkel Kevin und Sohn Dieter gestern beim Abbau des Karussells von Uropa und Vater Ludwig Kraus. Der Schausteller starb in der Nacht zum Samstag, nun musste es weichen.

München - Heuer wollte Ludwig Kraus das 50-jährige Jubiläum seines Kinderkarussells feiern. Völlig überraschend ist der Schausteller nun verstorben. Inmitten der Trauer muss sein Sohn Dieter das Karussell auf der Theresienwiese abbauen.

Das Karussell war schon komplett aufgebaut, der Kassenwagen einsatzbereit, alles vom TÜV abgenommen – der Wiesn-Start am Samstag hätte kommen können. Doch Ludwig Kraus durfte nicht mehr miterleben, wie sein Fahrgeschäft heuer auf dem Oktoberfest seine Runden dreht: Im Alter von 92 Jahren ist der rüstige Senior in der Nacht zum Samstag verstorben.

Es wäre ein besonderes Wiesn-Jahr für Kraus und sein Kinderfahrgeschäft gewesen. „1964 hat er es bauen lassen“, erzählt sein Sohn Dieter. Feierlich wollte die Schaustellerfamilie, zu der neben Dieter auch Enkelin Anja und Urenkel Kevin gehören, das 50-jährige Jubiläum feiern. „Wir haben extra ein Schild anfertigen lassen, der Pfarrer war schon für die Feierlichkeiten bestellt.“

Doch daraus wird nun nichts. Denn obwohl Dieter Kraus seinem Vater auch nach dessen Tod noch den Wunsch erfüllt hätte, dass das Karussell zum Jubiläum in Betrieb geht – das Geschäft muss weg. „Bis Donnerstag haben wir Zeit, es abzubauen.“ Bereits gestern Abend war der Platz zwischen dem Café Kaiserschmarrn und dem Autoscooter Lindner leer. Heute hat niemand Zeit, denn heute ist die Beerdigung. Ob der Platz kurzfristig an einen anderen Schausteller vergeben wird, war gestern noch unklar.

Dieter Kraus hätte das Geschäft gerne dieses Jahr noch auf der Wiesn gesehen. Er hat seinem Vater immer geholfen, wäre auch heuer eingesprungen. Weil er aber selbst eine Schießbude auf dem Oktoberfest hat, kann er das Kinderkarussell nicht betreiben. Und seine Tochter Anja? „Sie hätte es schon gemacht, wenn ich es verlangt hätte. Aber sie hat lange darauf gewartet, dass sie nun einen Imbissstand auf der Wiesn hat“, erklärt der 51-Jährige.

„Die Voraussetzung, dass jemand aus der Familie das Geschäft weiterführt, ist, dass er sich schon einmal mit einem Kinderkarussell beworben hat“, habe man ihm bei der Festleitung gesagt. Die Mutter seines Schwiegersohns in spe beispielsweise arbeite seit mehreren Jahren im Betrieb mit, sie kenne das Karussell und hätte die Aufgabe auch übernommen. „Aber sie hat sich eben nie beworben“, erklärt Kraus.

„Ich kann die Stadt verstehen“, sagt der 51-Jährige. Aber gerade in der kurzen Zeit, die ihm für die Trauer und die Organisation der Beerdigung bleibt, sei es hart, jetzt auch noch das Geschäft abbauen zu müssen. Hänge doch sein Herz sehr an dem Karussell. „Ich muss mich um alles alleine kümmern.“

Seit gestern in der Früh waren die Männer mit dem Abbau beschäftigt. „Umliegende Kollegen haben uns sogar Personal ausgeliehen“, sagt Kraus dankbar. In zwei Fuhren schafften sie das Fahrgeschäft in die Nähe von Neuburg an der Donau. Von dort stammte Ludwig Kraus, dort ist die Heimat der Familie.

„Es geht mir nicht im geringsten ums Geld“, sagt Dieter Kraus. „Ich habe ihnen gesagt, dass ich die Einnahmen auch spenden würde. Es geht mir nur um sein Vermächtnis, um die Emotionen.“ Die Emotionen, die auch Ludwig Kraus mit dem Karussell verband. Seit 1955 war er auf der Wiesn als Schausteller. „Eigentlich war er ja Metzger, aber einmal Feuer gefangen, konnte er nicht mehr loslassen.“ Jeder habe ihn gekannt, immerhin war er auf 15 Volksfesten jährlich vertreten. „Er war schon auch ein grantiger, aber ein lustiger Mensch“, erzählt Dieter Kraus.

Dass das Kinderkarussell sein Leben war, musste Ludwig Kraus nicht sagen. Noch im Krankenhaus verteilte er Fahrchips an die Krankenschwestern – ein Mal wollte er noch, ein letztes Mal zum Jubiläum. „Dann wollte er Schluss machen“, sagt Dieter Kraus. „Ich hatte nur ihn, er war alles. Deshalb hätte ich es mir für ihn gewünscht.“

Heute wird Ludwig Kraus in seiner Heimat zu Grabe getragen. Pater Paul Küppersbusch, der auch auf dem Oktoberfest im Einsatz ist, feiert den Gottesdienst. Als Ludwig Kraus starb, fand man in seinem Nachthemd einen Fahr-Chip. Den wird man ihm mit in den Sarg legen.

Andrea Steiler

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