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Mit der Polizei auf der Wiesn-Wache

Mit der Polizei auf der Wiesn-Wache

München - Freiwillig schieben die Polizisten auf der Wiesn-Wache Dienst. 2010 waren wir dort zu Besuch und stellten fest: Abend für Abend spielen sich hier erschütternde Szenen ab.

© Marcus Schlaf

Ein ernüchternder Besuch auf der Wiesn-Wache der Polizei.

Dumpfe, tiefe, kehlige Schreie. Sie klingen wie die Laute eines Seelöwen-Männchens. Der Mann, der sie hervorpresst, wird von fünf Uniformierten getragen. Sie haben seine Hände gefesselt. Auf den Rücken. Mit schwarzen Kabelbindern. Trotzdem wehrt er sich mit aller Kraft. Er dreht und windet sich, versucht, sich aus dem Griff der Polizisten zu befreien. Und schreit. Es ist 20.50 Uhr, als der „Liegendtransport“, wie ihn die Beamten nennen, den bislang ruhigen Abend in der Wiesn-Wache der Münchner Polizei beendet.

Die Beamten schleppen den Mann durch den langen Flur, an dessen frisch gestrichenen grün-weißen Wänden Spuren der ersten Wiesn-Tage zu sehen sind. Kratzer, braune Flecken, ein paar Blutspritzer. An der Rezeption bleiben die Polizisten stehen, richten den Mann auf. Offiziell heißt der Tresen, an dem die unfreiwilligen Gäste einchecken, „Gefangenensammelstelle“.

Die Bilder vom Besuch auf der Wiesn-Wache

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Hier notieren die Beamten Personalien und Vorwürfe, sammeln Wertgegestände in durchsichtigen Plastikbeuteln und machen Fotos. Auch der junge Mann, den sie im Augustinerzelt aufgegriffen haben, soll ins Bild. Er sträubt sich, versucht den Kopf wegzudrehen, ein Beamter mit schwarzen Lederhandschuhen hilft nach. Wieder Schreie.

Eine junge Frau, die im Empfangsbereich der Wiesn- Wache steht, zuckt zusammen. Eigentlich will sie nur den Diebstahl einer Handtasche melden. Nun schaut sie unsicher auf den Pulk an Polizisten, der sich um die Zellen drängt. Was genau dort hinten passiert, lässt sich von diesem frei zugänglichen Teil der Wiesn-Wache aus nicht erkennen. Ebenso wenig wie die Notrufzentrale oder der Raum, in dem Beamte die 17 Kameras auf dem Wiesn-Gelände überwachen.

Spartanische Zellen

Der schreiende Mann aus dem Augustinerzelt – nennen wir ihn Michi – liegt inzwischen in Zelle 4, ganz am Ende des Flurs. Es ist eine der Einzelzellen für schwere Fälle. Hinter der Tür mit dem Guckloch liegt ein kleiner Vorraum, dann – abgetrennt durch Gitterstäbe – die spartanisch eingerichtete Zelle. Wände und Boden weiß gefliest. In einer Ecke eine Holzpritsche, daneben eine Edelstahl-Kloschüssel – ohne Brille.

Michi, 33 Jahre alt, hat im Zelt randaliert. An diesem Abend ist er der fünfte Gast in den vier Zellen der Wiesn-Wache. Bis zu 25 Leute finden darin gleichzeitig am mittleren Wiesnwochenende Platz.

"Damit sich niemand etwas antun kann"

21.02 Uhr. Polizisten bringen den nächsten. „Gift?“, fragt der Beamte an der Rezeption. Einer der Polizisten nickt. Ein Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz. Sie reichen ihn weiter an einen der Sachbearbeiter, die in mehreren Räumen die einzelnen Fälle bearbeiten.

21.14 Uhr. Ein dumpfes und rhythmisches Klopfen. „Wir brauchen den Zellenschlüssel“, schreit ein Polizist. Er sperrt Zelle 4 auf. Michi liegt – noch immer gefesselt – auf dem Boden. Er schlägt seinen Kopf auf die Fließen. Vier Beamte gehen hinein, versuchen ihn davon abzuhalten. „Wenn er nicht aufhört, holen wir vom Roten Kreuz eine Trage“, erklärt der Beamte, „dann schnallen wir ihn darauf fest und bringen ihn nach Haar.“ Im Bezirkskrankenhaus „können sie ihn an einem Bett fixieren“. Doch Michi hört auf. Kein Klopfen mehr. Dafür wieder Schreie.

21.23 Uhr: Nicht jeder Gefangene ist aggressiv. Der Mann mit der braunen Lederhose und dem rot-weiß-karrierten Hemd steht weinend vor der weißen Wand. Fotografiert wird er trotzdem. In der Fischer Vroni hat er randaliert. Jetzt versucht er zu verhandeln. In eine Zelle will er nicht. Erfolg hat er keinen. Die Beamten schieben ihn in die Sammelzelle. Gleich wird er noch einmal für Aufmerksamkeit sorgen.

21.33 Uhr. In der Sammelzelle landet jetzt auch ein englischsprachiger Wiesn-Besucher, den eine Streife bringt. Kim soll vor dem Winzerer Fähndl Wartende am Reservierungseingang bespuckt haben. „Der ist anständig“, entscheidet sich der Beamte an der Sammelstelle und schickt ihn in Zelle 1. Die Polizisten gehen – wie immer – zuerst zum Desinfektionsmittel- Spender an der Wand, um Hände oder Handschuhe wieder sauber zu bekommen.

21.40 Uhr. Der Mann aus der Fischer Vroni hat Lederhose und Hemd ausgezogen. Jetzt sitzt er neben zwei anderen Gefangenen in seiner Unterhose auf der Pritsche. Die Beamten bleiben ungerührt, holen Hose und Hemd aus der Zelle. „Damit sich niemand etwas antun kann“, erklärt ein Polizist.

Zellenreinigung! Die Polizisten packen gemeinsam an

21.47 Uhr. Derweil haben sich an der Zelle 4 zwei Kriminalbeamtinnen postiert. Eine schaut durchs Guckloch, beobachtet Michi. „Was macht er“, fragt die andere. „Ich glaube, er schläft jetzt“, sagt die andere. Wieder schauen sie durch, ein Uniformierter fragt, ob die Fesseln gut sitzen. „Ja, die Hände sind noch schön rosig“, sagt die Kriminalbeamtin. Sie hat inzwischen Michis Eltern angerufen, bei denen der 33-Jährige noch lebt. „Die Mutter klang nicht sehr überrascht am Telefon“, sagt sie, „die hat gesagt: Das hab ich mir schon gedacht“. Sie muss lachen. Ihre Kollegin auch. Die beiden verstehen sich gut, so wie die meisten auf der Wiesn-Wache. „Jeder arbeitet hier freiwillig“, erklären sie. „Es ist eine Abwechslung zu der Arbeit auf dem Dezernat“, sagt die eine. Die andere: „Und eine Herausforderung.“

21.55 Uhr. Zelle 1 zieht um. Die Polizisten schließen auf. Heraus schwappt ein säuerlicher Geruch. Die Insassen müssen in Zelle 2 wechseln, weil sich der Gefangene aus dem Winzerer Fähndl, Kim, übergeben hat. Er darf liegen bleiben. „Zellenreinigung“, ruft ein Polizist. „Kommt!“, schreit eine Beamtin zurück.

22.03. Michi plagt ein dringendes Bedürfnis, das er gefesselt nicht erledigen kann. Zwei Polizisten gehen in Zelle 4. „Benimmst du dich?“, fragt einer, bevor er die Kabelbinder durchschneidet. Tatsächlich ist Michi diesmal nicht aggressiv. Ohne Geräusche geht bei ihm aber heute nichts. Pfeifend sitzt er auf dem Klo.

Einige Gefangene entschuldigen sich am nächsten Tag

22.07 Uhr. Die Reinigungsfrau läuft ein. Ihre Hände stecken in dicken Plastik-Handschuhen. „Erst a Gutti“, sagt sie und lässt sich von einem Polizisten ein Bonbon in den Mund schieben. „So riecht man es nicht so stark, erklärt sie lutschend. „Ich kenn mich da aus, ich hab das schon 100 000 mal gemacht.“ Dann lässt sie Kim zur Seite schieben und wischt den Boden. „Manchmal kommen die Leute am nächsten Tag wieder und entschuldigen sich für ihr Benehmen“, erzählt ein Polizist. Manchmal kommt die Entschuldigung sogar per Fax. „Die meisten können es gar nicht glauben, dass sie sich so daneben benommen haben.“

22.17 Uhr. Die erste weibliche Gefangene. Das blonde Mädchen, 21 Jahre alt, hält ihre Pumps in der Hand. Um ihren Hals baumelt ein Herz. „Meine Süße“ steht darauf. Doch die Süße kann auch anders, hat im Armbrustschützenzelt einem jungen Mann ein Bier übergeschüttet und dann den Krug nach ihm geworfen. Getroffen hat sie seine Freundin.

22.33 Uhr. Kim liegt auf dem Boden, röchelt und verdreht die Augen. Zwei Sanitäter vom Roten Kreuz kommen in die Zelle, behandeln ihn. Dann entscheiden sie: Der ist fit genug, um hier zu bleiben.

"Soll ich hier alleine verrecken?"

22.42 Uhr. Klopfen. Diesmal aus Zelle 2. Jetzt randaliert die Maßkrugwerferin. Da sie nur mit den Händen gegen die Gitterstäbe trommelt, drehen sich die Beamten um und gehen wieder. Sie kreischt hysterisch: „Soll ich hier alleine verrecken?“

22.43 Uhr: Der Fundhund ist weg. Im Hof hinter der Wache hat er sich losgerissen. Zurück bleibt ein verdutzter Polizisten – und die Leine. Ob der Hund zurück ins Hippodrom wollte? Unklar.

22.47 Uhr. Michi darf gehen. Sein Vater ist aus Erding gekommen, um ihn abzuholen. Der Papa steht am Tresen. Kommentarlos unterschreibt er Papiere, die ihm Beamte hinlegen. Michi pöbelt, was genau, versteht keiner. „Bleib ruhig jetzt“, zischt ihn sein Vater an. Michi hält sich daran. Fast unterwürfig läuft er aus der Wache hinaus hinter seinem Vater in Richtung Schottenhamel. Michi will abbiegen. Ein Blick seines Vater reicht. Sie gehen.

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